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Grenzfall

Fässer_Zypern.jpg - © Martin Tschiderer
International

In der Zwischenwelt

1945 1960 1980 2000 2020

Seit 45 Jahren ist Zypern ein geteiltes Land. Bürgerinitiativen wollen die Vision einer ­wiedervereinten Insel nicht aufgeben. Aber gibt es dafür wirklich Perspektiven?

1945 1960 1980 2000 2020

Seit 45 Jahren ist Zypern ein geteiltes Land. Bürgerinitiativen wollen die Vision einer ­wiedervereinten Insel nicht aufgeben. Aber gibt es dafür wirklich Perspektiven?

Wer die Lobby des „Arkin Palm Beach Hotel“ verlässt und 200 Meter der Sonne entgegengeht, der hat den Weg vom Leben Richtung Tod beschritten. Drinnen im Ferienressort tobt das pralle Leben, als sei nichts gewesen. Balkone mit Meerblick, angeschlossenes Casino, Doppelzimmer für 1580 türkische Lira die Nacht. Draußen biegt man einmal ums Eck, vorbei am Pool mit Lounge-Musik, an den Palmen der Beach Bar und den gestreiften Liegestühlen – und begegnet dem Tod. Gleich hinter dem Zaun aus Wellblech, Stacheldraht und zerfetzten Planen erkennt man die Skelette. Sie wachsen in den Himmel wie Türme, in ihren Fassaden gigantische Löcher, von der Abendsonne in trübes Licht getaucht.

Die Atmosphäre ist gespenstisch. Blick Richtung Meer – und am Sandstrand vertiefen sich Touristen in ihre Urlaubsromane. Eine halbe Drehung um die eigene Achse – und man blickt in das einschüchternde Antlitz der Ruinen von Varosha. Sie könnten auch im zerbombten Aleppo oder Beirut stehen und sind doch nur einen Steinwurf entfernt. Abblätternder Lack auf Beton, zerborstene Fenster, ein paar Glassplitter zwischen halb herunterhängenden Rollläden. „Fotografieren und Filmen verboten“ steht in vier Sprachen auf einer Tafel. Daneben ein rotes Warnschild mit einem illustrierten Soldaten samt Maschinengewehr und der Aufschrift „Verbotene Zone“. Wer den zynischen Kitzel in seinem Strandurlaub sucht: Welcome to Varosha! Das Hotel Palm Beach heißt Sie herzlich willkommen.

Faustpfand für Verhandlungen

Varosha ist eine tote Siedlung, eine Geis­terstadt. Und nichts steht so symbolisch für das geteilte Zypern, für die Schrecken des einstigen Bürgerkrieges, wie dieser Stadtteil der türkisch-zypriotischen Gemeinde Famagusta. Varosha ist militärisches Sperrgebiet. Schon seit 1974, als türkische Soldaten hier einmarschierten und das gerade frisch errichtete Ferienparadies besetzten. Der modernste Stadtteil Famagustas war es damals. Mit sieben Kilometern Hotels für die Urlauber. Und nagelneuen Wohnungen für die Einheimischen.

Wer die Lobby des „Arkin Palm Beach Hotel“ verlässt und 200 Meter der Sonne entgegengeht, der hat den Weg vom Leben Richtung Tod beschritten. Drinnen im Ferienressort tobt das pralle Leben, als sei nichts gewesen. Balkone mit Meerblick, angeschlossenes Casino, Doppelzimmer für 1580 türkische Lira die Nacht. Draußen biegt man einmal ums Eck, vorbei am Pool mit Lounge-Musik, an den Palmen der Beach Bar und den gestreiften Liegestühlen – und begegnet dem Tod. Gleich hinter dem Zaun aus Wellblech, Stacheldraht und zerfetzten Planen erkennt man die Skelette. Sie wachsen in den Himmel wie Türme, in ihren Fassaden gigantische Löcher, von der Abendsonne in trübes Licht getaucht.

Die Atmosphäre ist gespenstisch. Blick Richtung Meer – und am Sandstrand vertiefen sich Touristen in ihre Urlaubsromane. Eine halbe Drehung um die eigene Achse – und man blickt in das einschüchternde Antlitz der Ruinen von Varosha. Sie könnten auch im zerbombten Aleppo oder Beirut stehen und sind doch nur einen Steinwurf entfernt. Abblätternder Lack auf Beton, zerborstene Fenster, ein paar Glassplitter zwischen halb herunterhängenden Rollläden. „Fotografieren und Filmen verboten“ steht in vier Sprachen auf einer Tafel. Daneben ein rotes Warnschild mit einem illustrierten Soldaten samt Maschinengewehr und der Aufschrift „Verbotene Zone“. Wer den zynischen Kitzel in seinem Strandurlaub sucht: Welcome to Varosha! Das Hotel Palm Beach heißt Sie herzlich willkommen.

