Digital In Arbeit
International

Mayday auf allen Kanälen

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Spiele zeigen ja oft den Charakter einer Zeit besser als jede wissenschaftliche Umfrage. So stand in den Jahren der Globalisierung das Spiel "Siedler" in praktisch jedem Wohnzimmer und eine jede und ein jeder kolonisierte die Welt mit Handel, Technik und Krieg nach Herzenslust. Auch der Brexit hat seine zeitgemäße Form der Spiele, wie unsere Gaming-Korrespondentin Selma Nadarevic herausgefunden hat. Es gibt freilich einen großen Stimmungswandel zu verzeichnen. Waren die "Siedler" aber noch ein relativ dynamisches Spiel, um die Zukunft und den Globus zu erobern, so zeigt sich der Brexit ganz anders. Es geht um blutigen Häuserkampf, um den letzten Bissen Brot in einem Land, in dem es keine staatliche Ordnung und keine Sicherheit mehr gibt. Und neben Titeln wie "Don't starve together" oder "We happy few" ist irgendwie auch die Erinnerung an die letzte Premierministerin vor dem Doomsday nicht kleinzukriegen: "Devil May Cry 5".

Soweit zur kollektiven Brexit-Befindlichkeit der Briten. Aber wie sieht es in der Wirklichkeit aus? Nicht ganz so blutig, aber peinlich allemal. Gäbe es ein Spiel der Stunde, es würde wohl "May may Cry 1" heißen. Denn der Premierministerin wurde am Dienstag die Taktik, so es je eine gegeben hat, großflächig zerstört mit der Entscheidung des Parlamentsprechers John Bercow, den Vertrag mit der EU nicht mehr zur Abstimmung zuzulassen.

Der taktische Zusammenbruch

Tatsächlich wäre May drauf und dran gewesen, den Widerstand gegen ihr Abkommen zu biegen. Denn mit jeder Entscheidung hatte das Parlament seine Möglichkeiten weiter verengt. Hatten die Abgeordneten zunächst den Vertrag abgelehnt, so schlossen sie danach auch einen harten Brexit aus. Es wäre also bald klar geworden: Wer den Brexit nicht auf die harte Tour will, muss dem vorliegenden Abkommen zustimmen, schlicht weil es keinen anderen Vertrag mit der EU geben wird.

Die Zustimmung zu May oder eine neuerliche Volksabstimmung wären also die einzigen Möglichkeiten des Parlaments gewesen. Und nun? Nun ist die absurde Situation eingetreten, dass die einzige Person, die in der scheinbar ausweglosen Situation so etwas wie einen Plan hatte, nämlich die Premierministerin, aus dem Rennen genommen wurde. Der Rest der Abgeordneten in Westminster hat jedenfalls keine Lösung, am allerwenigsten Jeremy Corbin, der Labour-Leader. Sie alle haben in ihren Wahlkreisen das Blaue vom Himmel versprochen und gehofft, May würde Verantwortung und Schuld schon auf sich nehmen. Nun ist das Gegenteil eingetreten.

Das planlose Parlament

Die Planlosigkeit der Abgeordneten zeigt sich von ihrer hässlichsten Seite und in grellstem Licht. Und damit auch die Hohlheit der große Geste, mit der in den vergangenen Wochen dort der Widerstand gegen die Premierministerin als Zeichen für die Stärke der Demokratie verkauft worden war. Was ist nun also wahrscheinlich? Sollten die EU-Regierungschefs beim heute beginnenden Gipfel in Brüssel einem Aufschub des Brexit zustimmen, müssten die Briten einen "substanziellen" Grund für die Verschiebung finden. Da das Abkommen selbst nicht mehr verhandelbar ist, muss dieser Grund also anderswo gefunden werden. Hinter der unglücklichen Frau May kann man sich nun nicht mehr verstecken. Und da ein Ausstieg ohne Abkommen ausgeschlossen wurde, bliebe als eine Option, Neuwahlen anzusetzen. May müsste also zurücktreten. Weil das eine wahrscheinliche Variante ist, scharren die Brexit-Seilschaften hinter den Kulissen schon in den Startlöchern und alarmierte Gemäßigte drohen schon mit dem Austritt, sollte der neue Parteichef Boris Johnson heißen.

Freilich bergen Neuwahlen auch eine große Gefahr, dass das politische Establishment quer durch die Parteien einen Denkzettel für das Chaos bekommt, das es in den vergangenen zwei Jahren angerichtet hat. Und die Frage, wer das riskieren würde, stellt sich auch in London immer lauter. Bliebe als zweite und eventuell glimpfliche Möglichkeit, das Volk um eine zweite Abstimmung zu dem nun vorliegenden Kompromisspapier zu bitten und damit zur Frage: Wollt ihr den Brexit tatsächlich? Vermutlich wäre dies sogar besser, als die Entscheidung einer Regierung zu überlassen, die längst ihr Gesicht verloren hat.

Ein Teil dieses Gesichtsverlustes wurde am Montag greifbar. Monatelang hatten May und ihr Kabinett versucht, Handelsverträge mit den großen Wirtschaftsmächten der Welt zu schließen und sich darin gefallen, die Freiheit von der EU als einen großen Schritt zur Weltmarktgröße zu interpretieren. Von den USA, Kanada bis China und Australien wurde verhandelt. Nun, wenige Tage vor dem Ausscheiden des Königreichs aus der EU, wurde feierlich das erste solche Abkommen geschlossen. Die Premierminister und Präsidenten von Papua Neuguinea und Fidschi stellten stolz ihre Bereitschaft zum gemeinsamen Handel vor. Und die Welt lachte, wieder einmal.

