"Ich habe schlimme Dinge gesehen"

Die außergewöhnliche Geschichte des Angelo Mathuch, der aus einem Dorf im Norden des Südsudan stammt, zu einem Kindersoldaten wurde, Rettung in Amerika fand und nach 20 Jahren in seine Heimat als Helfer zurückkehrte.

DIE FURCHE: Sie sagen, dass die Geschichte des Südsudan eine große Tradition hat: die der Eroberung und des Krieges.

Angelo Mathuch: Ja, das begann mit den Türken, den Engländern, den Ägyptern, den Arabern. Für uns gibt es keine Geschichte ohne Krieg.

DIE FURCHE: Sie sind im Norden des Südsudan aufgewachsen. Wann waren Sie zum ersten Mal mit Krieg konfrontiert?

Mathuch: Als ich sehr klein war. Es gab Geräusche von Detonationen und Kugeln, und die Leute meines Ortes sind gelaufen und wir haben uns alle im Wald versteckt. Daran erinnere ich mich. Als wir zurückkamen, waren alle unsere Häuser zerstört und das ganze Dorf niedergebrannt. Wir hatten keine Vorräte mehr. So erging es auch den Dörfern in der Nachbarschaft.

DIE FURCHE: Sie sprechen von permanentem Konflikt. Welchen Stellenwert haben Waffen im täglichen Leben?

Mathuch: Einen sehr hohen. Als ich klein war und mit Mädchen aus unserem Dorf reden wollte, sagten sie zu mir, du hast keine Waffe, du bist kein Mann. Tatsächlich hat der Krieg uns dazu gebracht zu glauben, dass man nur mit der Waffe die Familie verteidigen kann. Es gab ja auch so viele Morde und Vergewaltigungen. Deshalb bin ich auch nach einiger Zeit mit den Rebellen mitgegangen, als sie mich aufforderten mitzugehen und kämpfen zu lernen. Sie sagten, bei uns bekommst du eine Waffe und dann kannst du zurückgehen und deine Familie schützen. Aber wir kamen nicht zurück.

DIE FURCHE: Sie sind zu Fuß über 800 Kilometer nach Äthiopien marschiert, am Ende bestand diese Armee der Kinder aus 30.000 Menschen.

Mathuch: Ja, aber wir verloren auch viele auf dem Marsch. Die zu schwach oder krank waren oder verletzt waren, wurden zurückgelassen. Viele starben.

DIE FURCHE: Und wie wurden Sie versorgt, als Sie im Lager ankamen?

Mathuch: Wenn es UN-Lebensmittel gab, dann haben alle gut zu essen gehabt. Aber wenn die Transporte nicht kamen, dann mussten wir in der Umgebung durch die Dörfer gehen und Lebensmittel requirieren. Wir waren zum Beispiel elf Buben und Mädchen in unserem Zug. Einer von uns musste immer gehen und Nahrung für die zehn anderen besorgen. Wie man das machte, war egal, Hauptsache man kam mit Essen zurück. Das war absolute Pflicht. Wenn uns die Leute in den Dörfern nichts gegeben haben, dann erging es ihnen schlecht. Wir sind mit unseren AK47 in die Dörfer gegangen, haben ihnen das Essen genommen, die Kleidung, die Schuhe, was uns eben wichtig war. Die Soldaten sagten, das Gewehr ist jetzt eure Familie. Damit haben wir tatsächlich alles bekommen.

DIE FURCHE: Haben Sie selbst jemanden getötet? Mathuch: Nein. Ich habe geschossen, um zu erschrecken, nicht um zu töten. Ich habe nie direkt auf Menschen gezielt.

DIE FURCHE: Und wenn jemand gemordet hat? Mathuch: Die meisten haben es zunächst gar nicht erzählt. Erst wenn der Druck zu hoch geworden ist. Manche halten diese Geschichten bei sich, aber andere können das nicht. Sie sehen die Gesichter der Verstorbenen im Traum und sie bekommen Angst.

Dann müssen sie mit einem Freund reden oder mit einem Priester.

DIE FURCHE: Sie konnten sich nach Kenia absetzen und wurden nach acht Jahren von einer Gastfamilie in den USA aufgenommen. Sie absolvierten dort die High School und hätten eigentlich bleiben können. Trotzdem haben Sie sich entschieden, nach Hause zurückzukehren. Warum?

Mathuch: Ich habe in den USA erkannt, was es bedeutet, in einer Gesellschaft aufzuwachsen, die die verschiedenen Kulturen schätzt und als Bereicherung erkennt. Ich will den Menschen im Südsudan diese Geschichte erzählen, dass alle Stämme, Völker und Religionen in unserem Land gut zusammenleben können. Und ich wollte zu meiner Mutter zurück, die ich 20 Jahre davor zurückgelassen hatte. Und wissen Sie, was sie machte? Sie hat mich wie den kleinen Buben, der damals weggelaufen ist, auf den Schoß genommen und mich geschaukelt.

