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Handel in grauen Zonen

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Die Sanktionen, die Russland gegen die EU verhängte, haben den offiziellen Handel mit Moskau zum Erliegen gebracht. Dafür blüht nun aber der Schwarzmarkt.

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Die Sanktionen, die Russland gegen die EU verhängte, haben den offiziellen Handel mit Moskau zum Erliegen gebracht. Dafür blüht nun aber der Schwarzmarkt.

Bei manchen Übereinkommen von anscheinend riesenhafter Dimension ist es gut, auf die Choreografie zu achten. Als Ende Mai in der kasachischen Hauptstadt Astana die Staatschefs von Russland, Kasachstan und Weißrussland zusammentrafen, ging es um die feierliche Gründung der "Eurasischen Wirtschaftsunion", ein "epochales Ereignis", wie Russlands Wladimir Putin es auszudrücken beliebte. Auf gold gestrichenen Sesselchen sitzend, um einen überdimensionierten Tisch in klobig-klotzigem kasachischen Imperialstil versammelt, schoben einander die Präsidenten Dokumente zur Unterzeichnung zu, um dann auf die neue Wirtschaftsunion anzustoßen. Aber was sich da in den prunkvollen Gläsern befand, war nicht Champagner oder sonstiger edler Sprudel, sondern schlichtes Wasser.

Und auch sonst muss eher ernüchtern, was sich rund um ein Projekt tut, das dem vermeintlichen Glanz und der nostalgisch gefeierten Stärke der ehemaligen Sowjetunion wieder neues Leben einhauchen sollte. Denn kaum gegründet, gibt es im Verbund der neuen grenzenlosen Handels-und Dienstleistungszone auch schon die ersten handfesten Reibereien. Und das ausgerechnet in einem Fall, in dem es gegen den eigentlichen großen Konkurrenten geht: die Europäische Union.

Denn Russlands Importstopp gegen die EU-Waren, eine Reaktion auf die EU-Sanktionen gegen Russland im Zuge der Ukrainekrise, scheitern bisher ausgerechnet an den Bruderstaaten. Seit August türmen sich die EU-Waren nicht nur in kasachischen und weißrussischen Supermärkten. Italienischer Parmesan, französisches Katzenfutter, belgische Pralinen, passieren die Grenze zu Russland als deklariert kasachische oder weißrussische Waren.

Der Export weißrussischer Milch nach Russland hat sich nach jüngsten Statistiken seit August nahezu verdreifacht, dank tonnenweise importierter polnischer Milch, die wie alle EU-Waren unter den Importstopp fallen würden. Das weißrussische Exportsortiment wurde beispielsweise auch sehr auffällig um zahlreiche Fischsorten erweitert. Lachs aus schwedischer Produktion wird nun Lastwagenweise von Minsk Richtung Russland geschafft. Der Zufall will es, dass sich im gleichen Zeitraum die Lachsimporte aus dem EU-Raum nach Weißrussland laut offizieller Statistik verdoppelt haben.

Bunter Schattenmarkt

Die Sanktionen haben also nicht den Handel der europäischen Waren unterbunden, sondern eine Art Schattenmarkt geschaffen, der alle Kontrollen zu umgehen imstande ist. Davon profitieren vor allem halbseidene Zwischenhändler und Geschäftemacher, korrupte Beamte und Fälscher in "eurasischem" Gewand.

Die marktwirtschaftliche Embargobrecherstellung der Bruderländer stößt in Moskau auf brüske Ablehnung. Wladimir Putin hat die Bundesgenossen bereits öffentlich gerügt. Nachdem diese Kritik aber wirkungslos blieb, sind nun die russischen Behörden auf den Plan getreten und haben die Kontrollen verschärft. Allein an der Grenze zu Weißrussland wurden 18.000 Tonnen Waren gestoppt. Mehr als 100 Spediteure, die versucht hatten, Waren direkt aus Polen, Spanien oder Griechenland einzuführen, wurden angezeigt. Nun sollen mobile Zollfahnder aushelfen. Einige russische Wirtschaftsexperten meinen sogar, Putin nütze sogar der Embargobruch. Denn noch immer gibt es in den Moskauer Restaurants und Märkten Frischware aus Europa, vom Käse bis zum Salat und Pizza. Der Mangel wird so durch den Schwarzmarkt kaschiert.

Über alle Schlachthöfe

Dass auch österreichische Firmen von den Umweg-Importen profitieren, erfuhr zuletzt der freiheitliche Landwirtschaftssprecher Harald Jannach. In einer Anfrage an den Landwirtschaftsminister berichtet er von "österreichischen Firmen, vor allem Schlachthöfe und Lebensmittelverarbeiter, die alle Möglichkeiten nutzen, weiter Geschäfte mit Russland zu betreiben". Einige würde sogar Standorte in Serbien oder Weißrussland gründen, nur mit dem Ziel die Ware umetikettiert weiter nach Russland liefern zu können.

Für Thomas Reiter, dem Geschäftsführer des Obstvermarkters "Obstpartner Steiermark", wäre so etwas "nie und nimmer denkbar". Absatzmärkte über Korruption und Schmiergeld zu erschließen, sei für jeden Unternehmer ein hohes Risiko: "Es ist besser, man bleibt ehrlich und direkt. Diese Schiebereien sind nicht, was man eine gute Unternehmensphilosophie nennt". Jene österreichischen Apfelbauern, die sich nicht über Strohmänner und internationale Verbindungen Zugang zum russischen Markt verschaffen können, werden von den Sanktionen dagegen doppelt getroffen. Denn nicht nur der russische Markt ist geschlossen, damit sind auch 5000 Tonnen der Exporte dahin.

Im Dumping-Wettbewerb

Den eigentlichen Schaden richtet der Konkurrenzkampf der EU-Obstbauern untereinander an. Denn statt des gesperrten russischen Marktes versuchten nun etwa polnische Bauern, neue Länder mit billigerem Obst zu erobern. Der Preiskampf geht aufgrund der teureren Produktionsbedingungen in Österreich immer gegen den österreichischen Obstbauern aus. "Ich gehe davon aus, dass jeder fünfte Apfelbauer aufgeben wird müssen", sagt der Präsident des österreichischen Obstbauernverbandes Rupert Gsöls. Obstvermarkter Thomas Reiter überlegt nun sogar eine Klage gegen die Europäische Union wegen des "zweistelligen Millionenschadens, der durch die Sanktionen entsteht".

In Moskau steigt unterdessen die Ungeduld mit den eurasischen Blockadebrechern. Die Wirtschaftsunion, die mit erstem Jänner in Kraft treten soll, könnte deshalb mit einem Beschwerdeverfahren von Russland gegen einen der Bundesbrüder ihre erste Amtshandlung begehen. Das wäre dann doch ein sehr hässlicher Beginn für eine Allianz, die eigentlich versprach, aus der kleinen eurasischen Internationale einen Riesengewinn für alle zu schlagen.

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