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"Ich nehme die Gefahr sehr ernst"

Solange der Antisemitismus in Europa so stark verbreitet ist, hat das NS-Verbotsgesetz seine absolute Berechtigung, sagt michel friedman im furche-Gespräch. Am Tabubruch von Haiders Regierungsbeteiligung findet er auch nach dessen Fast-Demontage nichts Positives, und was den "Kampf der Kulturen" anbelangt, so sieht er uns "mittendrin".

Die Furche: Herr Friedman, rund um den Prozess gegen den britischen Historiker David Irving wegen NS-Wiederbetätigung vergangene Woche in Wien ist auch eine Diskussion um Sinn und Nutzen des NS-Verbotsgesetzes aufgekommen. Braucht es das Verbotsgesetz heute noch?

Michel Friedman: Die Tatsache, dass zwischen 15 und 20 Prozent aller Europäer antisemitische Vorurteile haben, zeigt, wie wichtig es nach wie vor ist, dass wir die geschichtlichen Tatsachen nicht relativieren, umdrehen oder sogar völlig verneinen lassen. Das Wissen, wohin der Antisemitismus führen kann, nämlich bis Auschwitz, ist Voraussetzung für einen nach wie vor unverzichtbaren Lernprozess in unserer Gesellschaft. So gesehen ist es richtig und wichtig, dass die Relativisten und Verneiner des Holocaust mit Strafe bedroht sind.

Die Furche: In Ihrem Buch "Kaddisch vor Morgengrauen" verlässt der Romanheld am Ende Deutschland - warum sind Sie geblieben?

Friedman: Ich bin noch in Deutschland. Viele Juden aus meiner Generation haben sich aber entschieden, Deutschland oder Österreich zu verlassen. Weil die Frage, in dem Land zu leben, das Auschwitz erfunden hat, eine noch so offene Wunde ist, dass sie für viele nicht aushaltbar ist. Es herrscht hier eine Realität, die bei allen Erfolgen, ein neues Deutschland gebaut zu haben, immer wieder durch die Gegenwart von Antisemitismus erschüttert wird. Es werden rechtsradikale Parteien in deutsche Länderparlamente gewählt. Und Österreich hat eine der unrühmlichsten Nachkriegsgeschichten Europas geschrieben, indem eine Partei, die ausländerfeindliche und judenfeindliche Ressentiments in den Wahlkämpfen eingeführt hat, zu einer Regierungspartei gekoschert wurde.

Die Furche: Sechs Jahre danach gibt es die fpö in der alten Form nicht mehr in der Regierung, und Haider gilt als entzaubert. Hat diese Regierungsbeteiligung insofern nicht mehr genützt als die Jahre der Ausgrenzung vorher?

Friedman: Aber um welchen Preis! Es war nicht richtig, es ist nicht richtig, und es wird nie richtig sein, mit Parteien, die mit dem Feuer spielen, Regierungskoalitionen zu schließen.

Die Furche: Im aktuellen Karikaturenstreit gibt es von muslimischer Seite den Vorwurf, hier werde mit unterschiedlichem Maß gemessen: Bei antisemitischen Zeichnungen wäre die Empörung in Europa, im Westen groß, bei diesen Karikaturen aber, die den Islam oder Mohammed verunglimpfen, herrsche noble Zurückhaltung.

Friedman: Ich bin ein absoluter Verfechter dessen, dass die Muslime, wenn sie durch diese Karikaturen verletzt sind, protestieren können, demonstrieren können, den Abgeordneten Briefe, e-Mails schicken können, in Deutschland den Staatsanwalt anrufen können - für all das bin ich, mit drei Rufzeichen. Womit ich nicht einverstanden bin, und da trennen sich dann doch die Wege, ist, dass dieser Protest mit Gewalt, mit Toten, mit Brandstiftung und mit verbrecherischer Energie gepaart ist. Das darf in einem Dialog, auch in einem sehr kontroversen Dialog keinen Platz finden.

Die Furche: Der Karikaturenstreit wurde auch als Bestätigung für den prognostizierten "Kampf der Kulturen" gedeutet - hat dieser Kampf jetzt tatsächlich angefangen?

