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Mission Impossible

1945 1960 1980 2000 2020

Wie sollen Geheimdienste agieren in einer Zeit der Digitalisierung. Sie bedeutet nicht nur neue Möglichkeiten, sondern auch große Probleme.

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Wie sollen Geheimdienste agieren in einer Zeit der Digitalisierung. Sie bedeutet nicht nur neue Möglichkeiten, sondern auch große Probleme.

Eigentlich sollte man meinen, dass mit dem Zeitalter der Digitalisierung goldene Zeiten für Überwachung angebrochen sind. Geheimdienste können jeden Suchbegriff im Internet auswerten, Handydaten anzapfen, Bewegungsprofile erstellen. Das Smartphone ist das perfekte Abhörgerät in der Hosentasche. Doch in einer Zeit, wo an jeder Ecke Überwachungskameras und Gesichtserkennungssysteme (wie an einigen US-Flughäfen) installiert werden, müssen Geheimdienste ihre Arbeit neu definieren. „Die digitale Information verändert das Umfeld unserer Operationen fundamental“, sagte Alex Younger, der Chef des britischen Geheimdienstes MI6, kürzlich auf einer Konferenz in Washington, die gemeinsam von der CIA und der George Washington University organisiert wurde. „Unsere Gegner, die sich nicht an Rechtmäßigkeit und Verhältnismäßigkeit halten müssen, können diese Möglichkeiten nutzen, um Einsicht in unsere Operationen zu gewinnen.“ Nick Warner, Chef des australischen Geheimdienstes, wurde deutlicher. Rekrutierung, Kommunikation, Operationen – alles müsse sich verändern.

„Die Tage, in denen sich Geheim-dienst­agenten verschiedene Identitäten und Persönlichkeiten zulegen, kommen an ihr Ende“, sagte unlängst Nigel Inkster, ehemaliger Top-Agent beim MI6 und heute Forschungsdirektor beim Thinktank IISS, der Financial Times. „Forensische Fähigkeiten, Gesichtserkennung, Biometrie, DNA, alle diese Dinge machen die Bewegung auf fremdem Terrain zu einer Herausforderung.“ Nun mag die Vorstellung, dass ein Schlapphut mehrere Pässe in seinem Portemonnaie besitzt, unter falscher Identität im Hotel eincheckt und in seinem Sportwagen sinistren Gestalten hinterherspioniert mehr mit James Bond als mit der Realität gemein haben. Doch die Frage ist, wie Agenten unter dem Radar ausländischer Geheimdienste operieren können. Etwas zugespitzt formuliert: Wie sollen Geheimdienste in einer Zeit totaler Transparenz agieren, in der fast nichts mehr geheim ist?

Richard J. Aldrich, Professor für Politik und internationale Beziehungen an University of Warwick und Autor mehrerer Geheimdienstbücher, sagt im Gespräch mit der FURCHE: „Das größte Problem sind biometrische Grenzen. Spione müssen sie umgehen, sogar mit dem U-Boot.“ An solchen Checkpoints, wie sie etwa die EU an ihren Außengrenzen einführen will, müssen sich Einreisende mit ihrem Fingerabdruck oder Gesichtsscan identifizieren. Das System gleicht die Daten mit einer Datenbank ab und schlägt bei Abweichungen Alarm. Bio­metrische Merkmale wie Fingerabdrücke, Handgeometrie oder die Iris- und Retinastruktur gelten als absolut fälschungssicher. Man kann sein Aussehen verändern, aber nicht seinen Fingerabdruck oder seine Iris. Das macht es für die Sicherheitsbehörden leichter, potenzielle Terroristen oder Kriminelle, die unter falscher Identität einreisen, zu erkennen.

Eigentlich sollte man meinen, dass mit dem Zeitalter der Digitalisierung goldene Zeiten für Überwachung angebrochen sind. Geheimdienste können jeden Suchbegriff im Internet auswerten, Handydaten anzapfen, Bewegungsprofile erstellen. Das Smartphone ist das perfekte Abhörgerät in der Hosentasche. Doch in einer Zeit, wo an jeder Ecke Überwachungskameras und Gesichtserkennungssysteme (wie an einigen US-Flughäfen) installiert werden, müssen Geheimdienste ihre Arbeit neu definieren. „Die digitale Information verändert das Umfeld unserer Operationen fundamental“, sagte Alex Younger, der Chef des britischen Geheimdienstes MI6, kürzlich auf einer Konferenz in Washington, die gemeinsam von der CIA und der George Washington University organisiert wurde. „Unsere Gegner, die sich nicht an Rechtmäßigkeit und Verhältnismäßigkeit halten müssen, können diese Möglichkeiten nutzen, um Einsicht in unsere Operationen zu gewinnen.“ Nick Warner, Chef des australischen Geheimdienstes, wurde deutlicher. Rekrutierung, Kommunikation, Operationen – alles müsse sich verändern.

