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Meneer van Dijk sucht Das Glück

Die Schagener prüfen Gemeindevorschriften auf Zufriedenheit der Bürger. Im Jänner schafften sie Strafen bei Zahlungsverzug von Abgaben ab.

Was verstehen die Menschen unter kommunalem Glück? Eine Studie über Schagen ergab: Sinnvolle Arbeit, Verbundenheit im Viertel, Sportmöglichkeiten und Vertrauen in die Gemeinde.

Zum ersten Jänner 2018 stellte Schagen, eine niederländische Kommune in der Provinz Noord- Holland, die Bußgelder ein. Strafen, die bisher fällig wurden, wenn einer ihrer gut 40.000 Bewohner auf den Steuerbescheid nicht reagierte oder die Gemeindeabgaben nicht zahlte. Man treibe damit Leute nur tiefer ins Elend, dachten sich die Beamten aus der Finanzabteilung, als sie den Schritt vorschlugen. Wäre es nicht schlauer, der kommunale Sozialdienst setzte sich mit den Problemfällen in Verbindung, um eine Lösung zu finden?

Jan Steven van Dijk, 56, Dezernent für Finanzen und Glück in Schagen, ist in einem solchen Fall derjenige, der den Daumen hebt oder senkt. Er tut dies nicht willkürlich, sondern anhand einer Liste mit zwölf Kriterien, die das Leben glücklicher machen sollen. Aufgestellt hat sie die Abteilung für Glücks-Studien an der Erasmus-Universität Rotterdam. Die Liste basiert auf einer Umfrage unter den Schagenern. Seither prüft er jeden kommunalen Finanzposten auf eine Frage hin: Ist damit dem Glück der Bewohner gedient?

Die Sache mit den Bußgeldern erfüllt zwei der zwölf Kriterien. Sie erleichtert die "Teilnahme am gesellschaftlichen Leben" und trägt zum "Verbessern des sozialen Netzes" bei. Also ging Van Dijks Daumen nach oben. Außerdem will man in Schagen prüfen, ob die Kommune Schulden von Bewohnern übernehmen und eine Zahlungsregelung finden kann. "Dann sind die Leute all diese üblen Briefe los, die Panik und den Stress", erklärt der Dezernent, der der sozialdemokratischen Partij van de Arbeid angehört. "Dafür können sie sich darauf konzentrieren, Arbeit zu suchen und gut für ihre Kinder zu sorgen."

Bunte Kombinationen

Jan Steven van Dijk ist längst angekommen in seinem Resort, das er Anfang 2016 mitten in der Legislaturperiode übernahm. An einem sonnigen Nachmittag im Februar empfängt er im Gemeentehuis von Schagen. Der Glücks-Dezernent trägt diese Art von casual chic am schlaksigen Leib, der vielen niederländischen Amtsträgern eigen ist: gute Schuhe, Jeans und ein Sakko überm Hemd, das in seinem Fall fröhlich-bunt bedruckt ist und einen legeren Knopf weiter offen steht als nötig.

Fragt man ihn nach seiner Kombination, nämlich Finanzen und Glück, und bemerkt, dass deren erster Faktor dem zweiten selten förderlich ist, bricht er in Gelächter aus. Als er sich beruhigt, räumt er ein: "Das Gute ist: Das mit dem Glück kommt manchen Leuten abgehoben vor. Und andererseits sind da Finanzen, etwas Knallhartes und Plattes. Da denken sie dann wohl, wenn dieser Typ sich mit Zahlen beschäftigen und unterm Strich alles stimmen muss, ist es vielleicht etwas weniger verschwommen, wenn sich ein Politiker mit Glück beschäftigt."

Als die Bürgermeisterin ihn vor zwei Jahren bat, das neue Resort zu übernehmen, hatte auch Van Dijk Zweifel. Doch dann wurde ihm klar, wofür der Ansatz eigentlich steht: "Hat man das Gefühl, das Leben macht Sinn? Wohnt man sicher, muss man sich keine furchtbaren Sorgen machen, ob die Kinder in die Schule können oder zum Sport? Auf diese Dinge haben wir als Kommune auch dann Einfluss! Und wir müssen sie so organisieren, dass alle davon etwas glücklicher werden."

Beschleunigt ins Glück

Nach dieser Erkenntnis trat Jan Steven van Dijk aufs Gaspedal. "Ich wollte wirklich wissen, was wichtig ist für das Glück der Einwohner. Das muss man dann untersuchen lassen! Also rief ich die Erasmus-Universität an." Heraus kam die erwähnte Liste, die für ihn heute zum wichtigsten Handwerkszeug in den stundenlangen Ratsversammlungen geworden ist. Was darauf steht, klingt ziemlich bodenständig. "Sinnvolle Arbeit" liest man da, "Verbundenheit im Viertel" oder "weniger Einsamkeit". Ebenso "Vertrauen in die Kommune","Sportmöglichkeiten" und "Zufriedenheit mit Beziehungen".

