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„Habt Ihr genug getan?”

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Das Kernkraftwerk Mochovce weckt jenseits der Grenze ganz andere Emotionen als hier in Osterreich. Ein Stimmungsbericht aus der Slowakei.

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Das Kernkraftwerk Mochovce weckt jenseits der Grenze ganz andere Emotionen als hier in Osterreich. Ein Stimmungsbericht aus der Slowakei.

Und schreiben Sie das schön auf, damit uns die Österreicher verstehen”, sagt die Verkäuferin im Copy-Sh»p, während das Gerät massenweise Kopien mit Mochovce-Artikel slowakischer Zeitungen ausspuckt. Ein Kernkraftwerk? Sie ist dafür. Hätte man eine Österreicherin vor sich, würde die Antwort wohl anders klingen.

Die öffentliche Meinung zu diesem Thema ist in den beiden Ländern vollkommen unterschiedlich. Die Gründe dafür? Propaganda, Information, Tradition - aber vor allem gegensätzliche Interessen. Jedes Land löscht sein eigenes Feuer und versteht nicht, daß jenseits der Grenze etwas anderes brennt.

Im kleinen Dorf Mochovce in der Südslowakei würden ohne das Kernkraftwerk die Bewohner heute noch ein ruhiges Landleben genießen. Jetzt könnte da jeder Stein erzählen, wie viele Demonstranten, Öko-Delegationen und Ministerautos schon den fruchtbaren Tekovboden befahren haben. Nach 1989, als der „Sozialismus” sich auch da endlich verabschiedet hatte, schienen die Kühltürme nur mehr ein ewiges Denkmal kommunistischen Hochmutes zu sein. Doch es geht weiter. Geht die Slowakei ins Verderben?

Die Kernkraftwerke sind ein wichtiger Teil der slowakischen Energieversorgung. Das Werk in Jaslovske Bohunice, im Jahre 1979 gebaut, erzeugt jetzt 53,5 Prozent der Gesamtproduktion. Ohne dieses Kraftwerk hätte das Land wirtschaftlich härter zu kämpfen. Kohie-kraftwerke sind keine Lösung. Das hat die Slowakei aus dem ökologischen Desaster in Tschechien gelernt. Deshalb baut man Mochovce. Der Bedarf im eigenen Land ist beinahe gedeckt, die Nachfrage ist jedoch im letzten Jahr gestiegen. Man erwartet zusätzlich einen Konjunkturaufschwung: Das Volkswagen-werk Bratislava erhöht die Produktion, der Stahlkonzern VSZ hat mehrere neue Aufträge ...

Für einen jungen Staat ist außerdem jede Exportmöglichkeit gut. Deutschland, Frankreich, Italien -sie alle sind an slowakischem Strom interessiert. Die Wirtschaft braucht Investitionen, um stärker und exportfähig zu werden. Den Luxus, aus einem Atomkraftwerk ein Freilichtmuseum zu machen, kann sich die Slowakei einfach nicht leisten.

Spürbarer als die Atomgefahr ist heute für die meisten Slowaken das sinkende Lebensniveau. Viele Rentner können sich nicht einmal leisten, Käse zu kaufen. Von Fleisch ganz zu schweigen. Wer von einem Wiener Schnitzel nur träumen kann, hat wenig Lust, sich um Wiener Alpträume zu kümmern. Die hervorragenden W'irtschaftsergebnisse des Jahres 1994 sind für die Slowakei eine neue Hoffnung, die gesichert werden will. Auch mit Strom, natürlich.

Osterreich ist über die slowakische Sturheit empört. Hat Wien seinen

Nachbarn unterschätzt? Da liegt wohl tatsächlich einer der Gründe, warum die österreichische Stimme zwischen Donau und Tatra so wenig Verständnis gefunden hat. Kein Mensch hatte dort zum Beispiel geglaubt, daß die slowakische Seite den Hearing-Termin im Austria Center am 23. und 24. Jänner platzen lassen könnte. Die Vorbereitungen sind über die Köpfe der Slowaken hinweg getroffen worden, heißt es hier. Erst in der österreichischen Presse haben die slowakischen und französischen Retreiber von Mochovce Anfang Dezember gelesen, daß sie Ende Jänner im größten Saal Österreichs den 3.000 „Ultra-Atomfeinden” vorgeworfen werden sollten.

Emotionen regieren

Das ist unhöflich. Kein Wunder, daß Karol Rodorik, einer der Repräsentanten der SE a.s. (Slowakische Elektrizitätswerke AG), verantwortlich für AKW Mochovce, überall dasselbe wiederholt: „Sie sollten uns verstehen, bitte. Wrir sind immer bereit, mit der österreichischen Öffentlichkeit und Experten zu sprechen. Wir nehmen jedoch an keinem Happening oder an einer Show teil.”

Die meisten österreichischen Zeitungen halten das für Angst vor der öffentlichen Diskussion. Wenigstens „Die Presse” gibt einmal zu, daß die slowakischen Einwände nicht aus der

Luft gegriffen sind: „Atomkraft ist ein emotionales Thema - speziell in Österreich - bei dem eine reine Sachdiskussion unmöglich geworden ist...” (siehe dazu auch Furche-Dos-sier Nummer 3/1995).

