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Mehr „Rederecht” für die Politiker

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Der frühere Hamburger Bürgermeister plädiert für die Förderung von Kunst und Kultur, die Künstler müssen aber mehr Risiko übernehmen.

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Der frühere Hamburger Bürgermeister plädiert für die Förderung von Kunst und Kultur, die Künstler müssen aber mehr Risiko übernehmen.

DIEFURCHE: Auch auf die Kultur kommt in Osterreich ein „Sparpaket” zu, in Deutschland ist das vermutlich nicht anders. Wie sehen Sie das Spannungsverhältnis zwischen Kulturförderung und wirtschaftlicher Entwicklung?

Klaus von Dohnanyi: Dieses Spannungsverhältnis hat es immeY gegeben, wirtschaftliche Entwicklungen verändern die Gesellschaft und damit natürlich auch kulturelle Strukturen. Wenn derzeit über die Höhe von Kultursubventionen gestritten wird, so glaube ich, daß diese an manchen Stellen in Europa eher zu hoch als zu niedrig sind. In manchen kulturellen Einrichtungen herrscht offenbar das Gefühl, daß man nur sich selbst verantwortlich ist und nicht auch der Gesellschaft. Eine solche Haltung ist zwar für den Künstler prinzipiell richtig, aber die Tendenz in Europa, auch in Deutschland, Subventionen jeglichen Umfanges zu fordern, scheint mir verhängnisvoll. Wir brauchen neue Modelle der Kulturförderung, die einen höheren Anteil von Eigenmitteln vorsehen.

DIEFURCHE: Grundsätzlich aber meinen Sie, daß Kunst nicht nur vom Markt abhängig sein kann? von Dohnanyi: Auch in der Vergangenheit hat sich Kunst am Markt orientiert. Ein Maler muß auch heute so lange in seinem Atelier arbeiten, bis er Menschen findet, die sich für seine Arbeiten interessieren. Aber die reproduzierenden Künste, die Opernhäuser, die Theater - sie erwarten immer höhere Subventionen. In den USA werden auch sehr gute Orchester höchstens zu 20 Prozent öffentlich subventioniert, 80 Prozent müssen sie selbst einspielen - und diese Orchester sind mindestens ebenso gut wie europäische Orchester.

DIEFURCHE: Eine Verringerung der Mittel hat Ihrer Meinung nach nichts mit der Qualität zu tun? von dohnanyi: Sie kann, aber sie muß nichts damit zu tun haben! Im ganzen gesehen wird Kultur in Europa doch in einer Weise gefördert, wie dies in der Welt beneidet wird. Ich halte zum Beispiel Beschwerden für unberechtigt, wenn von einem Opernhaus verlangt wird, mit demselben Etat auszukommen wie im vorhergegangenen Jahr, und es sich dabei um 120 Millionen Mark handelt. Diese Institutionen sollten auch selbst dafür Sorge tragen, neue Finanzquellen zu erschließen.

DIEFURCHE: Es ist auffallend, daß Sie deutlich unterscheiden zwischen reproduzierenden und kreativen Künstlern. von dohnanyi: Ich weiß nur, daß jemand, der Lyrik schreibt, oft unter wirtschaftlich sehr dürftigen Bedingungen arbeiten muß. Schriftsteller haben es eben schwerer als staatlich bezahlte Schauspieler.

DIEFURCHE: Sie kennen aus Ihrer jetzigen Tätigkeit die Situation in der ehemaligen DDR sehr gut... Von Dohnanyi: Ja, mittelmäßige Künstler bedauern die Unsicherheit ihrer heutigen Existenz, die guten werden sich durchsetzen. Auch in der Literatur hat es ja immer den „Kommerz” gegeben. Ob Goethe oder Grill-parzer, ob Friedrich Hölderlin, Georg Trakl oder Gottfried Benn: Sie alle hatten als Partner den Kommerz. Wenn man die Freiheit der Kunst sucht, muß man auch die andere Seite der Freiheit, den Kommerz, in Kauf nehmen.

Die öffentliche Verpflichtung zur Förderung der Kunst und der Kultur muß als europäisches Spezifikum bewahrt werden. Man könnte jedoch zum Beispiel in einem Theater die Infrastruktur, die Technik, das Hauspersonal, die laufenden Kosten zur Verfügung stellen, aber die Gagen für die Schauspieler, die Sänger, den Intendanten sollten dann eingespielt werden. Ein Teil des Bisikos für die Produktion müßten die Künstler selbst übernehmen!

DIEFURCHE: Nun vielleicht ein kleiner Sprung zu einem anderen Thema: Welche Möglichkeiten haben Politiker, auf das Kulturgeschehen in einer

Stadt, im Land Einfluß zu nehmen In Osterreich gibt es immer wieder den Vorwurfder politisch motivierten Förderung von Künstlern, Kulturinitiativen und so weiter. Kennen Sie diesen Forwurf auch persönlich? von dohnanyi: Ich habe diesen Vorwurfnatürlich auch erlebt, etwa wenn man mir als Bürgermeister von Hamburg vorwarf, daß ich mich öffentlich über das Theater geäußert habe. Ich habe aber eine Meinung zu künstlerischen Fragen, und die sage ich auch. Selbstverständlich haben die Theaterleute das Recht, Aufführungen so zu machen wie sie wollen, aber ich habe eben auch das Recht zu sagen, ob ich es gut finde oder miserabel. Politiker sollen sich zu Kunstfragen, zu religiösen Fragen äußern, sie haben sogar die Pflicht es zu tun, weil dadurch ihre Wertmaßstäbe erkennbar werden. Aber sie haben nicht das Recht, den Menschen zu sagen, wie sie beten sollen oder welche Bilder sie ansehen, welche Stücke sie aufführen sollen. Oder gar den Theaterintendanten aufgrund seiner Parteizugehörigkeit zu bestellen! Aber wenn ich in einer Regierung für die Wahl eines Intendanten zuständig bin, dann werde ich natürlich einen suchen, der meiner Vorstellung entspricht. Das heißt nicht, daß er linke oder rechte Stücke aufführen soll, aber das heißt, daß ich nicht möchte, daß die Bürger aus dem Theater vertrieben werden. Und wenn der Intendant provoziert, dann möchte ich, daß die Leute gerade deswegen ins Theater gehen. Leergespielte Theater sind schlechte Theater!

DIEFURCHE: Fiel in Hamburg das Kulturressort in Ihre Zuständigkeit VonDqhnanyi: Ich habe mich immer sehr darum gekümmert. Als Bürgermeister war ich Vorsitzender der Landesregierung, die beispielsweise über Intendantenbesetzungen zu entscheiden hatte. Ich habe die bauliche Restaurierung des Hamburger Schauspielhauses in die Wege geleitet, ich habe den jetzt entstehenden Neubau des Museums für moderne Kunst initiiert. Ich glaube, daß Kunst und Kultur nicht nur wichtig für die Menschen, sondern auch wesentlich für die wirtschaftliche Entwicklung einer Region sind. ,

DIEFURCHE: Kann die Politik wichtige Akzente im kulturellen Leben setzen* von dohnanyi: Sie kann, sie muß, sie hat eine Verpflichtung dazu. In Deutschland gibt man Politikern eher zu wenig als zuviel „Rederecht” in der Kultur. Wenn man als Politiker in kulturellen Fragen eine Mehrheitsmeinung vertritt, dann wird das akzeptiert, würde aber ein Politiker beispielweise eine negative Meinung zum letzten Buch von Günter Grass äußern, würde ihm das sehr übelgenommen. Das finde ich falsch, ich bin für einen offenen Dialog.

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