„Die Tage, in denen sich Geheim-dienst­agenten verschiedene Identitäten und Persönlichkeiten zulegen, kommen an ihr Ende“, sagte unlängst Nigel Inkster, ehemaliger Top-Agent beim MI6 und heute Forschungsdirektor beim Thinktank IISS, der Financial Times. „Forensische Fähigkeiten, Gesichtserkennung, Biometrie, DNA, alle diese Dinge machen die Bewegung auf fremdem Terrain zu einer Herausforderung.“ Nun mag die Vorstellung, dass ein Schlapphut mehrere Pässe in seinem Portemonnaie besitzt, unter falscher Identität im Hotel eincheckt und in seinem Sportwagen sinistren Gestalten hinterherspioniert mehr mit James Bond als mit der Realität gemein haben. Doch die Frage ist, wie Agenten unter dem Radar ausländischer Geheimdienste operieren können. Etwas zugespitzt formuliert: Wie sollen Geheimdienste in einer Zeit totaler Transparenz agieren, in der fast nichts mehr geheim ist?

Richard J. Aldrich, Professor für Politik und internationale Beziehungen an University of Warwick und Autor mehrerer Geheimdienstbücher, sagt im Gespräch mit der FURCHE: „Das größte Problem sind biometrische Grenzen. Spione müssen sie umgehen, sogar mit dem U-Boot.“ An solchen Checkpoints, wie sie etwa die EU an ihren Außengrenzen einführen will, müssen sich Einreisende mit ihrem Fingerabdruck oder Gesichtsscan identifizieren. Das System gleicht die Daten mit einer Datenbank ab und schlägt bei Abweichungen Alarm. Bio­metrische Merkmale wie Fingerabdrücke, Handgeometrie oder die Iris- und Retinastruktur gelten als absolut fälschungssicher. Man kann sein Aussehen verändern, aber nicht seinen Fingerabdruck oder seine Iris. Das macht es für die Sicherheitsbehörden leichter, potenzielle Terroristen oder Kriminelle, die unter falscher Identität einreisen, zu erkennen.

Im Internet-Zeitalter bedeutet Geheimhaltung nicht, Dinge offline zu halten, im Gegenteil: Individuen ohne Online-Profil sind verdächtig.

Für Geheimdienste werden bio­metrischen Authentifizierungssys­teme aber zum Problem. Einen falschen Ausweis an der Passkontrolle zu zücken, das funktioniert heute nicht mehr. Agenten operieren selbstverständlich in einer Grauzone, und vieles von dem, was sie tun, kommt nie ans Tageslicht. Doch im Internet-Zeitalter bedeutet Anonymität und Geheimhaltung eben nicht, Dinge offline zu halten, im Gegenteil: Individuen oder Identitäten ohne Online-Präsenz sind verdächtig. Es wirkt wie eine Ironie, dass sich der Überwachungsimperativ nun auch gegen die Überwacher richtet. Der Hack der US-Personalbehörde (Office of Personnel Management), bei dem mutmaßlich chinesische Hacker mehr als 5,6 Millionen Fingerabdrücke kopieren konnten, entlarvte CIA-Offiziere, weil von ihnen gar keine Fingerabdrücke in der Datenbank vorhanden waren. Fakt ist: Die Kompromittierung biometrischer Datenbanken kann zu erheblichen geopolitischen Verwerfungen führen.

Ein dubioser Mord

Agenten leben gefährlich. 2010 wurde der britische Geheimdienst­agent Gareth Williams, der in Diensten des MI6 stand, tot in seiner Londoner Wohnung aufgefunden. Williams wurde auf brutale Weise ermordet, seine zerstückelte Leiche wurde in einer Sporttasche gefunden. Die Ermittler fanden weder DNA-Spuren noch Fingerabdrücke. Es war ein äußerst mysteriöser Mord. Als die Fahnder die Wohnung betraten, lief die Heizung, obwohl es ein warmer Sommertag war. Die Hitze sorgte dafür, dass der Körper rasch verweste und Spuren beseitigt wurden. Es müssen Profis gewesen sein. Doch was war ihr Motiv? Der ehemalige russische Geheim-dienstoffizier Boris Karpichkow, der im Londoner Exil lebt, behauptet, Williams sei von einem russischen Doppelagenten ermordet worden.

Eine große Frage sei, wie sich die britischen Inlands- und Auslandsgeheimdienste, namentlich MI6 und GCHQ, nach dem Brexit aufstellen. Vor dem Hintergrund, dass die britischen Geheimdienste die Hälfte der Informationen aller EU-Mitgliedstaaten beisteuern, sei dies in den Verhandlungen mit Brüssel ein wichtiger Punkt.