DIE FURCHE: Sie haben Städte und Schulen in Österreich besucht. Wie haben denn die Menschen hier auf Ihre Geschichte reagiert?

Mathuch: Ich bin beeindruckt von diesem Land. Ich habe Schülern von meinem Land erzählt und von der Not dort. Und ich frage sie immer: So viele Möglichkeiten zu haben und Frieden und Reichtum, das ist toll. Aber es ist auch eine Verantwortung. Was macht ihr mit dieser Verantwortung?

DIE FURCHE: Und was haben die Schüler geantwortet?

Mathuch: Ich habe auf die Frage keine Antwort bekommen, aber vielleicht ist das auch nicht wichtig. Wichtig ist, dass jede Kultur für die andere eine Bereicherung darstellt. Dann kann es Hoffnung auf Fortschritt geben.

DIE FURCHE: Wold Vision, die Organisation, für die Sie arbeiten, hat in den vergangenen Jahren die Freilassung von Kindersoldaten vermittelt und konnte tatsächlich 300 Kinder befreien. Ist die Rückkehr ins zivile Leben nicht sehr schwierig?

Mathuch: Wir haben die Aufgabe, die Kinder wieder in unsere Gesellschaft zu integrieren. Aber das ist nicht leicht. Einige der Mädchen waren schwanger und niemand in ihren Heimatdörfern wollte sie haben. Anderen hat man wegen Gewalttaten misstraut. Wir haben uns also an die christlichen Bischöfe, Pfarrer und Imame gewandt.

DIE FURCHE: Priester und Imame? Mathuch: Ja genau. Dort wo alle anderen Strukturen nicht mehr funktionieren, funktionieren Gottesdienste, Kirchen und Gebetsräume. Die Geistlichen haben auch ein Interesse, dass die Gesellschaft, in der sie leben, wieder auf die Beine kommt. Sie haben geholfen, in den Dörfern der Kinder zu vermitteln und wir konnten die Kinder wieder nach Hause bringen. Wir versuchen, ihnen auch Berufe beizubringen.

DIE FURCHE: Aber gibt es denn eine Garantie, dass die Kinder nicht wieder zurückkehren, etwa wenn erneut eine Hungersnot kommt? Mathuch: Diese Garantie gibt es nicht. Es gibt nur Hoffnung.

DIE FURCHE: Wie viele Kindersoldaten gibt es noch im Südsudan? Mathuch: Ich kann es nicht sagen, aber alleine in unseren Initiativen werden derzeit ungefähr 500 Kinder betreut.

DIE FURCHE: Wie sind Sie denn persönlich über das Erlebte hinweggekommen?

Mathuch: Ich habe gesehen, welches Glück ich gehabt habe, dass ich in den USA aufgenommen wurde, dass ich lernen durfte und dass ich nach 20 Jahren zurückkehren konnte, um meinen Teil beizutragen.

DIE FURCHE: Aber ist das nicht aussichtslos in einem Land, in dem Politiker und Clanführer um die Macht kämpfen und die Korruption ein riesiges Problem ist?

Mathuch: Wir reden nicht über die Politik. Für uns ist wichtig: Wir hören nicht auf zu helfen, auch dann nicht, wenn die Umstände furchtbar erscheinen. Wir suchen den Dialog. Wir haben es geschafft, 18 Stützpunkte im ganzen Land zu betreiben, die Wiederaufbau und Gemeinschaftsbildung schaffen, und wir können bei unserer Organisation nachweisen, dass das Geld aus Spenden sinnvoll verwendet wird.

DIE FURCHE: Sie selbst leben in der Hauptstadt Juba. Sie haben auch Familie. Gibt es Momente in Ihrem Leben, in denen sie erkennen, dass die Vergangenheit Ihr Leben prägt, oder dass die Vergangenheit Sie einholt?

Mathuch: Ja, diese Momente gibt es. Ich bin übervorsichtig bei meinen Kindern. Ich vermute überall Gefahren, und das kann manchmal etwas seltsam erscheinen. Ich sage immer, tut das nicht und geht nicht hierhin oder dorthin. Ich werde dann nervös und habe Angst, dass ihnen etwas passiert. Ich habe ja auch viele schlimme Dinge gesehen.

INFOBOX

Entwicklungsvisionen

World Vision ist eine in den USA gegründete christliche Hilfsorganisation und eine der größten NGOs weltweit. Im Südsudan ist World Vision mit etwa 1500 Mitarbeitern vertreten. Angelo Mathuch ist seit vier Jahren Mitarbeiter der Organisation und für die Kontakte zu Priestern und islamischen Geistlichen verantwortlich. Gemeinsam mit ihnen versucht die Organisation, Bewusstsein für die Rechte von Kindern und Minderheiten zu schaffen. Kontakt: www.worldvision.at (tan)

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