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Im Dschungel für die Unabhängigkeit

1945 1960 1980 2000 2020
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Der letzte Jännertag des Jahres 2019 beginnt noch finster für Tausende Menschen aus dem Karenvolk. Die Hähne krähen. Schmale, spitz zulaufende Holzboote treiben bunt im Wasser. Den Motor eines solchen hört man aus der Ferne. Es taucht im dichten Nebel auf und bringt jeweils eine Handvoll Menschen auf die andere Seite des Moei-Flusses. Ihre Trachten - schlichte, handgewebte T-Shirts - leuchten genauso farbenfroh wie die Boote. Unverheiratete Frauen hingegen tragen meistens weiße Oberteile oder Kleider.

Am anderen Ufer beginnt ein anderer Staat. Offene Holzhütten stehen dort auf der lehmig verschmierten Erde. Immer mehr Leute klettern auf die Ladefläche des Pick-Ups. Bis sich zwei rund Dutzend von ihnen aneinanderdrängen. Dann fährt das Auto ruckartig los; eine Viertelstunde durch den Dschungel, wo die Schlaglöcher oft bis zu einem halben Meter tief sind. Wir sind jetzt in Myanmar. An diesem Ort glost ein Nationalitätenkonflikt - seit sieben Jahrzehnten.

Was geht da mitten im bergigen Hinterland im Südosten des Landes vor sich? Was hat der Waffenstillstand bewirkt? Und wirkt er überhaupt? Wer ist das Volk der Karen und was bringt sie zum Streit mit der Zentralregierung Myanmars? Um zu begreifen, warum das Feuer dieses Bürgerkriegs noch immer nicht ganz gelöscht ist, muss man die Komplexität des Landes und die Hintergründe dieses Konflikts verstehen.

Der Vielvölkerstaat Myanmar besteht aus 135 ethnischen Gruppen. Während die Burmesen rund 66 Prozent der Bevölkerung ausmachen, teilt sich ein Drittel der Menschen auf acht Minderheiten auf. Bei 89 Prozent der Bevölkerung ist der Buddhismus die vorherrschende Religion. Protestanten aus den USA missionierten im 19. Jahrhundert die Sgaw Karen. Deswegen und aufgrund der englischen Alphabetisierung verbündeten sie sich in den 1930er-Jahren mit den britischen Kolonialherren gegen die Burmesen und kämpften auch im Zweiten Weltkrieg auf der britischen Seite gegen die einfallenden Japaner. Als Japan die Hauptstadt Rangun eroberte, zogen sich die Briten nach Indien zurück. Die Karen-Führung rechnete mit einem unabhängigen Staat. Doch die neue Regierung enttäuschte diese Hoffnung. Und so formierte sich eine Widerstandsbewegung gegen das Regime von Burma.

Das letzte Stück gehen wir zu Fuß. Entlang des Weges haben die Karen-Familien ihre Stände aufgebaut. Es gibt gekochte Eier, gegrilltes Fleisch, gedünstete Maiskolben, Instantkaffee, süßen Tee. Eine junge Frau hackt Betelnüsse klein und verteilt ein paar Scheibchen auf einem Blatt. Dann träufelt sie gelöschten Kalk darüber. Er sorgt dafür, dass der Körper die stimulierende Substanz aufnehmen kann. Dazu kommt Tabak, und je nach Geschmack auch Zimt, Kokos oder Kardamom. Behutsam wickelt sie die grünen Blätter zu kleinen Päckchen. Fast jeder zweite Mann kaut diese Droge. Sie regt die Speichelproduktion an -der Boden ist voll von blutähnlichen Spuckflecken.

