Ostfront

Kulturkampf an der Ostfront

1945 1960 1980 2000 2020

Wie fanatische Nazioffiziere nicht nur die Russen, sondern auch das Christentum in den eigenen Reihen bekämpften, zeigt der Fall des katholischen Majors Rudolf von Stengel.

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Wie fanatische Nazioffiziere nicht nur die Russen, sondern auch das Christentum in den eigenen Reihen bekämpften, zeigt der Fall des katholischen Majors Rudolf von Stengel.

Mit Wörtern wie deutsche Wehrmacht, Ostfront, Raum Smolensk assoziieren wir sinnlosen millionenfachen Soldatentod, Geiselerschießung, Einsatzkommando. Angesichts solcher Konnotationen könnte man den Konflikt eines katholischen Majors mit einigen fanatischen Nazioffizieren für unbedeutend halten. Doch was vom Kriegsgerichtsakt des Majors Rudolf von Stengel noch greifbar ist, wirft ein scharf gebündeltes Licht auf die Aggressivität, mit der „weltanschaulich gefestigte“ Nazioffiziere ihren Fanatismus sogar in der kämpfenden Truppe auslebten. 15. Juni 1943, Dienstag nach Pfingsten. Der Kriegsgott hielt den Atem an. Die Herren vom Stab der Panzerjägerabteilung 292 saßen und standen mit ihrem Chef hinter der Front im Freien um einen Tisch. Major von Stengel hatte einem älteren Offizier die Versetzung ins sichere Krakau verschafft. Er mied wegen einer alten Schädelverletzung den Alkohol. Doch zu Mittag hatte sein Adjutant Leutnant Lange gefragt, ob der Herr Major nicht an einem Abschiedsabend teilnehmen wolle. Stengel wollte kein Spielverderber sein.

Die Stimmung zwischen ihm und einigen seiner Offiziere war schon eisig genug. Das Grüppchen süffelte den für die Wehrmacht in Frankreich abgefüllten Cognac und redete über dies und das, bis sich der Kommandeur um ein Haar um den Kopf redete. Infolge der Schädelverletzung war sein erstes Glas eines zu viel. Denn nun kam alles heraus, was er sonst hinunterschluckte. Er sagte, es sei eine Kulturschande und der Deutschen unwürdig, wie die Polen behandelt würden. Er sagte, nach Hitlers Machtübernahme habe die politische Führung zum größten Teil aus geistig Minderwertigen bestanden. Er nannte den Oberantisemiten des Dritten Reiches, Julius Streicher, ein Schwein und die SS-Zeitung Das Schwarze Korps eine Schweinerei und nannte es einen traurigen Ruhm, dass er als Einziger seiner Familie noch nicht im Konzentrationslager gewesen sei. Es bleibe dahingestellt, „ob wir auf die Dauer ohne Juden auskommen“. Deutsche Frontoffiziere konnten sich manch kritischen Spruch leisten, und die beiden Nazi-Scharfmacher waren nicht dabei, weil sie als Kompaniekommandanten nicht zum Stab gehörten. Doch der Feldarzt Doktor M., ein Wiener, hatte sich wegen Kopfschmerzen entschuldigt, lag unmittelbar neben den um einen Tisch versammelten Offizieren in einem Zelt und schrieb Wort für Wort mit. Es hätte für mehrere Todesurteile gereicht.

Erzkonservativer Nazigegner

Stengel war ein Nazigegner der ersten Stunde von der erzkonservativen Sorte. Die Familie gehörte einer Spezies an, die von den Historikern nicht gerade gehätschelt wird, sie waren Legitimisten. Seine Schwester Margarethe zählte zu den Getreuesten des Hauses Wittelsbach, flog kurz nach dem Beginn der NS-Herrschaft mit einer monarchistischen Widerstandsgruppe auf und hatte fast zehn Jahre Konzentrationslager hinter sich, als sie im Frühsommer 1943 entlassen wurde. Rudolf von Stengel war Teilnehmer des Ersten Weltkrieges, war im berüchtigten Freikorps Epp verwundet worden und hatte geholfen, die Münchner Räterepublik niederzuschlagen. Sein Adjutant Leutnant Belz ließ über den Kopf des Kommandeurs hinweg den evangelischen Divisionspfarrer wissen, auf Gottesdienste werde kein Wert gelegt. Zur Rede gestellt, meinte er kühl, ob der Herr Major denn nicht wisse, dass er im zivilen Leben Kreisleiter der NSDAP sei. Stengel stauchte ihn zusammen und machte ihn sich damit zum Todfeind. Um ihn loszuwerden, nominierte er ihn für einen Offizierslehrgang. Bei der nächsten sowjetischen Offensive vernichtete die Abteilung 68 russische Panzer, verlor dabei aber sämtliche Geschütze und über die Hälfte ihrer Männer und konnte vorerst nur zum Teil wieder aufgefüllt werden – unter anderen mit einem frischgebackenen nunmehrigen Hauptmann und Kompaniekommandanten Belz.

Niederträchtiger Kleinkrieg

Was sich nun entwickelte, war der idealtypische Fall eines weltanschaulichen Konflikts in einer Fronteinheit der deutschen Wehrmacht. Trotz der Kampfhandlungen fanden Belz und ein zweiter Nazifanatiker, der Kompaniekommandant Hauptmann Rösch, Zeit für einen Kleinkrieg von schwer überbietbarer Niedertracht. Rösch war ein ehemaliger Theologiestudent, der hauptberuflicher SA-Führer geworden war, nachdem er bei seinen Prüfungen durchgefallen war. Sie begannen, Stengel bis zur Weißglut zu reizen, indem sie einander mit antireligiösen Parolen überboten. Rösch trieb einen Unteroffizier, der im zivilen Leben Pastor war, an den Rand des Selbstmordes. Nachdem sein 20-jähriger Sohn gefallen und seine Berliner Wohnung von Bomben zerstört worden war, wurde Stengel ein zehntägiger Sonderurlaub bewilligt. Als er zurückkam, erfuhr er, dass zum katholischen Feldgottesdienst nur neun und zum evangelischen gar nur vier Mann erschienen waren. Die beiden Nazis hatten für eine entsprechende Diensteinteilung gesorgt und sich über die betroffenen Gesichter der Pfarrer totgelacht.

Bei einem Fliegerangriff starben neun Mann. Als er wissen wollte, wann die Beerdigung geplant sei und ob die Divisionspfarrer verständigt seien, erklärte ihm Rösch kühl, die Toten seien begraben, er kenne seine Leute gut genug, um zu wissen, dass ihnen an der Anwesenheit der „scheinheiligen Pfaffen“ nichts gelegen sei. Vor Pfingsten eskalierte die Situation. Rösch machte in seiner Kompanie die Gottesdienste so bekannt: „Am kommenden Dienstag um 9½ finden wieder Feldgottesdienste statt. Falls Leute so abergläubig sind, dass sie an diesem jüdischen Götzendienst teilnehmen wollen, so können sie das ja tun. Die andern können dafür länger schlafen. Der Dienstbeginn wird am Dienstag auf 10.30 festgesetzt.“

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