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Eine unmögliche Wahl

FOKUS
Israel - © Foto: APA / AFP / Jalaa Marey

Israel: Diskurs mit Obsessionen

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Die Lektüre des Sammelbandes „Israel: Was geht mich das an?“ regt dazu an, eigene Ansichten zu hinterfragen. Auch oder gerade, weil die Texte mitunter provozieren und verstören. Ausgewählte Einblicke.

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Die Lektüre des Sammelbandes „Israel: Was geht mich das an?“ regt dazu an, eigene Ansichten zu hinterfragen. Auch oder gerade, weil die Texte mitunter provozieren und verstören. Ausgewählte Einblicke.

Der Titel dieses Buches führt in die Irre. Tatsächlich herrscht bei den Autorinnen und Autoren des Sammelbandes „Israel: Was geht mich das an?“ Konsens darüber, dass zu viele glaubten, Israel gehe sie etwas an. Stünde auf dem Cover „Warum euch Israel nichts angeht“, wäre es stimmiger. Einem Großteil der Menschen weltweit sei es unmöglich, Israel neutral gegenüberzustehen, lautet der Sukkus dieses Buches; im medialen Diskurs sei vielmehr eine sich aufheizende AntiIsrael-Stimmung wahrnehmbar.

Belegt wird dies fast ausschließlich mit subjektiven Erfahrungen. Haben die Autor(inn)en folglich Recht? Ist es für einen Österreicher, eine Deutsche, einen Europäer unmöglich, sich meinungsmäßig zu den Geschehnissen in Israel zurückzuhalten? Sollte man dies überhaupt versuchen angesichts der historischen Verantwortung? Und: Darf es vor dem Hintergrund der Schoa nur eine Positionierung in Bezug auf den Nahost-Konflikt geben – nämlich die proisraelische?

Wie sehr diese Frage polarisiert und wie schmal der Grat zwischen legitimer Kritik an Israels (Palästina-)Politik und Antisemitismus ist, haben die jüngsten Debatten über die Documenta 15 sowie die Bewegung BDS („Boycott, Divestment, Sanctions“) gezeigt. Einhellige Antworten liefert auch die vorliegende Textkollektion nicht – herausgegeben von Erwin Javor, Gründer des „unabhängigen Nahost-Thinktanks“ Mena-Watch, und Stefan Kaltenbrunner, Chefredakteur des Nachrichtensenders Puls 24. Die versammelten Thesen, Behauptungen, Appelle, Vorwürfe und biografischen Vignetten widersprechen einander teilweise – vermögen dadurch aber auch die Komplexität des Themas darzustellen. Gemeinsam ist den Beiträgen nur, dass sie von Schreiberinnen und Schreibern stammen, in deren Biografie der Staat Israel eine zentrale Rolle spielt.

Fehlende „Entnazifizierung“

Den Auftakt macht Mirna Funk, eine Jüdin aus Ostberlin. Ihr Text „Laute Liebe“ liest sich wie eine Wutrede. Wer nicht wisse, wie es sich anfühle, mit Raketenhagel oder der ständigen Angst davor zu leben, der habe sich mit Urteilen zu Israels Politik zurückzuhalten, rechtfertigt sie ihren radikalen Zugang. Nur die Perspektive jener, die die Situation hautnah vor Ort miterlebten, sei ihr zufolge im Israel-Diskurs legitim. Dass „die Welt mit einer Obsession auf Israel blickt“, ist für sie (im besten Fall) nicht nachvollziehbar und (in den meisten Fällen) verwerflich. Wobei sie auch den Grund für diese Fokussierung auf Israel zu kennen meint: „Weil eine Entnazifizierung selbstverständlich niemals stattgefunden hatte, vermischte sich jetzt eine uralte Verachtung mit einer unterdrückten Wut.

Wut darauf, dass sich jeder einzelne Deutsche 70 Jahre lang hatte schuldig fühlen müssen. Wut darauf, dass die Juden alle noch lebten und sie deshalb ständig, aber auch wirklich ständig, an diese alte Kamelle namens Holocaust erinnerten.“ Deutschsprachigen Medien wirft sie kollektiven Antizionismus vor, der mittlerweile unter Linken „cool“ sei – aber nichts anderes als Antisemitismus, der sich dem Zeitgeist angepasst habe. Auch vor Historikern, Wissenschafterinnen und anderen Intellektuellen mache diese Denkart nicht Halt.

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