"Welcome to Kaw Thoo Lei"

An diesem Tag blickt das Volk der Karen zurück. Vor genau 70 Jahren begann nämlich ihr Freiheitskampf. Am 31. Jänner 1949 griff die Karen National Liberation Army (KNLA), der bewaffnete Flügel der KNU, das burmesische Militär an. Heute, 70 Jahre später, marschieren in der abgelegenen Basis in den Bergen an der Grenze zwischen Myanmar und Thailand die Truppen zu fröhlich-elektronischer Marschmusik auf. In die eigens für die Zeremonie ausgebaggerte Fläche würden locker zwei Fußballstadien passen. Ehrungen und Erinnerungen schallen aus dem Lautsprecher über den wolkenverhängten, staubigen Paradeplatz. Die Gewinner des Volkstanzwettbewerbes, der in den vergangenen Tagen zum ersten Mal ausgetragen wurde, werden verlesen. Die Jugendlichen aus der Tanzgruppe schlendern lachend, paarweise Hand in Hand. Die jungen Frauen tragen gelb-grüne Tücher. Ihr Haar haben sie zu einem Knoten gebunden, um dem Kopf ein breites Stirnband mit Fransen. Die männlichen Tänzer sind in rot-weiße Trachten gehüllt. Die Darsteller mischen sich mit Dorfbewohnern und KNLA-Soldaten. Auf den Tarn-Uniformen leuchten rote, weiße und blaue Insignien.

Ein Banner weht über der Fläche und listet einige der politischen Forderungen der Volksgruppe auf, darunter Aufrufe zum "Behalten unserer Armee" und "Entscheidung über unser eigenes politisches Schicksal". Eine Gedenktafel zitiert General Saw Ba U Gyi, der die Revolution begonnen hatte, um die Sklaverei der Burmesischen Streitkräfte zu beenden. Die Zeilen berichten von der Karen National Union (KNU), das sich damals die Waffen zusammensuchte, die die japanischen Soldaten hinterlassen hatten. "Wir werden unsere Freiheit bekommen. Wir sehen uns hoffentlich in Kawthoolei". Kawthoolei ist der Karen-Name für den aufstrebenden Staat, den die Minderheit seit den späten 1940er-Jahren zu etablieren versucht. Das Wort bedeutet in ihrer Sprache: "ein Land ohne Übel".

Die Vorfahren der Menschen, die sich an den Bergkuppen rund um das Areal versammelt haben und die Feierlichkeiten mitverfolgen, sind vor 2700 Jahren aus der Mongolei über Tibet in das Gebiet gekommen. 97.021 Menschen leben in Flüchtlingslagern in den thailändischen Grenzprovinzen Kanchanaburi, Mae Hong Son und besonders in Mae Sot. Sie kamen 1975 erstmals nach Thailand, weil die Aufstandsoffensive der burmesischen Armee gegen Zivilisten im Südosten des Landes gerichtet war. Damals hatte das UNHCR, das Flüchtlingshochkommissariat der UNO, noch keine Präsenz in den Grenzgebieten. Die ersten von Thailand anerkannten Lager wurden 1984 errichtet. Heute gibt es neun offizielle Camps an verschiedenen Orten entlang des Grenzflusses, von der Provinz Mae Hong Son im Norden bis zur Provinz Ratchaburi im Südwesten der thailändischen Hauptstadt Bangkok. Die Arbeit des Thailand Border Consortiums (TBC) erreicht mehr als 195.000 Menschen, in den Lagern und auch in 191 Dörfern im Südosten Myanmars.

2012 war ein einschneidendes Jahr für den langanhaltenden Konflikt. Damals unterzeichnete eine Delegation der Regierung von Myanmar und Vertreter der Karen National Union (KNU) ein bilaterales Waffenstillstandsabkommen. Es verbietet -laut der Erklärung der Karen Human Rights Group (KHRG), einer unabhängigen Organisation zur Verbesserung der Menschenrechte im Karen-Gebiet - militärische Angriffe, den Ausbau der militärischen Infrastruktur und die Verstärkung der Truppen in Waffenstillstandsgebieten. 2015 wurde ein bundesweiter Pakt unterzeichnet, der mehrere bewaffnete Gruppierungen betrifft.

Großprojekte in der Region

Die Dorfbewohner vermuten dahinter allerdings keine Friedensinteressen. Zuletzt nahm der Ausbau der Infrastruktur zu und große Industrieprojekte breiten sich aus. Die Karen glauben, dass der wahre Grund für den Vertrag der Bau von 14 Dämmen über den Fluss ist. Ein Bericht von Karen Rivers Watch warf der Armee vor, eine koordinierte Kampagne zur Kontrolle des Territoriums in der Nähe des Salween River durchzuführen, wo einer der kontroversen Staudämme entwickelt wird. Die neuen Straßen schneiden sich ohne Rücksicht durch die Ländereien der Dorfbewohner, die selbst nicht von den Projekten profitieren.