Um all dies zu fördern, hat man in Schagen zu Jahresbeginn ein neues Instrument eingeführt: das Glücksbudget. Bürgern mit niedrigem Einkommen gewährt man ein Mal im Jahr einen Betrag bis zu 500 Euro, wenn sie einen entsprechenden Antrag gestellt haben. "Meist geht es um Menschen, die zum Beispiel einen Malkurs machen wollen. Ein einsamer Mann bekam eine Angelrute und einen Stuhl, wodurch er sich mit anderen Anglern anfreundete. Oder um Laufschuhe für jemand, der depressiv war und wieder Sport treiben möchte." Zweimal in der Woche berät das Finanzdezernat über die Anträge. 60 davon sind seit Jahresbeginn schon eingegangen.

Wegen solcher Fälle wehrt Van Dijk entschlossen ab, wenn man kommunales Glücksstreben mit Lifestyle-Ratgebern vergleicht: "Es geht uns nicht um den schönen Sonnenuntergang oder wilde Verliebtheit, sondern eher um eine nachhaltige Zufriedenheit mit dem Leben." Sein eigenes Arbeitspensum ist dadurch zehn, zwölf Wochenstunden höher und liegt jetzt bei etwa 30. Etwa die gleiche Anzahl widmet er seiner halben Stelle in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung, wo er weiter als Direktor tätig ist. Van Dijk, der auf eine lange Laufbahn im Pflegebereich zurückblickt, mag komplizierte Aufgaben. Als er bei seinem heutigen Arbeitgeber anheuerte, war die Einrichtung nahezu bankrott.

Jan Steven im Glück

Was ihn selbst glücklich macht? Da muss er nicht lange überlegen. "Frohe Menschen um mich herum zu haben. Und das Gefühl, dass ich jemanden ein kleines Stückchen weiterhelfen kann. Das hat mit Sinngebung zu tun, und damit, etwas zu bewirken." Seine Hobbys nennt er nur, wenn man ein wenig tiefer gräbt. "Reiten auf meinem eigenen Pferd, auch wenn das fast ein bisschen dekadent ist", gehört dazu, "Spazierengehen mit dem Hund, Zeit mit den Kindern". Die Patchworkfamilie des in zweiter Ehe Verheirateten umfasst neun Kinder zwischen zehn und 31 Jahren. "Und mit den Kollegen herumzualbern."

Jan Steven van Dijk, protestantisch erzogen, hat die Kirche längst hinter sich gelassen. Ein altruistischer Ethos aber ist ihm geblieben. Genau dieser brachte ihn um die Jahrtausendwende zu den Sozialdemokraten. Kurz zuvor hatte er sich, geschieden und nicht in der besten Phase seines Lebens, in einem winzigen Dorf in der Umgebung niedergelassen. Innerhalb von zwei Jahren war er wieder glücklich verheiratet und wohnte in einem schönen Haus. "Dann bekam ich das Gefühl, diesem Ort, an dem ich mich so wohlfühlte, etwas zurückgeben zu wollen. Meine Frau und ich überlegten, wie ich das tun könnte. Dann sagte sie: Warum gehst du nicht in die Politik?"

Während er das erzählt, geht Van Dijk auf, wie sehr sich für ihn persönlich ein Kreis geschlossen hat, wenn er nun über Dinge entscheiden kann wie diese: "Heute morgen sagten ein paar Kollegen zu mir, wir bräuchten mehr Personal im Gemeindehaus. Weil die Wirtschaft so angezogen hat, gibt es viel mehr Nachfrage für Wohnungsbau, da kommen wir mit dem Prüfen gar nicht hinterher. Als Finanzdezernent sage ich dann: Wovon bezahlen wir das? Als Glücksdezernent frage ich: Was hilft das den Bewohnern? Nun ja, sagten sie, wenn wir schneller Genehmigungen erteilen können, wird früher gebaut. Die Wartelisten werden kürzer und die Leute haben schneller eine Wohnung."

Wie lange er diesen Weg mitbestimmt, ist nicht sicher: Am 21. März finden in den Niederlanden Kommunalwahlen statt. Ähnlich wie in Deutschland sind es nicht die besten Zeiten für die Sozialdemokraten. Umso mehr hofft Jan Van Dijk, dass er seine Arbeit fortsetzen kann. "Ich sage immer: Wir haben in Schagen den Norden aus dem Kompass geholt und dafür ein G eingesetzt. Wir halten Kurs aufs Glück!"

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