Fußball - © Foto: APA / Eva Manhart

Katar: Der Gipfel des Sportwashings

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Die skandalumwitterte Männer-WM steht nicht nur für sich. Sie ist die Zuspitzung von Katars Bemühungen, sich in den Fußball einzukaufen – und der Tradition bei FIFA und Europas Clubs, auf dem autoritären Auge blind zu sein.

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Die skandalumwitterte Männer-WM steht nicht nur für sich. Sie ist die Zuspitzung von Katars Bemühungen, sich in den Fußball einzukaufen – und der Tradition bei FIFA und Europas Clubs, auf dem autoritären Auge blind zu sein.

Der finale Image-Totalschaden dieser Weltmeisterschaft lässt sich in einem einzigen Satz zusammenfassen. Homosexualität sei haram, also verboten, weil es sich um einen „geistigen Schaden“, handle, so Khalid Salman, ein katarischer Ex-Nationalspieler und WM-Botschafter. Das Interview, Teil der derzeit viel diskutierten ZDFDoku „Geheimsache Katar“, wurde vom Pressesprecher umgehend abgebrochen. Am Gesamteindruck ändert sich freilich nichts: Bereits vor ihrem Anpfiff ist diese WM ein Scherbenhaufen von Dimensionen, die bei Fans und Funktionären den Wunsch nach einer hyperschnellen VorlaufTaste wecken.

Negativ-Schlagzeilen prägen das Bild des Turniers von Beginn an. Schon die Vergabe im Dezember 2010 fiel mitten in die Zeit der großen FIFA-Korruptionsvorwürfe und Enthüllungen. Diese betrafen nicht ausschließlich, aber auch die Abstimmung in Zürich, bei der Russland und Katar als Ausrichter der WMs von 2018 und 2022 ausgewählt wurden.

Korruption und Ignoranz

Diese aus heutiger Sicht extra brisante Konstellation zeigt bereits, dass Katar lange nicht der erste umstrittene Gastgeber einer solchen Veranstaltung ist – man denke an die EM-Spiele letztes Jahr im aserbaidschanischen Baku oder, die Älteren erinnern sich, die WM 1978 im Argentinien der Junta von Jorge Videla. Auch Korruption bei der WM-Vergabe ist, wie wir inzwischen wissen, bei der FIFA ein strukturelles Phänomen, das weit über Katar hinausreicht.

Speziell das Emirat betreffen hingegen andere Vorwürfe: In erster Linie geht es – ebenfalls schon seit Jahren – um Menschenrechte und die Arbeitsbedingungen auf den Baustellen der künftigen WMStadien. So berichtete der Guardian schon im September 2013 über die „Ausbeutung von Katars WMSklaven“, von denen allein im Sommer zuvor fast 50 am Arbeitsplatz ihr Leben gelassen haben sollen. Insgesamt seien mehrere Tausend von den unmenschlichen Zuständen betroffen. Amnesty International sprach von „sklavenähnlichen“ Bedingungen der Arbeitsmigranten.

Die Honoratioren und Funktionäre des internationalen Fußballs reagierten, wie sie es in solchen Fällen schon immer taten: Sie parierten die Vorwürfe reflexartig oder verwiesen sie mit bemerkenswerter Ignoranz ins Reich der Fabeln. Im Herbst 2013 bekräftigte der damalige FIFA-Präsident Sepp Blatter, die WM werde wie geplant in Katar stattfinden. Franz Beckenbauer, einstiges Mitglied des FIFA-Exekutivkomitees, tönte, er sei schon oft in Katar gewesen und habe dort „noch keinen einzigen Sklaven gesehen“. Was an seinen einstigen Team-Gefährten Berti Vogts erinnert, der 1978 als deutscher Kapitän sagte: „Argentinien ist ein Land, in dem Ordnung herrscht. Ich habe keinen einzigen politischen Gefangenen gesehen.“

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