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"Menschen auf der Flucht wird für alles die Schuld gegeben"

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"Die alleine geflüchteten Kinder werden immer jünger", wie Iliana Savova vom Bulgarischen Helsinki-Komitee berichtet.

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"Die alleine geflüchteten Kinder werden immer jünger", wie Iliana Savova vom Bulgarischen Helsinki-Komitee berichtet.

Immer mehr unbegleitete Kinder, die nach Bulgarien kommen, sind minderjährig. Menschenrechtsanwältin Iliana Savova erklärt, woher die Minderjährigen kommen, wie es um den Kinderschutz in Bulgarien steht und wieso die Arbeit mit den geflohenen Kindern oft sehr schwierig ist.

DIE FURCHE: Frau Savova, wie viele unbegleitete Minderjährige halten sich derzeit in Bulgarien auf?

Iliana Savova: Im vergangenen Jahr flüchteten etwa 2500 unbegleitete Kinder nach Bulgarien. Natürlich bekommen wir als Hilfsorganisation nicht alle zu Gesicht, sondern nur jene, die wir in den Grenzbeobachtungseinrichtungen, in den Internierungslagern, in den offenen Flüchtlingslagern oder über die Staatliche Flüchtlingsagentur erfassen können oder diejenigen, die von sich aus in unsere Büros kommen.

DIE FURCHE: Woher kommen diese Kinder?

Savova: Der Großteil stammt aus Afghanistan - nur wenige unbegleitete Minderjährige sind aus Syrien oder dem Irak. Seit dem vergangenen Jahr kommen vermehrt jüngere Kinder. Davor waren es viele 15- bis 18-Jährige. Aktuell beobachten wir, dass die unbegleiteten Minderjährigen, die nach Bulgarien kommen, noch sehr jung sind -oft erst zwischen zehn und 14 Jahre alt.

DIE FURCHE: Warum kommen so viele Kinder aus Afghanistan?

Savova: Die Regierungen von Pakistan und dem Iran schließen viele afghanische Flüchtlingslager und drängen die Menschen, dorthin zurückzugehen, von wo sie gekommen sind. Viele der afghanischen Flüchtlinge leben seit Jahren in diesen Lagern und können nicht ohne weiteres wieder in ihr Ursprungsland zurück. Deshalb sind sie auf die 2015 in Gang gekommene Migrationswelle aufgesprungen. Doch Flüchtlinge aus Afghanistan haben es nicht leicht: In der Türkei gibt es für sie keine legalen Möglichkeit, um Asyl anzusuchen, und die UNHCR, das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen, registriert afghanische Flüchtlinge seit 2013 nicht mehr. Deshalb versuchen auch sie, auf anderen Wegen nach Europa zu gelangen, um dort auf legalem Weg um Asyl anzusuchen.

DIE FURCHE: In bulgarischen Gefängnissen sind Kinder bis zum Alter von 18 Jahren, gemeinsam mit Erwachsenen, untergebracht. Was sagen Sie als Menschenrechtsanwältin dazu?

Savova: Das ist in der Tat ein sehr, sehr großes und systematisches Problem, gegen das wir als Organisation bereits seit Jahren ankämpfen. Unglücklicherweise gibt es in Bulgarien massive Defizite im Bereich des Kinderschutzes. Es besteht ein großer Mangel an erforderlichen Kapazitäten -selbst für bedürftige bulgarische Kinder. Es fehlt an Unterbringungseinrichtungen und an geschultem Personal.

DIE FURCHE: Wie gestaltet sich Ihre Arbeit mit den unbegleiteten Kindern auf der Flucht?

Savova: als sehr schwierig. Unbegleitete Minderjährige sind eine sehr dynamische Gruppe. Sie bleiben meist nicht lange in den Lagern -ein sehr besorgniserregender Trend. Viele haben von ihren Eltern keine genauen Anweisungen bekommen, wie sie dieses oder jenes Land erreichen können (und versuchen auf eigene Faust, an die Grenzen zu kommen; Anm. d. Red.). Es ist schwierig, sie von den legalen Migrations-Möglichkeiten zu überzeugen. Sie sind eben noch Kinder. Umgekehrt sind wir nur einfache Juristinnen und Juristen, die pädagogisch nicht ausgebildet sind und lediglich auf Erfahrungen als Eltern zurückgreifen können.

DIE FURCHE: Das neue Jahr ist erst ein paar Wochen alt. Was wünschen Sie sich als Menschenrechtsanwältin für 2017?

Savova: Zuallererst natürlich Friede. Die Europäische Union soll, was den Friedensprozess in Syrien und im Irak anbelangt, eine größere Rolle spielen. Und dann wünsche ich mir, dass die EU auch tatsächlich aus der Geschichte lernt und jene Situation vermeidet, wie sie vor dem Zweiten Weltkrieg bestanden hat. Denn was wir jetzt beobachten, ist ein besorgniserregender Trend. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die Juden als "der Feind" dargestellt. Man brauchte jemanden, der sichtbar war und den man als "Gruppe" dafür verantwortlich machen konnte für das Unglück, das die wirtschaftliche Depression mit sich brachte. Aktuell sehen wir mehr oder weniger dieselbe beunruhigende Situation und eine Gefühlslage quer durch den europäischen Kontinent, die mich überrascht. Aber während damals den Juden für alles die Schuld gegeben wurde, sind es heute Migranten und Menschen auf der Flucht.

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