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Islamische Politik fiel bisher immer ins Klandenken zurück

Es ist schwieriger denn je, die Ereignisse in den islamischen Staaten einzuschätzen. Bassam Tibi, der aus Syrien stammende deutsche Professor, ist wohl die beste Quelle, will man den Sinn dessen verstehen, was man an Verwirrendem aus dem islamischen Raum hört. In „Die Verschwörung - Das Trauma arabischer Politik” findet man die wichtigsten Wurzeln dessen aufgezeigt, was heute so unverständlich erscheint.

Von Beginn an hat sich der Islam als die definitiv letzte Erlösungsreligion verstanden - von Anbeginn mit Widersprüchen, die ihm noch nachhängen und Schwierigkeiten mit sich selber und mit der Umwelt bringen. Der endgültigen Erlösung der Menschheit gewidmet, wurden und werden etwa die Eroberungsfeldzüge des ersten islamischen Jahrtausends nicht als Angriffskriege gesehen. Die christlichen Kreuzzüge zur Rückeroberung verlorener Gebiete dagegen sind für Mohammedaner heute noch Fallbeispiele für die Angriffslust des Westens, der sich gegen den gerechten, friedfertigen Islam verschwört.

Mohammed trat in einer zersplitterten arabischen Stammesgesellschaft als Einiger auf, mit den arabischen Stämmen beginnend, doch von vorneherein mit dem Anspruch, der ganzen Menschheit die ganze Wahrheit zu verkünden. Dementsprechend sagt auch Erzengel Gabriel, der Mohammed die Botschaft Gottes übermittelt, er spreche bloß deshalb arabisch, damit diese Leute da ihn auch verstünden. Unmittelbar nach dem Tod Mohammeds fielen seine Anhänger sofort in die Stammesmentalität zurück: Die Kalifen beriefen sich nicht auf ihre Stärke oder Reinheit als Mohammedaner, sondern stets auf ihre direkte Abstammung vom Propheten oder zumindest Zugehörigkeit zu seinem Stamm oder Klan. Die berühmteste arabische Dynastie, die Ummayyaden, zu denen auch Harun al Rachid gehörte, war ein Klan des Stammes der Quraisch, Mohammeds Stamm. Alle Kalifendynastien vor und nach den Ummayyaden errichteten Klansherrschaften, und als die Türken schließlich die Macht in der moslemischen Welt an sich rissen, dann weil sie nicht einen doch zu begrenzten Klan, sondern einen großen Stamm zum Herrscher der islamischen Welt machten, den türkischen.

Weil das einigermaßen in das arabische Denksystem paßte, ging es einige Jahrhunderte gut, bis im vorigen Jahrhundert europäische nationalistische Ideen die Jungtürken auf die Idee brachten, den Arabern die türkische Sprache aufzwingen zu wollen. Denn die Araber betrachteten den Koran stets als arabisches Eigentum, sich selbst in diesem Zusammenhang als von Gott noch vor den Juden für den ersten Rang auserwähltes Volk.

Man denkt bei solcher geschichtlicher Situation unwillkürlich an Moses und den griechischen Geographen Strabo, der zwei oder drei Jahrzehnte vor der Geburt Christi Palästina bereiste. Nach Strabo hielt das Volk den Moses für einen friedlichen Verkünder der zehn Gebote des einzigen Gottes für die gesamte Menschheit, der nie eine Waffe in die Hand nahm. Erst böswillige Hohepriester hätten, nach dem Glauben des einfachen Volkes, später aus Moses einen blutrünstigen Eroberer gemacht, der seine militärischen Führer beschimpfte, weil sie nicht alle Besiegten - außer den Jungfrauen für den Privatgebrauch - umgebracht hätten.

Die arabischen Gebiete wurden erst im Verlauf des ersten Weltkrieges und der britischen Nahostpolitik zu Nationalstaaten gemacht. Flaggenstaaten nennt Bassam Tibi sie, denn die Flagge sei das einzige Attribut eines Nationalstaats, das sich in diesen Ländern ausmachen lasse. Land für Land analysiert er die lokale Herrschaftsstruktur und findet immer wieder die grundsätzlich identen Verhältnisse, gleichgültig, ob es sich um so gegensätzliche Länder wie Saudi-Arabien oder den Irak handelt. Beide Staaten sind praktisch Privatbesitz eines Klans, ob es sich nun um eine relativ homogene Bevölkerung wie in Saudi-Arabien oder völlig verschiedenen Volksgruppen wie im Irak handelt. Die Form beeinflußt nur oberflächlich den Inhalt.

