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Jung, weiblich, gebildet... Sklavin

Zwei Jahre nach der Hochzeit kam die junge Frau mit einem Studentenvisum nach Neuseeland -mit ihrem Mann im Schlepptau, der zu Gewalttätigkeiten neigte.

Ein paar Kleidungsstücke, Fotos, eine Bürste - Pemas (Name von der Redaktion geändert) Besitztümer würden in einen Koffer passen. Ihr Wohnraum sieht kaum besser aus. Mit teils geschlossenen Vorhängen, einem Bett und einem wackeligen Holztisch wirkt der Raum kahl und trostlos. Verzweiflung strahlt auch die junge Frau aus, die mit hängendem Kopf auf der Bettkante sitzt: Pema steht vor der Abschiebung aus Neuseeland, ihr Studentenvisum ist abgelaufen. Letzteres hätte die Familie ihres Mannes beantragt und -unter falschen Angaben -ausgefüllt, erklärt sie. Pema ist eine sogenannte "IELTS Braut" - benannt nach "IELTS" ("International English Language Testing Systems"), mit dem Studenten für ein Visum ihre Englischkenntnisse unter Beweis stellen. Die Inderin ist Teil eines stark wachsenden Problems, mit dem Einwanderungsbehörden in englischsprachigen Ländern weltweit zu kämpfen haben.

Ein klassisches Szenario

"Es ist ein klassisches Szenario", schildert Anu Kaloti die Situation. Sie ist Gründungsmitglied der neuseeländischen "Migrant Workers' Association" und stammt wie ihre Klientin Pema aus der indischen Region Punjab. "Eine junge Frau ist gut ausgebildet, der Ehemann ist wohlhabend und ungebildet", erklärt Kaloti, "die Ehe wird unter der Bedingung arrangiert, dass die Frauen das Studenten-Visum beantragen." Für Mädchen aus dem Dorf klingt das wie eine großartige Chance. Schließlich könnten sie sich andernfalls kaum ein Studium in Neuseeland, Australien, Kanada oder Großbritannien leisten. "Suche Ehefrau mit IELTS-Qualifikation. Biete die Deckung sämtlicher Kosten", solche Anzeigen sind in indischen Zeitungen wie der "Hindustan Times" keine Seltenheit.

Letztere berichtet gar von einem "boomenden Heiratsmarkt für 'Bräute', die ihren 'Bräutigammen' dabei helfen, an der Seite einer internationalen Studentin in einem westlichen Land zu leben". Um einen Anteil an diesem "boomenden Markt" zu bekommen, wird die Ausbildung von Mädchen in Punjab mittlerweile als Investition gesehen. Das berichtet Rainuka Dagar, Leiter der Abteilung für Gender Studies am "Chandigarh's Institute of Development and Communication" (IDC) gegenüber "Study International","offizielle Daten belegen, dass in Punjab Mädchen besser ausgebildet werden als Burschen."

Die Auflagen ihrer Ehe waren auch Pema bekannt. Zumindest zum Teil. "Um ehrlich zu sein, sind wir arm", gesteht sie, "meine Eltern dachten, das wäre in Ordnung." 2014 fand die Hochzeit statt. "Drei Tage danach erfuhr ich, dass er Drogen nahm." Welche Art von Drogen?"Heroin", sagt die zierliche Frau, "er spritzte. Meine Schwiegermutter kaufte es für ihn. Wenn sie es nicht tun würde, drohte er mit Selbstmord." Auch dieser Teil von Pemas Geschichte ist "klassisch". In Punjab etwa gibt es eine wachsende Anzahl von ehemaligen Bauernfamilien, die durch stark steigende Grundstückspreise über Nacht zu Reichtum kommen. Die Söhne dieser Neureichen haben kein Interesse an Bildung, sondern greifen zu Drogen und Alkohol.

Missbrauch ist unter diesen jungen Männern dementsprechend stark verbreitet. Die Eltern kennen oft keine andere Lösung, als diese "schwarzen Schafe" ins Ausland zu schicken -in der Hoffnung, dass es dort keine Drogen gäbe, sie von ihrer Sucht wegkämen oder dass zumindest die Schande verborgen bliebe.

