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Kanadische Ministerin zwischen den Fronten

Die kanadische Außenministerin Chrystia Freeland hätte die Grenzen der internationalen Diplomatie überschritten, werfen ihr Kritiker vor. In einem Tweet äußerte sie ihre Sorge über die Verhaftung von Samar Badawi, einer arabisch-amerikanischen Feministin und Schwester des ebenfalls inhaftierten Bloggers Raif Badawi. Samar Badawi und eine andere Aktivistin waren mit ihrem Engagenment bereits aufgefallen, als sie sich dafür eingesetzt hatten, dass auch Frauen in Saudi-Arabien Auto fahren dürfen. Der über die Landesgrenzen hinaus bekannten Feministin und Vorkämpferin Badawi wurde 2012 der International Women of Courage Award der USA verliehen, nun geriet auch sie ins Visier der saudi-arabischen Regierung. Die kanadische Außenministerin appellierte an die höchste Regierungsebene, nicht nur die festgenommenen Geschwister freizulassen, sondern ebenso alle Kämpfer und Kämpferinnen im Namen der Menschenrechte. Raif Badawi, bekannt geworden als regierungskritischer Internetaktivist, war 2013 wegen Beleidigung des Islams zu zehn Jahren Haft und 1000 Peitschenhieben verurteilt worden. Die Reaktion auf Freelands Forderung in Richtung Königreich am Persischen Golf kam prompt: Der kanadische Botschafter wurde des Landes verwiesen und die Wirtschaftsbeziehungen mit Kanada wurden eingefroren. Zudem ging man empört einen weiteren Schritt auf Distanz und kündigte an, dass die staatliche Fluglinie Saudia Airlines ab Mitte August nicht mehr zwischen Toronto und Riad verkehren werde. Ausbildungs-, Studien-und Stipendienabkommen mit Kanada wurden ausgesetzt und 70.000 arabische Studenten in die Heimat zurückgeholt. Die kanadische Außenministerin zeigte sich betroffen von der Ausweisung des Botschafters und betonte, trotz der widrigen Umstände Menschenrechte und Frauenrechte weiterhin hochzuhalten. Chrystia Freeland, eine kanadische Publizistin und Slawistin mit ukrainischen Wurzeln, kam erst 2013 für die Liberale Partei in Toronto ins Parlament und wurde 2017 kanadische Außenministerin. Saudi-Arabien und Kanada könnten in ihrer Menschenrechtspolitik nicht verschiedener sein. Fällt das eine Land durch Repressionen gegen regierungskritische Stimmen auf, zeichnet sich das andere durch herzliche Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen aus. Deren Protagonist Justin Trudeau hat nun eine Verbündete mehr im Kampf für mehr Menschenwürde zwischen den Fronten des Universalismus und kulturellen Relativismus gefunden.

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