Myanmar ist eine Station an der neuen Seidenstraße zwischen China, Laos, Vietnam und Thailand. Von hier geht es weiter nach Indien. Die Gegend rund um Mae Sot auf der thailändischen Seite ist der Wilde Westen Thailands: nicht nur Zufluchtsort von Minderheiten und Staatenlosen, sondern auch Handelsroute. Immer wieder ist die Rede von Menschenhandel, dem Geschäft mit Jade und dem Opiumschmuggel.

Die Beziehungen der KNU zur Armee von Myanmar, wo die demokratischen Reformen weiterhin fragil bleiben, sind angespannt. Im Friedensprozess erzielte man kaum Fortschritte, heißt es im Jahresbericht des Thailand Border Consortiums. 2017 mussten 4000 Karen vor militärischen Anschlägen gegen die Zivilbevölkerung in Hpapun fliehen. Mehr noch flohen vor Überschwemmungen. Die Karen Human Rights Group (KHRG) berichtet von Misshandlungen, entweder durch die burmesische Armee oder durch die Demokratische Karen Benevolent Army (DKBA), eine Splitterfraktion ehemaliger KNLA-Kämpfer. Die Militarisierung würde nach wie vor andauern, was zu Zwangsrekrutierung, sexuellen Übergriffen, Folter, Tötung und einem erhöhten Verletzungsrisiko durch Landminen führen kann. Dorfbewohner leben immer noch in Angst vor solchen Vorfällen. Die Karen Human Rights Group berichtet von Beschlagnahmungen.

Fortgesetzte Zusammenstöße

Trotz der Friedensbemühungen bestätigt das UNHCR weiterhin Zusammenstöße. Nach Schätzungen des UNHCR befinden sich 120.000 Menschen in der Region in einer andauernden Flüchtlingssituation. Das Flüchtlingskommissariat ist besonders besorgt, weil die Auseinandersetzungen die Zivilbevölkerung treffen. Gefährliche Landminen und Blindgänger erschweren die Rückkehr noch immer, allerdings hätten sich die Bedingungen gebessert, heißt es. Im Oktober 2016 unterstützten die Organisationen 71 Menschen bei der Rückkehr und Reintegration. Weitere 93 folgten im Mai 2018. Und vor einem Monat fand die dritte Rückführung statt: 576 Flüchtlinge kehrten freiwillig aus fünf der Camps zurück in ihre Heimat. Die Mehrheit dieser ging nach Kayin und Kayah, eine geringere Zahl ließ sich in den Regionen Bago und Yangon nieder.

Die Parade der Karen National Union erinnerte daran, dass die oberste Priorität der Verwaltung von Regierungschefin Aung San Suu Kyi -die Beendigung der jahrzehntelangen ethnischen Kriege -weiterhin schwer zu erreichen ist. Als die Sonne durch den Nebel bricht, bemerkt man zum ersten Mal den begrünten Bergrücken, der sich steil aus dem Dschungel erhebt. Davor prangt ein Schriftzug in großen weißen Lettern, jenem berühmten in Hollywood nachgeahmt: "Welcome to Kaw Thoo Lei".

ETHNISCHE KONFLIKTFELDER

Rohingyas im Norden: vertrieben in Lagern

Mit 730.000 Menschen ist "Cox Bazaar" das größte Flüchtlingslager der Welt. Es befindet sich auf dem Staatsgebiet von Bangladesch und wird von Angehörigen des Volks der Rohingya bewohnt. Nach einer Vertreibungsoffensive des burmesischen Militärs im Vorjahr, bei der mehr als 10.000 Rohingya getötet wurden, scheint eine Rückkehr der Menschen in ihre Heimat derzeit ausgeschlossen. Bangladesch will keine weiteren Flüchtlinge mehr aus Myanmar akzeptieren. Derzeit laufen die UN und internationale Hilfsorganisationen Sturm gegen Pläne der Regierung in Dakka, Flüchtlinge auf einer einsamen Insel unterzubringen, um das Lage zu entlasten. Aus Zeltstädten in Cox Bazaar wurden wetterfeste Unterstände und Behausungen für die Flüchtlinge. (tan)