Spiele zeigen ja oft den Charakter einer Zeit besser als jede wissenschaftliche Umfrage. So stand in den Jahren der Globalisierung das Spiel "Siedler" in praktisch jedem Wohnzimmer und eine jede und ein jeder kolonisierte die Welt mit Handel, Technik und Krieg nach Herzenslust. Auch der Brexit hat seine zeitgemäße Form der Spiele, wie unsere Gaming-Korrespondentin Selma Nadarevic herausgefunden hat. Es gibt freilich einen großen Stimmungswandel zu verzeichnen. Waren die "Siedler" aber noch ein relativ dynamisches Spiel, um die Zukunft und den Globus zu erobern, so zeigt sich der Brexit ganz anders. Es geht um blutigen Häuserkampf, um den letzten Bissen Brot in einem Land, in dem es keine staatliche Ordnung und keine Sicherheit mehr gibt. Und neben Titeln wie "Don't starve together" oder "We happy few" ist irgendwie auch die Erinnerung an die letzte Premierministerin vor dem Doomsday nicht kleinzukriegen: "Devil May Cry 5".

Soweit zur kollektiven Brexit-Befindlichkeit der Briten. Aber wie sieht es in der Wirklichkeit aus? Nicht ganz so blutig, aber peinlich allemal. Gäbe es ein Spiel der Stunde, es würde wohl "May may Cry 1" heißen. Denn der Premierministerin wurde am Dienstag die Taktik, so es je eine gegeben hat, großflächig zerstört mit der Entscheidung des Parlamentsprechers John Bercow, den Vertrag mit der EU nicht mehr zur Abstimmung zuzulassen.

Der taktische Zusammenbruch

Tatsächlich wäre May drauf und dran gewesen, den Widerstand gegen ihr Abkommen zu biegen. Denn mit jeder Entscheidung hatte das Parlament seine Möglichkeiten weiter verengt. Hatten die Abgeordneten zunächst den Vertrag abgelehnt, so schlossen sie danach auch einen harten Brexit aus. Es wäre also bald klar geworden: Wer den Brexit nicht auf die harte Tour will, muss dem vorliegenden Abkommen zustimmen, schlicht weil es keinen anderen Vertrag mit der EU geben wird.

Die Zustimmung zu May oder eine neuerliche Volksabstimmung wären also die einzigen Möglichkeiten des Parlaments gewesen. Und nun? Nun ist die absurde Situation eingetreten, dass die einzige Person, die in der scheinbar ausweglosen Situation so etwas wie einen Plan hatte, nämlich die Premierministerin, aus dem Rennen genommen wurde. Der Rest der Abgeordneten in Westminster hat jedenfalls keine Lösung, am allerwenigsten Jeremy Corbin, der Labour-Leader. Sie alle haben in ihren Wahlkreisen das Blaue vom Himmel versprochen und gehofft, May würde Verantwortung und Schuld schon auf sich nehmen. Nun ist das Gegenteil eingetreten.

Das planlose Parlament

Die Planlosigkeit der Abgeordneten zeigt sich von ihrer hässlichsten Seite und in grellstem Licht. Und damit auch die Hohlheit der große Geste, mit der in den vergangenen Wochen dort der Widerstand gegen die Premierministerin als Zeichen für die Stärke der Demokratie verkauft worden war. Was ist nun also wahrscheinlich? Sollten die EU-Regierungschefs beim heute beginnenden Gipfel in Brüssel einem Aufschub des Brexit zustimmen, müssten die Briten einen "substanziellen" Grund für die Verschiebung finden. Da das Abkommen selbst nicht mehr verhandelbar ist, muss dieser Grund also anderswo gefunden werden. Hinter der unglücklichen Frau May kann man sich nun nicht mehr verstecken. Und da ein Ausstieg ohne Abkommen ausgeschlossen wurde, bliebe als eine Option, Neuwahlen anzusetzen. May müsste also zurücktreten. Weil das eine wahrscheinliche Variante ist, scharren die Brexit-Seilschaften hinter den Kulissen schon in den Startlöchern und alarmierte Gemäßigte drohen schon mit dem Austritt, sollte der neue Parteichef Boris Johnson heißen.

Freilich bergen Neuwahlen auch eine große Gefahr, dass das politische Establishment quer durch die Parteien einen Denkzettel für das Chaos bekommt, das es in den vergangenen zwei Jahren angerichtet hat. Und die Frage, wer das riskieren würde, stellt sich auch in London immer lauter. Bliebe als zweite und eventuell glimpfliche Möglichkeit, das Volk um eine zweite Abstimmung zu dem nun vorliegenden Kompromisspapier zu bitten und damit zur Frage: Wollt ihr den Brexit tatsächlich? Vermutlich wäre dies sogar besser, als die Entscheidung einer Regierung zu überlassen, die längst ihr Gesicht verloren hat.

Ein Teil dieses Gesichtsverlustes wurde am Montag greifbar. Monatelang hatten May und ihr Kabinett versucht, Handelsverträge mit den großen Wirtschaftsmächten der Welt zu schließen und sich darin gefallen, die Freiheit von der EU als einen großen Schritt zur Weltmarktgröße zu interpretieren. Von den USA, Kanada bis China und Australien wurde verhandelt. Nun, wenige Tage vor dem Ausscheiden des Königreichs aus der EU, wurde feierlich das erste solche Abkommen geschlossen. Die Premierminister und Präsidenten von Papua Neuguinea und Fidschi stellten stolz ihre Bereitschaft zum gemeinsamen Handel vor. Und die Welt lachte, wieder einmal.