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75 Jahre DIE FURCHE

Hongkong Hafen - © Foto: iStock/ chunyip wong (Bildbearbeitung: Rainer Messerklinger)
International

Häfenelegie

1945 1960 1980 2000 2020

In ihnen kulminieren Leben, Reichtum, Zivilisation. Ohne sie herrscht Isolation. Warum Diktatoren Hafenstädte hassen und Demokraten sie lieben. Eine Ortung.

1945 1960 1980 2000 2020

In ihnen kulminieren Leben, Reichtum, Zivilisation. Ohne sie herrscht Isolation. Warum Diktatoren Hafenstädte hassen und Demokraten sie lieben. Eine Ortung.

An Sie, die lesenden Seefahrer, oder sollte man lieber sagen die navigierenden Leser: Vielleicht sind Sie schon zu einigen Zielen auf der FURCHE-Seekarte vorgedrungen auf den vorderen Seiten, um hie und da zu kreuzen und Ideen, Gedanken, Bilder aufzunehmen. Hier nun empfängt Sie ein Ort der Ruhe und Sicherheit – vorgeblich aber nur. Tatsächlich verhält es sich ja so, dass die Horte der größten Ruhe und des allersichersten Schutzes unter Umständen die unheimlichsten sind. Man denke nur an Friedhöfe und Banken und – wenn es nach Sigmund Freud geht – an den Mutterschoß. Das Gleiche muss auch von Häfen gesagt werden, den scheinbar sichersten aller Ankerplätze.

Lassen wir uns also unsere Ankunft hier von einer Brise Unerwartetem aus der Weltliteratur auffrischen. Es geht um eine Hafenstadt in den USA: „New Bedford übertrifft alle Häfen der Welt bei Weitem. An den Letzteren sieht man nur Seeleute, doch in New Bedford stehen echte Menschenfesser schwatzend an Straßen­ecken, wahre Wilde, von denen manche noch ungetauftes Fleisch auf den Knochen haben. Da steht der Fremde, starrt und staunt.“
Schizophrene Orte

Der Name des Erzählers war Ismael und der Roman, dem er entstieg: „Moby Dick“. Seine Schilderung von New Bedford begleitet uns in den Zwiespalt, den die Häfen und Ankerplätze dieser Welt verursachen. Denn tatsächlich kann man sie als schizophrene Orte sehen.

In ihnen verwirklicht sich der Reichtum und die Sicherheit vor dem Sturm. Sie sind Angelpunkte der Zivilisationen und ihrer Verbreitung über den Erdball. Aber sie haben eben immer auch den Menschenfresser in sich, in ethischem Sinn – als da an diesem Ort der Mensch metaphorisch Mensch und Menschlichkeit verspeist. Wir finden da den Kidnapper von Matrosen, den Herzensbrecher-Abschied, den Exzess in der Kneipe, den Halsabschneider, den Ganoven und Betrüger, den Menschenhandel, die Hurerei. Häfen sind mit einem Satz Orte, in denen das Beste und das Schlechteste im Menschen seine Feierstunde hat. Nicht umsonst läuft man ja auch in den Hafen der Ehe ein – auch der kann bis ins Äußerste vielgestaltig sein.