Friedman: Wir sind schon mittendrin. Ob der Begriff stimmt, da bin ich nachdenklich. Auf jeden Fall stimmt, dass ein Teil der Welt - in dem die Mehrheitsreligion der Islam ist, gepaart mit politischen Diktatoren und Verbrechern - den Versuch unternimmt, hegemoniale und imperiale Macht weit über das eigene Staatsgebiet hinaus zu erwerben. Und dabei gibt es Religionsführer, die unverantwortlich den Islam missbrauchen, um gläubige Menschen zu radikalisieren, zu Verbrechern und zu all dem werden lassen, was wir Islamisten nennen.

Die Furche: Wie soll der Westen auf diese Islamisten reagieren?

Friedman: Der Westen geht bis heute damit außergewöhnlich unsicher um und ist in doppeltem Sinn des Wortes bewusstlos, weil wir diese Verknüpfung von weltlicher und religiöser Macht spätestens seit der Aufklärung hinter uns gelassen haben. Zum einen wollen wir nicht verstehen, was da passiert, zum anderen verdrängen wir es, weil die Antworten, die wir darauf geben müssten, in völligem Widerspruch zu unserem demokratischen und rechtsstaatlichen Koordinaten stehen.

Die Furche: Sie treten dafür ein, dass der Westen auf diese Gefahr aggressiver als bisher antwortet?

Friedman: Wir müssen antworten - das ist das Entscheidende. Menachim Begin hat einmal gesagt: "Wenn dir die Gegenseite sagt, sie will dich töten, dann nimm sie ernst." Und dass wir es ernst nehmen sollen, zeigen die terroristischen Angriffe, die in Europa angekommen sind. Ich nehme die Gefahr sehr ernst.

Die Furche: Welchen Wert geben Sie in dieser Situation noch dem von den Gemäßigten auf beiden Seiten hochgehaltenen Willen zum Dialog?

Friedman: Wir können den Begriff des Dialogs in diesem Zusammenhang nicht mehr anwenden. Zu einem Dialog gehören zwei. Die andere Seite will aber nicht mit uns sprechen, sondern sie will uns vernichten, sie will uns beherrschen. Wenn ich von der anderen Seite spreche, meine ich nicht "die Muslime". Ich spreche von den Islamisten, also von fanatischen religiösen Gruppen und denjenigen, die im politischen Hintergrund das Feuer schüren. Zu glauben, dass ich einen gewaltbereiten Islamisten in einem Dialog drehen könnte, ist die typisch naive Illusion des Westens. Mit dieser Illusion bleibt die Hoffnung wach, dass wir uns in diesem Konflikt nicht die Finger schmutzig machen müssen. Aber das wird nicht gehen. Wir müssen uns wehren, gleichzeitig aber umso mehr den Dialog mit den gemäßigten Kräften suchen.

Das Gespräch führte Wolfgang Machreich.

Zweites Leben, drei Berufe, drei Leibwächter

Drei Leibwächter begleiten Michel Friedman zum Furche-Gespräch in einem Salzburger Hotel. Friedman polarisiert, streitet gern und gut und ist vor allem eine öffentliche Person des deutschen Judentums - all das ist bekannt; dass als Konsequenz aus einem solchen Leben so viel Personenschutz notwendig ist, überrascht aber doch. "Der Anteil, dass ich Jude bin, ist dabei 51 Prozent. Meine Situation ist nach wie vor sehr angespannt", sagt Friedman. Ende letzter Woche hat in Wien ein Prozess gegen ihn begonnen. Jörg Haider klagt Friedman wegen Beleidigung, weil der deutsche Jude dem österreichischen Politiker in einem orf-Interview "antisemitische und rassistische Ressentiments" vorgehalten hat. Michel Friedman wurde 1956 in Paris geboren. Seine Eltern und die Großmutter gehören zu den so genannten "Schindler-Juden", die von Oskar Schindler aus dem kz Auschwitz Birkenau gerettet wurden. Fast fünfzig Verwandte sind jedoch dem Nazi-Terror zum Opfer gefallen. Der cdu-Politiker war von 2000 an stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland. Nach einer Affäre um Prostituierte und Kokain legte er 2003 alle öffentlichen Funktionen nieder und bat um "eine zweite Chance". Die hat er auch bekommen: "Es war die Hölle", sagt er, "aber für mein Leben, war es das Beste, was mir passieren konnte." Heute arbeitet er als Rechtsanwalt, Fernseh-und Zeitungsjournalist und als Herausgeber des politischen Buches im Berliner Aufbau Verlag.

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