Faustpfand für Verhandlungen

Varosha ist eine tote Siedlung, eine Geis­terstadt. Und nichts steht so symbolisch für das geteilte Zypern, für die Schrecken des einstigen Bürgerkrieges, wie dieser Stadtteil der türkisch-zypriotischen Gemeinde Famagusta. Varosha ist militärisches Sperrgebiet. Schon seit 1974, als türkische Soldaten hier einmarschierten und das gerade frisch errichtete Ferienparadies besetzten. Der modernste Stadtteil Famagustas war es damals. Mit sieben Kilometern Hotels für die Urlauber. Und nagelneuen Wohnungen für die Einheimischen.

Die Interessen sind zu schwer vereinbar. Die Traumata sitzen zu tief. Die Erschießungen, die Massaker, die Vertreibungen.

Doch im Juli 1974 putschten griechisch-zyprische Nationalisten – unterstützt von der Militärjunta in Athen – gegen Staatspräsident Makarios. Ihr Ziel: Der Anschluss Zyperns an Griechenland. Die türkisch-zyprische Bevölkerung befürchtete das Schlimmste, die Türkei marschierte kurz entschlossen ein – völkerrechtlich nicht gedeckt. Zu den Folgen zählte eine Weltpolitik am Abgrund zu einem NATO-Krieg und eine Teilung, die an den Eisernen Vorhang erinnerte. Seither besteht die nur 9000 Quadratkilometer kleine Mittelmeer­insel mit gerade 1,1 Mio. Einwohnern aus der griechisch dominierten Republik Zypern und der türkischen Teilrepublik Nordzypern, die nur von der Türkei anerkannt wird. Die „grüne Linie“ dazwischen wird von UNO-Soldaten überwacht. Nikosia ist heute die letzte geteilte Hauptstadt der Welt. Varosha, genau an der Grenze der beiden Landesteile gelegen, behielt man sich auf türkischer Seite als Faustpfand für künftige Verhandlungen.

Und die Verhandlungen stagnieren. Überhaupt seit 2017 die UN-vermittelten Gespräche zwischen dem griechisch-zyprischen Präsidenten Nikos Anastasiadis und Mustafa Akıncı, Präsident der Türkischen Republik Nordzypern, im schweizerischen Crans-Montana scheiterten. Und mit einer Kakofonie aus wechselseitigen Beschuldigungen endeten. Eine Lösung der „Zypernfrage“ steht seit bald einem halben Jahrhundert aus. Denn die Interessen sind zu schwer vereinbar. Und die Traumata sitzen zu tief. Die Erschießungen, die Massaker, die Massenvergewaltigungen. Und auch die rigiden Zwangsumsiedlungen. Bis zu 160.000 Zyperngriechen und 70.000 Zyperntürken verloren dadurch ihre Heimat. Wird es also jemals wieder so etwas wie ein vereintes Zypern geben können?

UN65_Zypern.jpg - Beim Paphos Gate in Nikosia stehen noch die Überreste des UNO-Checkpoints 65. - © Martin Tschiderer
© Martin Tschiderer

Beim Paphos Gate in Nikosia stehen noch die Überreste des UNO-Checkpoints 65.

Freitagabend, kurz vor 18 Uhr. Gleich wird die Sonne untergehen an diesem heißen Oktobertag in Nord-Nikosia. Junge Männer bauen ein Buffet auf, Tramezzini-Häppchen mit Oliven, daneben füllen sich langsam die Stehtische im türkisch-zypri­schen Teil der Stadt. Auch das zypriotische Staatsfernsehen ist gekommen. Denn der, auf den hier alle warten, ist inzwischen nicht mehr oft in Nikosia. Schon gar nicht aus einem Anlass wie diesem. Irgendwann zieht er dann ein, begleitet von feierlicher Musik, die Scheinwerfer der Kameras folgen ihm wie in Choreografie mit den Augenbewegungen der Gäste. Ein paar einleitende Worte seiner Begleiter. Dann nimmt er das Mikrofon und sagt: „Es gab Widerstände auf beiden Seiten gegen die heutige Eröffnung.“ Und später, unter Applaus: „Aber wir wollen die Nationalismen endlich hinter uns lassen. Und eine gemeinsame, eine föderative Republik Zypern.“

