Kitsch-Choristen als peitsChe-buben

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Sie gehören zur russischen Folklore, wie neuerdings zu Ministerinnen-Hochzeiten in Österreich: die Kosaken. Zu Hause spielen sie aber nicht nur auf der Balalaika.

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Sie gehören zur russischen Folklore, wie neuerdings zu Ministerinnen-Hochzeiten in Österreich: die Kosaken. Zu Hause spielen sie aber nicht nur auf der Balalaika.

Sie gehören zur russischen Folklore, wie Zwiebeltürme, Wodka und sehnsüchtige Lieder auf der Balalaika. Die Kosaken waren einst freie Krieger, die viel hielten auf ihre Treue zum Zaren, aber ebenso auf ein ausgeprägtes Streben nach Unabhängigkeit. In der Sowjetunion waren sie fast verschwunden.

Doch die Kosaken sind zurück und prügeln sich immer öfter in den Mittelpunkt, wenn in Russland liberale und konservative Wertvorstellungen aufeinandertreffen. Während der Fußball-Weltmeisterschaft waren sie vor allem in ihren traditionellen Gebieten um Rostov und Krasnodar für den Kulturteil zuständig, übernahmen aber auch "diverse Sicherheitsaufgaben". Was damit genau gemeint war und ist, davon können Oppositionelle mittlerweile ein trauriges Liedchen singen.

Kunstpelz und Peitsche

Wie viel es heute kostet, ein "ruhmreicher Kosak" zu sein, rechnete kürzlich die Moscow Times zusammen: Eine Kunstpelz-Version der traditionellen Fellmütze, dem schwarz-roten Papakha, lässt sich für zehn Dollar erwerben, die volle Uniform, einschließlich der Pferdepeitsche Nagaika, für nicht mehr als hundert. Umso höher ist dafür der Preis, den jene bezahlen, die ins Visier der selbsternannten Ordnungshüter geraten.

In den vergangenen Jahren schwangen Kosaken ihre Peitschen bei Kinopremieren, Kunstaktionen und Theatervorstellungen immer dann, wenn die Veranstaltungen ihnen zu "unrussisch" oder gegen die Moralvorstellungen der orthodoxen Kirche gerichtet erschienen. Während der Winterspiele 2014 machten dann die Frauen der Punkband Pussy Riot Bekanntschaft mit Mitgliedern des Kuban-Kosakenheeres, die sie in der Innenstadt von Sotschi mit Stöcken, Peitschen und Pfefferspray attackierten.

Ein weiteres Kapitel einer ganzen Serie von gewalttätigen Übergriffen auf Oppositionelle ereignete sich Mitte Mai 2016 in der Küstenstadt Anapa, als der Aktivist und Politiker Alexej Nawalny und Mitglieder seines Antikorruptionsfonds von mehr als zwanzig "Kosaken" mit Milch bespritzt und danach in eine Schlägerei verwickelt wurden.

Was folgte, war eine lebhafte Diskussion darüber, was die wahre kosakische Identität im heutigen Russland ausmacht. Denn nicht nur oppositionelle Politiker, sondern auch eine zunehmende Zahl traditioneller Kosaken zeigen sich über die aktuellen Entwicklungen besorgt. Ihnen schwant, dass die verklärte Vergangenheit der "freien Krieger" dazu benutzt werden könnte, von der Regierung bezahlte paramilitärische Gruppen zu legitimieren.

Selbsternannte Moralpolizei

Um so mehr als Anfang Mai, zwei Tage vor Wladimir Putins Amtseinführung, bei Kundgebungen der Opposition in Moskau zahlreiche als "Kosaken" gekleidete Männer auf Demonstranten einprügelten und dabei, so berichteten es zahlreiche Augenzeugen, von der Polizei unterstützt worden waren.

Die Sorge basiert mittlerweile auf klaren Fakten. Kosaken waren in nicht unerheblicher Zahl sowohl an der Annexion der Krim beteiligt als auch unter der Leitung des kosakischen Ataman Nikolai Kozitsyn an militärischen Aktionen in der Ostukraine.

In verschiedenen Regionen Russlands übt die selbsternannte Moralpolizei sogar polizeiähnliche Funktionen aus, darf Personalausweise kontrollieren und Verdächtige der Polizei zuführen. Nach einem Bericht des russischsprachigen Newsletters "The Bell" haben diese "Kosaken" beispielsweise in den vergangenen drei Jahren von der Moskauer Stadtverwaltung umgerechnet 200.000 Euro erhalten, um in einem Trainingslager außerhalb der Hauptstadt Einsätze gegen Demonstranten zu üben und um "die öffentliche Sicherheit bei Massenveranstaltungen zu sichern".

Bereits im März hatte die Stadtverwaltung auf ihrer Website berichtet, dass die "Kosaken" solche Übungen "mit großem Engagement" absolviert hätten. In Krasnodar, einem der traditionellen Siedlungsgebiete, wurde das Kuban-Kosakenheer 2012 sogar auf die Gehaltsliste der Regionalverwaltung gesetzt.

Kritik an Finanzierung

Nach einem Bericht der lokalen Zeitung RBK wurden 2015 nahezu 15 Millionen Euro an den "Traditionsverein" abgeführt. Eine Ahnung, wofür das Geld zur Verfügung gestellt wurde, gab der damalige Gouverneur der Krasnodarsker Region Alexander Tkatschow, als er 2012 in einer Rede vor lokalen Polizeiangehörigen sagte: "Was Sie nicht tun dürfen, können die Kosaken." In einem Artikel in der Moscow Times meldeten sich allerdings auch zahlreiche Kritiker an diesen Finanzierungsmethoden zu Wort. So zum Beispiel Wladimir Gromow.

Der langjährige Ataman des Kuban-Kosakenheeres zitiert eine reiche Kultur von Liedern und sozialen Traditionen, einschließlich dem Respekt gegenüber Frauen und älteren Menschen, als Schlüsseleigenschaften der Kosaken. "Wenn Nawalny das russische Gesetz verletzt, gibt es Strafverfolgungsbehörden, die Verbrechen verhindern können und sollen", so Gromow. "Was haben wir Kosaken damit zu tun? Jeder kann heute einen Papakha an jedem Souvenirstand kaufen." Tatsächlich bleiben heute deutlich mehr junge Männer, die von sich behaupten, Kosaken zu sein, außerhalb der offiziellen Verbände, als von ihnen aufgenommen werden.

Historisch schlechtes Erbe

In der letzten Volkszählung in Russland 2002 identifizierten sich zwar rund sieben Millionen Russen als Kosaken, aber wirklich organisiert sind lediglich 140.000. Während es in Moskau und Sankt Petersburg nur jeweils 500 waren, sind es im Gebiet um Rostov am Don 90.000 und in Wolgograd und Krasnodar jeweils 20.000.

Es ist also nicht verwunderlich, dass Kosaken gerade in den südrussischen Austragungsstätten der Weltmeisterschaft auch als Sicherheitskräfte eingesetzt wurden. In der Hauptstadt Moskau kamen die Kosaken während der WM gegenüber anderslautenden Meldungen allerdings nicht zum Einsatz. Hier hatten sie, so der ehemalige Kremlberater Gleb Pawlowski, "einen wirklich schlechten Ruf". Ihre Rolle bei der Unterdrückung und Misshandlung von Studenten und Intellektuellen im Vorfeld der Oktoberrevolution hätte man den Kosaken bis heute nicht verziehen.

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