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"Ich gebe Frauen eine Stimme."

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Frauen werden noch immer anders behandelt als Männer, vor allem in Entwicklungsländern und Krisengebieten. Isadora Quay von CARE kämpft für eine Veränderung.

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Frauen werden noch immer anders behandelt als Männer, vor allem in Entwicklungsländern und Krisengebieten. Isadora Quay von CARE kämpft für eine Veränderung.

Isadora Quay ist "Gender in Emergencies Advisor" der Hilfsorganisation CARE. Sie setzt sich dafür ein, dass Frauen in Krisen- und Kriegsgebieten mehr Rechte erhalten.

Die Furche: Isadora, was genau sind Ihre Aufgaben bei CARE?

Isadora Quay: Ich sorge dafür, dass humanitäre Hilfe den Ansprüchen aller Menschen gerecht wird - Männern und Frauen. In Notsituationen handeln Menschen oft sehr schnell und halten sich meist an traditionelle Strukturen, die auf Männer fokussiert sind. Ich sorge dafür, dass die Stimmen der Frauen ebenfalls gehört werden. Es ist ein globaler Job, ich muss zur Stelle sein, wenn Menschen mich brauchen. Der Job beinhaltet viel Schreibarbeit und Einsätze vor Ort. Einsätze sind natürlich spannender: Die Lage einschätzen, mit Frauen in führenden Positionen sprechen, humanitäre Anfragen entgegennehmen und an Lösungen arbeiten.

Die Furche: Inwiefern werden Frauen immer noch anders behandelt als Männer?

Quay: Man kann das auf der ganzen Welt sehen. Es ist wichtig zu erkennen, dass die ungleiche Behandlung nicht nur in Entwicklungsländern vorkommt. Auch in "unseren" Ländern passiert sie. Sexuelle Belästigung ist zum Beispiel in der Londoner U-Bahn tagtägliche Realität. In Russland wurde eben erst das Gesetz geändert - seine Frau zu versprügeln gilt nicht mehr als Straftat.

Die Furche: Der Studie "The gendered nature of natural disasters"(2007) zufolge sterben nicht nur während Konflikten mehr Frauen als Männer, sondern auch während Naturkatastrophen, und das weltweit. Wieso?

Quay: Auch eine größere Studie von 2012 kam zu ähnlichen Ergebnissen. Ein konkretes Beispiel: der Tsunami in Thailand, 2004. Nachforschungen ergaben, dass kaum eine einheimische Frau schwimmen konnte. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich Frauen zu Hause befanden, als der Tsunami kam, war zudem sehr hoch. Währenddessen waren viele Männer draußen auf dem Meer fischen und somit nicht in der Gefahrenzone. Einige Frauen ertranken laut Studie, weil sie sich nicht trauten, das Wasser nackt zu verlassen oder ihre Saris auszuziehen, die sie in die Tiefe zogen. In ihrer Kultur ist es schlimmer, öffentlich komplett entblößt gesehen zu werden als zu sterben. Wir sehen Männer und Frauen in verschiedenen Rollen. Die Rolle der Frau macht diese oft verletzlich. Das ist ständig zu beobachten.

Die Furche: Trägt also die Gesellschaft Schuld daran?

Quay: Es geht hier gar nicht um Schuld. Die Gesellschaft muss aktiv zusammenarbeiten, um Veränderungen bewirken zu können.

Die Furche: Wurden Frauen auch während der Flüchtlingskrise der letzten Jahre anders behandelt?

Quay: Was ich definitiv sagen kann, ist dass Frauen in Syrien und im Jemen von der Flüchtlingskrise betroffen sind, da sie nun noch viel öfter zu jung verheiratet werden als vorher. Ihre Familien wollen sie so häufig vor Vergewaltigungen schützen. Die Mädchen werden zu früh schwanger und die medizinische Versorgung für Schwangere ist schlecht. In Flüchtlingslagern selbst werden Frauen meines Wissens nicht explizit ausgeschlossen. Es ist eher wie in unseren Parlamenten - in Deutschland etwa sind nur rund 35 Prozent der Parlamentarier weiblich. Frauenspezifische Themen werden so vernachlässigt. Es ist die globale Konsequenz unserer Gesellschaft, dass Männer meist die Entscheidungen treffen, auch in Flüchtlingslagern.

Die Furche: Was sollten die politischen Machthaber tun, um die ungleiche Behandlung von Männern und Frauen zu beenden?

Quay: Ich wünschte, ich wüsste eine Antwort. Ich antworte lieber mit der Geschichte meines Vaters, denn ein Weg zur Gleichberechtigung ist sicher, mit Männern zusammenzuarbeiten. Als ich geboren wurde, wurde mein Vater zum Vollzeitelternteil. Er war sehr traditionell, Ingenieur, im Heer, sportlich. Als er Vater wurde, veränderte sich seine Rolle und auch das Bild, das er von sich selbst als Mann hatte. Er wollte, dass ich Gleichberechtigung erfuhr. Ich denke, die Antwort liegt in uns selbst, nicht in den Landesvertretern.

Die Furche: Wird von humanitären Organisationen und der UNO genug für Gleichberechtigung getan? Quay: Ich denke, sie versuchen es. Diese Organisationen helfen anderen, weil es sie kümmert und sie etwas verändern wollen. Sie reisen nicht in Krisengebiete, weil ihnen die Welt egal ist. Aber oft vergisst man vor lauter Arbeit auf die Gruppen, die nicht repräsentiert werden. Wir sollten alle Stimmen anhören, Dinge aus allen Perspektiven betrachten, manchmal innehalten und überlegen: Wer fehlt? Was können wir noch tun?

Die Furche: Wie können Menschen, vor allem aus dem Westen, helfen? Genügt es, Geld zu spenden?

Quay: Heutzutage ist es viel kostengünstiger und effektiver, Geld zu spenden, statt Pakete teuer zu verschicken. Durch Geldspenden können wir das Geld vor Ort verwenden und so die lokale Wirtschaft unterstützen. Finanzielle Spenden bringen also definitiv sehr viel.

Die Furche: Sie wuchsen in Schottland auf. Woher kam der Wunsch, sich humanitär zu engagieren?

Quay: Als ich klein war, ging mein Vater in Pension und wir reisten sehr viel. Wir waren lange in Kuwait, ich sah vieles aus einer internationalen Perspektive. Ich fühlte mich mit der ganzen Welt verbunden. Plötzlich verloren meine Eltern in kurzer Zeit viel Geld. Ich erlebte zudem Armut in Europa, denn in dem schottischen Dorf, in dem ich aufwuchs, waren mehrere Generationen wegen der bereits geschlossenen Kohleminen arbeitslos. Ich sah die Auswirkungen der Hoffnungslosigkeit auf die Leute, Alkohol- und Drogenmissbrauch, Apathie. Das Gefühl, dass Armut ein globales Problem ist, bestärkt mich darin, etwas dagegen zu tun.

Die Furche: Was motiviert Sie, trotz traumatischer Erlebnisse, weiterzumachen?

Quay: Der Gedanke der kollektiven Verantwortung und dass wir etwas bewegen können. Es ist unmöglich, nicht helfen zu wollen, wenn man direkt mit Armut konfrontiert wird. Außerdem darf ich es miterleben, wenn Menschen Spenden erhalten, wenn Eltern erfahren, dass sie ihre Tochter zur Schule schicken können oder ihr Sohn einen Job gefunden hat.

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