„Selbe Ideen, gemeinsamer Kampf“

Der Mann am Mikrofon heißt Niyazi Kızılyürek und ist Universitätsprofessor für Politikwissenschaft, eine der prominentesten Persönlichkeiten in Zypern. Vor allem aber ist er seit den EU-Wahlen im Mai Abgeordneter zum Europäischen Parlament. Und dass das so etwas Besonderes ist, hat einen Grund: Kızılyürek, klein gewachsen, Nickelbrille, legeres kurzärmliges Hemd, ist türkischer Zypriote – und damit 45 Jahre nach der Teilung der erste Zyperntürke im EU-Parlament. Gewählt wurde er mit Stimmen griechischer wie türkischer Zyprioten. Eine Tatsache mit durchschlagender Symbolkraft, die dem 59-Jährigen enorme internationale Aufmerksamkeit brachte. Medien von Süddeutscher bis Le Monde feierten ihn als Integrationsfigur für ein gemeinsames Zypern, als Hoffnungsträger für die Wiedervereinigung der Insel. Aber wie viel Aufbruchstimmung ist ein halbes Jahr nach Kızılyüreks Triumphzug Richtung Brüssel noch übrig?

‚Das sind Spione der ­Regierungen‘, sagt einer der ­Gäste. ­‚Sowohl aus dem ­Süden, als auch aus dem Norden.‘

Geht es nach den Besuchern der Eröffnung, dann so einiges. Denn was hier, im Nordteil Nikosias feierlich eingeweiht wird, ist ein EU-Büro Kızılyüreks. Ein Büro eines EU-Abgeordneten im türkischen Nordzypern. In einem Territorium also, das völkerrechtlich zwar zur EU gehört, in dem die Union aber faktisch kein Recht durchsetzen kann. Und die Besucher, die heute gekommen sind, sind Teil einer international orientierten Blase, die Separation und Nationalismen auf beiden Seiten hinter sich lassen will: NGO-Mitarbeiter. Junge Wissenschaftler. Vertreter zivilgesellschaftlicher Initiativen. Sie alle wollen an ein wiedervereintes Zypern glauben. Geht es nach Kızılyürek selbst, hat sein Büro zumindest symbolische Bedeutung. „Es macht schon etwas aus, wenn türkische Zyprioten jetzt täglich dort vorbeigehen und sich über die EU informieren können“, sagt er im Gespräch mit der FURCHE. Viele Zyperntürken hatten im Mai schließlich nicht einmal gewusst, dass sie bei der EU-Wahl wählen dürfen. „Menschen, die an dieselben Ideen glaubten, führten einen gemeinsamen Kampf“, sagt Kızılyürek, der von der griechisch-zyprischen Linkspartei AKEL aufgestellt wurde.

Opfer-Narrativ

Doch auch die Kritiker von Kızılyüreks Antritt waren auf beiden Seiten laut. Türkische Separatisten hatten schon zuvor mit Argwohn beobachtet, dass ein Zyperntürke im Südteil der Insel akademische Karriere machte – und hielten sein Antreten für eine zyperngriechische Partei erst recht für einen Affront. Griechisch-zypriotische Nationalisten dagegen sahen im Antritt eines Zyperntürken eine gefährliche symbolische Anerkennung der türkischen Teilrepublik. Zeugnis der nationalistischen Skepsis geben auch die Männer, die das Geschehen bei Kızılyüreks Büroeröffnung ein wenig aus dem Abseits beobachten. „Spione der Regierungsbehörden“, sagt einer der Gäste. „Sowohl aus dem Süden, als auch aus dem Norden.“

„Es ist schon ein starkes Zeichen, dass so viele Botschafter europäischer Länder zur Eröffnung kamen“, sagt dagegen Andromachi Sophocleous, die auch bei der Eröffnung war. Jetzt sitzt sie, griechische Zypriotin, im Café des „Home for Cooperation“ und erzählt mit ihrem Kollegen Kemal Baykalli, türkischer Zypriote, von ihrem gemeinsamen Projekt. Es heißt „Unite Cyprus Now“ und hat rund 1000 Mitstreiter. Eine zivilgesellschaftliche Initiative, die die Teilung der Insel überwinden will. Der Ort, den die beiden für das Treffen ausgesucht haben, ist natürlich kein Zufall. Das „Home for Cooperation“ ist eine anerkannte NGO. Es dient vor allem als Veranstaltungs- und Dialogzentrum, das mit kultureller Soft Power Nationalismen beider Seiten entgegenwirken will. Das Zentrum, ein modernes Gebäude mit großen Glasfens­tern und einer Bibliothek politisch-historischer Bücher im Inneren, liegt inmitten der UNO-Pufferzone zwischen Nikosias Norden und Süden.

