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Ukraine-Krieg

DISKURS
Panzer Ukraine - © Foto: picturedesk.com / Reuters / Alexander Ermochenko

Heiko Pleines: „Putin hat alle seine Ziele verfehlt“

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Russlands Präsident scheint den Westen vor sich herzutreiben. Doch das wirkt nur aufs Erste so, meint Osteuropa-Experte Heiko Pleines im Interview.

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Russlands Präsident scheint den Westen vor sich herzutreiben. Doch das wirkt nur aufs Erste so, meint Osteuropa-Experte Heiko Pleines im Interview.

War die Offensive Putins in der Ukraine nicht schon lange absehbar und zeigt sich dahinter ein größerer Plan des Kremlherren? Heiko Pleines von der Forschungsstelle Osteuropa der Uni Bremen über Putins absurdes Narrativ, die Macht der russischen Armee und den Sinn von Sanktionen.

DIE FURCHE: Die bange Frage, „wann kommt der Krieg“, scheint seit Montag Abend beantwortet, als russische Truppen auf Geheiß Wladimir Putins als „Peacekeeper“ in die Ostukraine geschickt wurden. Er selbst drohte der Ukraine mit „Blutvergießen“. Wie bewerten Sie seine Ankündigungen?

Heiko Pleines: Die Geschichtsstunden, die Putin immer wieder präsentiert, auch diesen Montag wieder, sind nicht nur nationalistisch, sondern in vielen Punkten schlicht falsch. Vieles sind Verschwörungstheorien. Er beschreibt z.B. die Situation in der Ostukraine regelmäßig als Genozid. Das ist einfach nur absurd. Vieles ist auch ein doppelter Standard. Probleme, die er benennt, um der Ukraine die Staatlichkeit abzusprechen, etwa Oligarchen und Korruption, gelten ja für Russland auch. Verhaltensweisen, die er der Ukraine vorwirft, etwa im nationalen Interesse zu handeln, nimmt er für sich bezogen auf Russland stolz in Anspruch. Demzufolge hat Russland im Ergebnis Recht, weil es eine Großmacht ist, die alles darf, und die Ukraine hat keine Rechte, weil, so Putin, „die heutige Ukraine im Ganzen und vollständig von Russland geschaffen wurde“.

DIE FURCHE: Der britische Premier Johnson hat Putin unterstellt, er würde nicht mehr rational handeln. Kann es sein, dass Putins Einschätzung beeinträchtigt ist, weil er etwa gefärbte Information erhält oder nur von Gefolgsleuten umgeben ist, die ihm nach dem Mund reden?

Pleines: Ja, klar ist das möglich, und da gibt es ja auch vergleichbare Fälle: die Führungspersonen der Sowjetunion etwa, oder Nordkorea. Bei Putin war es in den ersten beiden Amtszeiten jedenfalls so, dass er sagte, er nehme über Umfragen die Wünsche der Bevölkerung wahr und nehme sie ernst. Davon ist jetzt nicht mehr so viel zu bemerken. Die andere Möglichkeit ist, dass man die gleichen Informationen wie alle hat, aber vollkommen andere Schlüsse daraus zieht. In einer Diktatur, wie wir sie in Russland haben, kann halt ein sehr kleiner Kreis von Personen spontan Entscheidungen treffen und umsetzen lassen, ohne dass Parlament, Justiz oder Öffentlichkeit echte Kontrollmöglichkeiten besitzen. Damit wird das Risiko größer, dass die fixen Ideen oder die große Risikobereitschaft einer Person das Schicksal eines ganzen Landes bestimmen.

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