Pemas Schwiegereltern hatten einen ähnlichen Plan: Zwei Jahre nach ihrer Hochzeit gelangte die junge Ehefrau mit einem Studentenvisum nach Neuseeland - mit ihrem Mann im Schlepptau, der unter Drogen zu Gewalttätigkeiten neigte. "Die Familie des Ehemannes finanziert das Ganze", begründet Anu Kaloti das Prekäre an der Situation, "sie behält die Kontrolle, indem sie für Schul-und Reisekosten aufkommt." In dieser Abhängigkeit von ihren Schwiegereltern werden Frauen wie Pema von ihrem sozialen Netz abgeschnitten und wie Sklavinnen behandelt.

Viele Fälle

"Es gibt sie zuhauf", berichtet Informatik-Studentin Pema davon, allein in Auckland zahlreiche junge indische Studentinnen getroffen zu haben, die ihr Dasein als IELTS-Bräute fristen. Ungefähr ein halbes Dutzend davon hat auch Anwalt Alastair McClymont in seiner Kartei -Pema ist eine davon. "Nach der Heirat kontrollierte die Familie ihres Mannes jeden Aspekt ihres Lebens", schildert er diesen speziellen Fall, "einschließlich des Visa-Prozesses, um nach Neuseeland zu kommen."

Das könnte der jungen Frau zum Verhängnis werden. Nach Abschluss ihres Studiums in Neuseeland wird sie nämlich von der Einwanderungsbehörde beschuldigt, in ihrem Antrag auf das Studentenvisum falsche Dokumente vorgelegt zu haben und somit kein Recht auf weitere Visa zu haben.

Dass die Einwanderungsbehörde hier vorsichtig vorgeht, ist nur verständlich: Zwar behauptet sie, mit der Bezeichnung "IELTS-Bräute" vertraut zu sein, aber keine Steigerung solcher Fälle wahrgenommen zu haben. Gleichzeitig hätte es in den vergangenen siebeneinhalb Jahren mehr als 1300 Beschwerden über "zweifelhafte Paare" gegeben.

Für Pema geht es jedoch nicht nur darum, abgeschoben zu werden oder nicht. "Ich habe Angst um mein Leben", meint sie verzweifelt, "ich möchte meine Eltern treffen, aber ich kann nicht zurückgehen. Wenn ich gehe, wird er mich töten. Er wird mich töten."

Sie spricht von ihrem Ehemann und seiner Familie. Laut Indien-Kenner McClymont ist die Sorge seiner Klientin berechtigt: Er ist der Ansicht, dass Pema in ihrer Heimat Vergeltung drohe und es "extrem gefährlich" wäre, nach Indien zurückzukehren. Pemas Ehemann wäre zwar eine Zeit lang im Land gewesen, hätte aber nach einer Anzeige wegen häuslicher Gewalt Neuseeland verlassen.

Für seine Familie scheint das ohnehin nicht wichtig zu sein: Sie fordert nicht nur ihr finanzielles "Investment" zurück, sie verlangt auch Wiedergutmachung dafür, dass Pema ihren Ehemann wegen häuslicher Gewalt angezeigt hatte. "Sie bedrohen sie", schildert Mc-Clymont den Fall, "sie wollen ihr Geld zurück und drohen ihr, den Behörden keine weiteren Informationen über ihren Sohn zukommen zu lassen." Doch nicht nur Pema selbst wäre in Gefahr, wie Anu Kaloti weiß, auch ihre Familie in Indien steht unter Beschuss: "Die Drohungen, die die Schwiegereltern ihrer Familie gegenüber aussprechen, sind unerhört", meint sie. Letztere möchte auch Anwalt Alastair McCylmont verhindern: "Es wird ein harter Kampf", steht er an Pemas Seite, "aber wir sind bereit, diese Herausforderung anzunehmen."

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