NGO_Zypern.jpg - Andromachi Sophocleous, griechische Zypriotin, und Kemal Baykalli, türkischer Zypriote, engagieren sich bei „Unite Cyprus Now“ für die Wiedervereinigung. - © Martin Tschiderer
© Martin Tschiderer

Andromachi Sophocleous, griechische Zypriotin, und Kemal Baykalli, türkischer Zypriote, engagieren sich bei „Unite Cyprus Now“ für die Wiedervereinigung.

„Das Problem ist, dass es auf beiden Seiten an Vertrauen fehlt“, sagt Sophocleous, dunkle Lockenmähne, geschliffenes Englisch, und spricht dabei ausladend mit den Händen. Am Nebentisch trinkt eine Gruppe junger Blauhelmsoldaten gerade ihren Nachmittagskaffee. Man habe auf der Insel zu lange verabsäumt, der jeweils anderen Seite zuzuhören und ihre Perspektive zu erfahren. Bis 2003, kurz vor dem EU-Beitritt Zyperns, einige Grenzübergänge geöffnet wurden, war Austausch zwischen türkischer und griechischer Community auch schlicht nicht möglich. „Da haben sich die Menschen auf beiden Seiten ihr eigenes Opfer-Narrativ zurechtgelegt“, sagt Baykalli. Die beiden Aktivisten sind Diffamierungen von Nationalisten gewohnt. „Der Norden behauptet, wir sind Agenten des Südens“, sagt Sophocleous. „Der Süden hält uns für Spione des Nordens.“ Und die Medien spielten mit. Ein Karikaturist der griechischsprachigen Zeitung Phileleftheros hat die beiden einst gar als Marionetten des türkischen Präsidenten Erdoğan dargestellt, erzählen die Aktivisten.

Erdoğans Kriegsschiffe

Die liberal-konservative Phileleftheros ist das wichtigste Blatt Zyperns. In der Cafeteria der Redaktion, Hochhaus im griechischen Südteil Nikosias, sitzt einer, der den Idealismus der NGOs ein wenig skeptisch sieht, und sagt: „Ich würde mir ein wiedervereintes Zypern wünschen. Aber ich glaube, das wird schwierig.“ Yiannis Antoniou ist einer der prominentesten Meinungskolumnisten der Zeitung, die von Hardliner-Positionen in der Wiedervereinigungs-Frage und Nähe zum zyprischen Außenministerium geprägt ist. Manche würden die Teilung Zyperns mit jener von Berlin vergleichen, sagt der Kolumnist. „Aber wir sind nicht ein Volk. Wir sind zwei Völker mit zwei verschiedenen Kulturen.“ Und die Beziehungen zwischen Nord und Süd haben sich zuletzt wieder verspannt. Wegen des türkischen Einmarsches in Syrien, den man im nur 100 Kilometer entfernten Zypern nervös beobachtet. Vor allem aber wegen des Konflikts um Erdgasvorkommen vor der Küste Zyperns – Erdoğan ließ gleich nach der Entdeckung türkische Kriegsschiffe dort auffahren.

Die Angst vor der Expansionspolitik Erdoğans und einer zunehmenden Islamisierung der traditionell säkularen Teilrepublik im Norden ist es auch, die heute wieder eine Mehrheit der Zyperngriechen zu Wiedervereinigungs-Befürwortern macht. Vor 15 Jahren war das noch anders. Damals hatte der Annan-Plan, vorangetrieben vom damaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan, versucht, die Gunst der Stunde vor Zyperns EU-Beitritt zu nutzen und einen föderalen Staat mit zwei Volksgruppen und zwei Landesteilen zu etablieren. Der Plan mündete 2004 in einer Volksabstimmung.

Doch während die Zyperntürken mit 65 Prozent für eine Wiedervereinigung stimmten, sprachen sich die Zyperngriechen mit satten 76 Prozent dagegen aus. „Nach diesem Entscheid gab es natürlich einen Backlash für die Wiedervereinigung“, sagt Maria Hadjipavlou, Professorin für Politikwissenschaft in Nikosia, die seit Jahrzehnten zur Teilung forscht. „Die Zyperntürken sagten: Da seht ihr es, die Griechen wollen nicht mit uns leben. Die Zyperngriechen sagten: Die Türken wollen nicht anerkennen, dass der Annan-Plan nicht genug Kompensation für die einst aus dem Norden Vertriebenen bietet.“ Das Scheitern des Annan-Plans vertiefte also die Trennung.