Wenn man die Schreckensszenarien in „Kurier” oder „Krone” liest, es ist tatsächlich kein Wunder, daß die Fähigkeit der Organisatoren, die Diskussion in nüchterne Rahnen zu lenken, in Frage gestellt wird. Wenn am Abend in der Nachrichtensendung „Zeit im Bild” von den furchtbaren Erdbebenfolgen in Japan berichtet und nach den brennenden Häusern und weinenden Kindern ein Kühlturm von Mochovce gezeigt wird und dazu der Moderator mit pathetischer Stimme sagt: „Im Zusammenhang mit der Naturkatastrophe in Japan kommt immer häufiger auch die Sicherheitsfrage von Atomkraftwerken ins Gerede so ist das ein Kunststück, das man mit Erfolg zum Prestigepreis der Moskauer Schule der Propaganda anmelden könnte.

Es gibt noch ein Zauberwort, das von der österreichischen Seite oft benutzt wird, um die Slowaken zu beeinflussen: „die guten nachbarschaftlichen Beziehungen”. Da fragt man hier dann immer: „Ja, was hat denn Osterreich für den kleinen Nachbarn bis jetzt so Großartiges gemacht0 Daß wir ohne Visum nach Wien fahren dürfen? Bratislava ist jeden Tag voll mit kaufwütigen Wienern. Investieren die da, oder nutzen sie nur die billigen Angebote? Man darf nicht in Österreich arbeiten, denn die Vorschriften werden immer strenger, und jetzt möchten die westlichen Kapitalisten auch noch befehlen und uns das Brot wegnehmen. Die haben ja alles, wir haben nichts.”

Und die Slowakei ist sehr empfindlich, was ihre Souveränität betrifft. Viele Jahrhunderte mußte dieses kleine Volk gehorchen: den Ungarn, dann den Tschechen, den Russen. Sind die Österreicher jetzt die nächsten?

Obwohl vom offiziellen Österreich und diversen Umweltschutzgruppen stark angegriffen, machen sich die Investoren über die Entscheidung der Europäischen Rank für Wiederaufbau und Entwicklung (ERRD) keine Sorgen. „Die EBRD und EU verfolgen ein Programm der Kernsicherheitssteigerung in Europa. Wir haben dasselbe in Mochovce vor, diese Organisationen würden also ihrer Aufgabe untreu werden, wenn sie dieses Projekt nicht unterstützten. Wir halten alle vorgeschriebenen Verfahren und Kennziffern ein, ich kann also nicht verstehen, warum wir den Kredit von EBRD nicht erhalten sollten”, sagt Paul Aguie von der Electricite de France.

Die umstrittenen 2,8 Milliarden Schilling sind jedoch nur ein Drittel der ganzen Summe, die für eine Fertigstellung von Mochovce nötig ist, um den westeuropäischen Sicherheitsnormen zu entsprechen. Dann stünde 200 Kilometer von Wien ein Kraftwerk mit russischen Reaktoren und westlichen Sicherheitssystemen, so wie es bereits in Finnland erfolgreich arbeitet. Wenn der Kredit bewilligt wird, müßten die älteren zwei Blöcke V-l von Jaslovske Bohunice spätestens drei Jahre nach der Fertigstellung von Mochovce abgeschaltet werden.

Von der anderen Möglichkeit sprechen SE und EdF nicht. Man weiß doch, es wird auch anderweitig fieberhaft verhandelt. Die einflußreiche slowakische Tageszeitung „Pravda” vermutet, es wäre „nicht unmöglich, für ein Energieversorgungsprojekt von solcher Bedeutung Mittel auf den internationalen Finanzmärkten zu erwerben. Ihr Interesse, den Aufbau zu finanzieren, haben auch schon Rußland und Tschechien ausgedrückt. Aber selbst wenn alle diese Möglichkeiten scheitern sollten, ist die Slowakei entschlossen, Mochovce aus eigenen Mitteln zu vollenden. Dann dauert es aber wesentlich länger, westlichen Sicherheitsstandard zu erreichen. Die Slowakei wird statt über nur ein Kraftwerk ohne Weststandard, nämlich Rohunice, dann eben über zwei verfügen. Und Osterreich, das sowieso einen Vertrag über die Stromlieferungen (inklusive Strom, der in Tschernobyl erzeugt wird) mit Rußland und der Ukraine hat, bleibt hilflos.”

Mochovce wird ganz bestimmt nicht mehr gestoppt. Das steht in der Programmerklärung der neuen slowakischen Regierung, das hat auch der slowakische Wirtschaftsminister Jan Ducky im ORF klar gesagt.

Österreich hat nicht mit vollem Einsatz gekämpft. Soweit es nichts kostete, vielleicht Aber sonst ... Weder praktische Vorschläge, noch Hilfe, noch Alternativen. Erst als die Emotionen hochgingen, wurde die Leitung nach Bratislava heiß. Es scheint jedoch zu spät zu sein. Die Entwicklung geht weiter.

Das nächste Schlagwort heißt Ke-cerovee ...

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