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Havels Ideen und der Spirit des Heute

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Havel 1989

Der damalige Oppositionsfüh rer Václav Havel spricht zu den Menschen am Wenzelsplatz in Prag. 17. November 1989.

Gewiss ist die Politik immer im Fluss und das Ende der Geschichte des Francis Fukujama war immer mehr ein Gespinst für postmoderne Schwätzer denn für realpolitische Menschen. Aber dass es mit den Zeiten und den dazugehörenden "allgemein vorherrschenden" Meinungen derart schnell gehen kann, muss alle überraschen, die sich daran erinnern, was vor 28 Jahren im November 1989 in Prag geschah. Die samtene Revolution der Tschechen gegen das kommunistische Regime und ihre Begeisterung für Europa und die Staatengemeinschaft hätte nicht erwarten lassen, welche Politik heute in der tschechischen Republik den Ton angibt.

Der erste demokratische Präsident der postkommunistischen Ära, Václav Havel, hatte viel zum Sturz des Regimes beigetragen. Heute sind seine Ideen und Gedanken beinahe vergessen, und das, obwohl sie über Jahrzehnte praktisch Common Sense waren. Havel hielt 2009 eine Rede vor dem Europaparlament, die seine damalige Sicht der Dinge zusammenfasst. Sie sei hier nur als Kontrast aufgeführt, um den Unterschied zwischen gestern und heute erfahrbar zu machen -nicht weil sich die politische Lage in der Tschechischen Republik so drastisch geändert hat, sondern in großen Teilen Mitteleuropas. Hier seine Rede in Auszügen.

Umstrickt vom totalitären Netz

Über Demokratie und Diktatur: "Der Punkt ist, dass totalitäre oder autoritäre Formen der Regierung für gewöhnlich sehr unverdächtig beginnen, und sehr geschickte Mittel einsetzen, um die Gesellschaft zu kontrollieren. Viele von uns Tschechen beginnen erst jetzt im Rückblick zu erkennen, wie tückisch sie vom totalitären Netz umstrickt wurden. Das alles verpflichtet uns, besonders vorsichtig zu sein, dass sich das nicht mehr wiederholen kann, was wir erlitten haben."

Über Solidarität gegen Totalitarismus: "Über allem sollte die Solidarität mit jenen stehen, die sich solchen Regimen gegenüber sehen. Ökonomische Partikularinteressen dürfen diese Solidarität nicht untergraben. Selbst ein kleiner Kompromiss kann fatale Konsequenzen haben. Man darf im Angesicht des Bösen niemals den Rückzug antreten, weil es in der Natur des Bösen liegt, aus jedem Zugeständnis Vorteile zu ziehen."

Über nationale Souveränität: "Unsere Identität besteht aus vielen Komponenten, Familie, Gemeinschaft, Region, Firma, Kirche, politische Partei, Nation. Wir können ein gewisses Maß an Souveränität in allen Bereichen erlangen, aber wir haben in keinem Bereich absolute Freiheit. Es kommt darauf an, dass sich diese Eigenständigkeiten ergänzen und nicht widersprechen."

Das kulturelle Erbe Europas: "Die europäische Kultur hat unumstrittene Werte geschaffen, die heute oft als Lippenbekenntnisse vorgetragen werden. Aber sind nicht sie es, auf die es wirklich ankommt? Mein Wunsch ist, dass die "Ode an die Freude" aufhört, ein Gedicht der Völkerfreundschaft zu sein und ein mächtiges Symbol unseres gemeinsamen Strebens für eine menschlichere Welt wird."