Kushti 2 - © Benjamin Enajat
International

Kushti: Ringen um ein besseres Leben

1945 1960 1980 2000 2020

Junge Inder, die als Ringer Erfolg haben, können aus der Armut ausbrechen. Eine Reportage.

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Junge Inder, die als Ringer Erfolg haben, können aus der Armut ausbrechen. Eine Reportage.

Halb sieben Uhr morgens: Zwei in Lendenschurz gekleidete Männer wälzen sich eng umschlungen auf dem Boden. Einer von ihnen packt den Arm seines Gegenübers und verdreht ihn hinter seinem Rücken – ein Schmerzensschrei weht durch die Luft. Beide sind überdurchschnittlich muskulös, die Bizepse gleichen einer Hügellandschaft durchzogen von Adern anstatt Flüssen. Es ist extrem schwül. Sand geht mit Schweiß eine Liaison ein, verklebt ihr Haar und überzieht die vor Anspannung zitternden Körper. Um die beiden Hünen stehen weitere vom selben Schlag – sie feuern sie brüllend an, erteilen Anweisungen, fiebern mit. Bald werden sie in einer ähnlichen Situation sein. Ein im Vergleich zierlicher Mann in einem weißen Poloshirt sticht heraus. Sobald er seine Stimme erhebt, schweigen alle, sogar die Ringenden halten inne: Coach Maha Singh Rao in seiner Wrestling-Schule Guru Hanuman Akhara.

Kraft und Spiritualität

Seit hundert Jahren werden an diesem Ort Kämpfe ausgetragen. Der Körper des Gründers Guru Hanuman fand sein Ende bei einem Autounfall, sein Geist jedoch scheint über der Schule zu schweben. Jeden Morgen schmücken die Schüler die auf einem Sockel erhaben stehende Statue im Hof mit Blumen und schauen zu ihr auf, gehen in sich, beten. Der Spiritualität folgt harte körperliche Betätigung. Zu diesem Zeitpunkt haben sie bereits einen einstündigen Lauf durch Delhi hinter sich. In der Arena geht es weiter. Doch bevor die Kontrahenten auf Zeit den heiligen Sand betreten – er ist lediglich durch ein Wellblechdach vor Regen geschützt – müssen die kleinen Sanddünen beseitigt werden. Das ist die Aufgabe der zehn- bis 15-Jährigen. Hierfür ziehen sie an einem dicken Schiffstau einen Betonblock über den Sand, der Schnappschuss erinnert an einen Ochsen vor einen Pflug gespannt. Drei bis vier Stunden ziehen sich die Kämpfe bis in den Vormittag. „Das ist mein Lieblingsteil des Tages. Beim Ringen vergesse ich alles um mich herum“, sagt Kamal. Der 17-Jährige kommt aus einem kleinen Dorf aus dem Bundesstaat Assam, im Osten Indiens. Für die Tausende Kilometer lange Reise haben seine Eltern Geld sparen müssen. Er ging nicht zur Schule, kann weder lesen noch schreiben. Länder in Europa, wie Österreich, sind ihm fremd. „Mein Vater ist Teebauer, meine Mutter Hausfrau. Wir hatten nicht viel, dafür kocht meine Mutter den besten Chai (Schwarztee mit Gewürzen) der Welt. Als kleiner Junge habe ich auf dem Feld geholfen, bis ich von einem Bekannten von Kushti gehört habe.“

Der Ursprung des traditionellen Ringens geht auf das 5. Jahrhundert zurück. Die Ringer halten strenge Diät, es gibt kein Fleisch, keine Drogen und auch keinen Sex.

Der Ursprung dieser traditionellen Form des Ringens geht auf das fünfte Jahrhundert zurück. „Wir essen kein Fleisch, treffen uns nicht mit Frauen, rauchen und trinken nicht“, erklärt Coach Maha Singh Rao, während er an einem Getränk, bestehend aus Wasser und zerstoßenen Mandeln, nippt. Das Getränk soll das für den Muskelaufbau wertvolle Eiweiß liefern. „Ich verlange viel Disziplin, aber die Besten nehmen an Wettkämpfen im ganzen Land teil und können dann davon leben. Manche von ihnen genießen so etwas wie einen Star-Status.“