Ausnahmen gibt es erst außerhalb Arabiens. Ägypten und der Iran waren seit altersher reguläre Staaten, die jeweiligen Traditionen stammen aus der vorislamischen Zeit. Im übrigen wurde Ägypten erst unter Nasser zum „arabischen Staat” erklärt. Vorher hatten ihm die Araber diese Eigenschaft abgesprochen. Angesichts der Unfähigkeit der anderen islamischen Staaten des Vorderen Orients, mit der Frage Israel fertigzuwerden, und angesichts der relativen militärischen Stärke Ägyptens, sah er Möglichkeiten, Ägypten zum Kernpunkt und praktisch zum Beherrscher eines wirklich modernen gesamtarabischen Nationalstaates zu machen. Aber auch ihm gelang es nicht, den Stammesund Klanswirrwarr unter einen Hut zu bringen. Für die Iraner bietet sich die Situation noch schwieriger dar. Sie werden nicht einmal als Pseudoaraber betrachtet wie die Ägypter. Die terroristischen Fundamentalisten sind nur an ihrem Geld und ihren Waffen interessiert.

Das gilt auch für alle sonstigen Versuche, alle arabischen Kräfte, etwa in der Arabischen Liga, zu gemeinsamem Handeln zu bringen. Saddam Hussein mußte das erfahren, als er sich zum panarabischen Vorreiter gegen die weithin verhaßten Golfscheichs aufschwingen wollte. Aber auch seine arabischen Gegner brachten es nicht zu einer gemeinsamen Strategie.

Ahnliches läßt sich von den islamistischen Fundamentalisten sagen.

Was bei ihnen an einheitlicher Strategie zusammenkommt, geht vor allem auf den Druck von Geld- und Waffengebern aus Iran und Saudiarabien und in geringerem Maß auf den Sudan zurück. Zu einer gewissen Einheit zwingen meist auch die Zwangsmaßnahmen der Gegner. Sowie der äußere Druck jedoch nachläßt, beginnen sie sich sofort gegenseitig zu zerfleischen, denn es geht dann bereits wieder darum, einem Klan die Herrschaft zu sichern. Das Schulbeispiel dafür stellt Afghanistan dar.

Was sich aus dem wie stets bei Tibi gewaltigen Detailreichtum als Schlußfolgerung ergibt, ist unter anderem auch die Haltlosigkeit der westlichen Furcht vor einer islamischen Bedrohung, vor einer Machtballung von Petrodollars und Atombomben als Gegenstück zur allgemeinen, weltweiten Tendenz zur Demokratisierung. Gewissermaßen als spätes Pendant zur sowjetischen Drohung. Was dagegen zu erwarten ist, ist eine dauernde Instabilität, sind Unruheherde ohne Ende, die immer wieder hier aufbrechen und dort schon wieder in sich zusammenfallen.

Was die Möglichkeiten einer echten demokratischen Entwicklung in den islamischen Ländern betrifft, ist Bassam Tibi zwar nicht optimistisch, doch sieht er gleichwohl Möglichkeiten. Vordringlich wäre die Palästinafrage endlich für beide Seiten zufriedenstellend zu lösen. Man sollte nicht vergessen, daß die Palästinenser das Volk mit dem höchsten Anteil an gebildeten und damit an Menschen aufweist, die an demokratischen Verhältnissen interessiert sind. Wenn irgendein kernarabisches Land Chancen hat, eine moderne Demokratie aufzubauen, dann ist es Palästina. Diesem Volk den Weg zu versperren, heißt, den Fundamentalisten der Hamas und der Hezbollah zu gestatten, einen permanenten Unruheherd zu unterhalten. Das heißt aber vor allem, auf den Vorbildcharakter eines demokratischen Palästina für die arabische

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