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Lauter Christen - und kaum Europäer?

Zwölf Damen und Herren aus Brüssel, Wien, Graz und anderswo saßen dieser Tage im Garten eines alten Bauernhauses bei Salzburg und grübelten über die Ergebnisse zweier ganz unterschiedlicher Umfragen, die Andreas Kirschhofer, Altvater der Meinungsforschung (IMAS), mitgebracht hatte:

Umfrage A: Unglaubliche 80 Prozent der Österreicher sehen unsere Heimat als "christliches Land“ - und wollen, dass es so bleibt. 70 Prozent sind auch für Kruzifixe in Klassenzimmern. Dieses Bekenntnis geht quer durch die Parteien - geringer ist es nur bei den Grünen.

Wie passen Befunde zusammen?

Die Nachdenk-Runde im Salzburgischen - Juristen, Theologen, Künstler, Demoskopen - fragte sich, wie das zusammengeht: Ein so starkes Bekenntnis zum Christen- tum, aber nur neun Prozent der Österreicher gehen regelmäßig zum Gottesdienst? Und: Ein klares "Ja“ zum Kreuz, aber kaum Eltern, denen die Weitergabe ihres Glaubens wichtig ist? Unter 20 Erziehungszielen liegt "Christlicher Glaube“ nur knapp vor dem Schlusslicht "Europäische Gesinnung“.

Umfrage B: Nur noch 19 Prozent der Österreicher pflegen ihr Europa-Bewusstsein. 71 Prozent aber sind von EU-Europa enttäuscht, ja sehen sich bedroht: Durch Überfremdung, Bevormundung, finanzielle Überforderung, schwindende Sicherheit ...

Fazit: 50 Jahre nach dem Berliner Mauerbau driftet Europa erneut auseinander, nicht mehr politisch/militärisch, aber mental. Die alten EU-Großerfolge (Frieden, offene Grenzen, gemeinsamer Markt, Einheitswährung) genügen als Kitt offenkundig nicht mehr, um die "Union der 27“ emotionell krisenfest zu verankern.

Wer aber liefert neue gemeinsame Werte?

Lange haben wir die "versöhnte Verschiedenheit“ als das eigentlich Verbindende Europas gerühmt, auch gegen den wachsenden Normierungsdruck aus Brüssel. Heute müssen wir fragen: Wie viel an Pluralität hält der Mensch aus, ohne an seiner Sicherheit zu zweifeln? Und wie viel an Normierung erträgt er, ohne seine Eigenart zu verlieren? Vor allem aber: Welchen "Überbau“ sucht dieser Kontinent, der eint, ohne einzuebnen? Bleibt am Ende doch wieder nur das Christentum - nicht mehr als gemeinsame Frömmigkeit, aber doch als ethisch-kulturelle Verbindlichkeit?

Gesinnung gäbe neue Stärke

EU-Enttäuschung und demonstrative Christlichkeit lassen sich auch anders lesen: Als Beleg für einen Rechtsruck und Abwehrreflex gegen alles Fremde in Kultur und Lebensform. Ein "wehrhaftes Christentum“ als letzte Bastion gegen die wachsende Zahl von Muslimen. Tatsächlich halten über 70 Prozent der Österreicher den Islam für unvereinbar mit unserer Vorstellung von Demokratie und Toleranz. Minarett-Abstimmungen würden bei uns nicht anders ausgehen als in der Schweiz.

Zwei Umfragen als Anlass zur Depression? Nicht unbedingt. Unsere Kirchen könnten aus den 80 Prozent erkennen, dass - kluges Verhalten vorausgesetzt - für sie noch nicht alles verloren ist. Und: Mehr christliche Gesinnung der Bürger würde die Zustimmung zum gemeinsamen Europa und seinen Minderheiten stärken. Sagt uns auch die Demoskopie.

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