Hulk im Kinderzimmer

Diesem Ziel ordnet auch Kamal alles unter. Er wohnt in einem der fünf Zimmer in der Schule. Raus geht er in der Regel nur, um zu laufen und auf dem Markt Gemüse für das Abendessen einzukaufen. Der groß Gewachsene zieht seinen Kopf unter dem Türstock ein und betritt sein Zimmer. Ein kleiner, feuchter Raum mit jeweils einem rudimentären Bettgestell und einer dünnen Matratze in den Ecken. „Wir schlafen zu viert hier. Die meisten der anderen wohnen außerhalb. Unser Zimmer ist sogar direkt neben jenem von unserem Coach Maha“, so Kamal breit grinsend. Mit kindlicher Freude erzählt der massige Körper, wie er es genießt, an den trainingsfreien Sonntagen mit seinen Zimmergenossen Serien auf seinem Smartphone anzuschauen – der Anker zur Außenwelt.

Und tatsächlich, dieser Ort gleicht einem Mikrokosmos in der hektischen Hauptstadt des Subkontinents. Während Muskelberge – archaisch anmutend – ihre Kraft steigern, indem sie alte Gewichtscheiben in die Höhe stemmen und auf meterhohe Seile, die von einem Baum hängen, nur mit Hilfe ihrer Arme klettern, geht das Leben außerhalb der Schule unbeeindruckt weiter: Kühe, die sich vom Hupen der etlichen bunten Autos und gelb-grünen Tuk Tuks nicht aus der Ruhe bringen lassen; von Menschen verstopfte Straßen; Mütter und Kinder, die um ein wenig Geld für eine Portion Daal (Linsengericht) mit Reis bitten.

Mittlerweile steht die Sonne tief, gleichzeitig zerplatzen Regentropfen auf dem Wellblechdach über der sandigen Arena. Das Training ist für den heutigen Tag beendet. Jeder Schüler berührt beim Verlassen des Platzes sanft das Knie des am Rande stehenden Coach Maha Singh Rao, es soll Glück bringen – so auch Kamal. Nun wäscht er sich in den frei gelegenen Duschen im Hof und freut sich bereits auf den nächs­ten Tag, der ihn einen kleinen Schritt näher Richtung seines Traumes bringen wird: der Kushti-Star von morgen zu werden.

Indien

Widersprüche und Hoffnungen

Der Fortschritt der Gesellschaft kann in Indien an manchen Orten nicht mit dem Fortschritt der Wirtschaft mithalten. Vergangene Woche kamen Meldungen von einer versuchten Massenvergewaltigung an zwei Frauen und der Ermordung zweier Frauen, die der Hexerei bezichtigt worden waren. Solchen Nachrichten stehen Meldungen entgegen, die Indien als den Hoffungsmarkt der Weltwirtschaft beschreiben. Mit einer Prognose von 7,0 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) rechnet Indien im laufenden Finanzjahr 2019/20. 6,8 Prozent waren es schon im Vorjahreszeitraum 2018/19. Damit ist Indien eine der am stärksten wachsenden Volkswirtschaften – und global eine der am stärks­ten expandierenden. Die bei den Wahlen zuletzt eindrucksvoll bestätigte Regierung von Ministerpräsident Narendra Modi hat nun dem Parlament ihren ersten neuen Haushaltsplan vorgelegt. Modi ist trotz der hohen Wachstumszahlen mit hoher Arbeitslosigkeit und einer sich verschärfenden Agrarkrise konfrontiert. Politisch zeigt Modi nach wie vor hohes Selbstbewusstsein. Gerade hat sich Indien mit den USA wegen höherer Einfuhrzölle für indische Waren in die USA angelegt. Das asiatische Schwellenland hob die Zölle auf 28 US-Produkte wie Mandeln, Walnüsse und Äpfel an. Seit 5. Juni sind Indien die bisher geltenden Sondervergünstigungen im Handel mit den USA durch Präsident Donald Trump gestrichen worden. Dem Land gehen damit Vergünstigungen für einen zollfreien Export von Produkten im Wert von 5,6 Milliarden Dollar in die Vereinigten Staaten verloren. Trump hatte Indien angesichts eines Handelsdefizits wiederholt wegen hoher Importzölle kritisiert. Die Zeichen zwischen den beiden Staaten stehen nach wie vor auf Sturm. Trump drohte zuletzt mit weiteren Zöllen. (tan)

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