In der Bar läuft ‚Wind of Change‘. Ganz so, als würde hier ein griechisch-türkischer Prager Frühling in der Luft liegen. Allein: Nichts dergleichen liegt in der Luft

Und in Nikosia ist diese Trennung omnipräsent. Beim „Paphos Gate“ im Süden stehen noch die Überreste des UNO-Checkpoints 65. Wachhäuschen mit Ausblick, weiß gestrichen, die Holzbalken geknickt. Dahinter Ölfässer, aufgetürmt zu einer Barriere. Ein paar Ecken weiter drei griechisch-zypriotische Grenzsoldaten mit MGs im Anschlag. Daneben sitzt ein älterer Zyprer mit tiefen Falten im Gesicht seelenruhig auf einer Bank, als wäre er direkt von der Patros-Werbung aus dem Fernseher gestiegen. Das Leben zwischen Mauern und Stacheldraht. Die schwerbewaffnete militärische Präsenz. Alles ganz normal auf Zypern.

Geht man die Ledra, die zentrale Einkaufsstraße Nikosias, nordwärts, erreicht man bald den Checkpoint zur türkischen Seite. Und die Welt ist eine andere jenseits der innerstädtischen Republiksgrenze. Vor allem abends. Herrscht im griechischen Teil pralles Leben, entdeckt man auf türkischer Seite vor allem: leere Straßen. H&M, Burger King, offene Eisdielen hier. Dunkle Gassen, heruntergelassene Rollläden dort. Kleingeschäfte, die tagsüber Markenfälschungen verkaufen, Nike-Schuhe um 15, Louis-Vuitton-Taschen um 20 Euro. Und vor allem: keine internationalen Ketten. Die „Republik Nordzypern“ ist eben nicht anerkannt, wer also sollte hier investieren?

Dunkle Melancholie

Nach Kızılyüreks Wahl ins EU-Parlament sprach der griechisch-zyprische Präsident Anastasiadis von „Leihstimmen“ türkischer Zyprioten. „Das sendete ein Signal der Delegitimierung an Zyperntürken“, sagt Yiannis Papadakis, Professor für Sozialanthropologie und Autor zahlreicher Publikationen zur Teilung Zyperns. „Obwohl sie gesetzlich wahlberechtigt sind.“ Und diese Zweifel an der eigenen Legitimität, die spüren die Türken in Zypern.

Nicht nur der kulturelle, auch der ökonomische Unterschied zwischen Nord- und Südnikosia wird binnen weniger Meter sichtbar. Häuser in den Hinterstraßen verfallen unbewohnt, Geschäfte stehen leer. Am späteren Abend trifft man fast nur Männer auf den Straßen, da und dort spielt eine Gruppe von ihnen Karten. Und in der Dunkelheit spürt man eine seltsame Melancholie, die sich schwer in Worte fassen lässt. Mit dem mutmaßlichen Ursprung dieser Melancholie ist das schon einfacher: Die jungen Menschen hier haben keine nennenswerten Perspektiven. Die fehlende internationale Anerkennung ihrer Heimat ist für sie größere Barriere als der Stacheldraht in der Pufferzone. Gerade die jungen türkischen Zyprioten wollen deshalb die Wiedervereinigung.

„One Cyprus“ steht auf einen Rolladen gesprüht im türkischen Teil der Stadt. In der Barasta-Bar läuft „Wind of Change“ von den Scorpions. Ganz so, als würde hier ein griechisch-türkischer Prager Frühling, ein zypriotisches „Europäisches Picknick“ in der Luft liegen. Allein: Es liegt nichts dergleichen in der Luft, nur der süßliche Duft der Shisha-Pfeifen, die in Nikosia an jeder zweiten Ecke geraucht werden. Die Hoffnungen, nach der Ablehnung des Annan-Plans doch noch an einem wiedervereinten Zypern zimmern zu können, wurden mit dem Scheitern von Crans-Montana 2017 zertrümmert. Wohl für lange Zeit. „Wir sind in eine Art stabile Ausweglosigkeit hineingeraten“, sagt Niyazi Kızılyürek am Ende des Gesprächs mit der FURCHE. Es mag vieles über die aktuelle Lage Zyperns verraten, wenn ausgerechnet die Gallionsfigur der Wiedervereinigungs-Bestrebungen solche Worte wählt. Aber positives Denken, heißt es, soll ja wichtig sein.

Diese Reportage entstand mit einem Stipendium von „eurotours 2019“, finanziert aus Bundesmitteln.