Folterkeller - © Foto: Florian Bayer

Mit dem Kreuz an der Front

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Nach tagelanger Folter durch prorussische Separatisten entschied sich Dionissij Wassyljew, Militärgeistlicher zu werden. Jetzt ist er an der Front im Donbass.

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Nach tagelanger Folter durch prorussische Separatisten entschied sich Dionissij Wassyljew, Militärgeistlicher zu werden. Jetzt ist er an der Front im Donbass.

Keine 15 Kilometer entfernt fliegen Kugeln und Raketen, doch Dionissij Wassyljew denkt nicht ans Flüchten. Er sitzt in einem Gebetsraum für Militärangehörige, als wir ihn erreichen. Der blau gestrichene Raum ist vollgepackt mit Marienstatuen und Jesusbildern, auf einem Tisch liegen eine Bibel und andere Devotionalien. Platz für Zuhörer gibt es nicht, doch von hier aus hält Dionissij Gottesdienste, die per Livestream hinaus an Soldaten und ihre Angehörigen gehen.

Es sind schwere Zeiten, seit einigen Wochen tobt im Donbass eine erbitterte Offensive um jeden Kilometer Gelände. Es mehren sich Berichte von Soldaten, die dem andauernden russischen Artilleriebeschuss wenig entgegenzusetzen haben. Täglich sterben etwa 100 ukrainische Soldaten, räumte Präsident Wolodymyr Selenskyj ein, der sich sonst überaus bedeckt zu den eigenen Verlusten hält. „Ich werde bleiben bis zur letzten Minute, denn ich kann in dieser schwierigen Zeit keinen zurücklassen“, sagt Dionissij im Zoom-Gespräch.

Seine Aufgabe sieht er darin, den Soldaten Mut zu machen und Trost zu spenden. Keiner seiner Tage ist dabei wie der andere. Oft hält er sich im Hintergrund und arbeitet rein seelsorgerisch, betet gemeinsam mit den Soldaten. An vielen Tagen aber muss er aber direkt zur Front. Dort müssen Verletzte behandelt, Tote abtransportiert und Beerdigungen organisiert werden. „Das ist alles andere als einfach, aber jemand muss es machen“, sagt Dionissij. Doch es gibt auch schöne Momente: Seit Kriegsbeginn hat er fünf Taufen und zwei Hochzeiten durchgeführt.

Tränen der Erinnerung

Als wir ihn im vergangenen Oktober besuchen, konnte Dionissij Wassyljew nicht ahnen, dass der Krieg nur wenige Monate später derart eskalieren würde. Doch schon da, in einem modrigen Keller weit im Osten der Ukraine, bricht dem stattlichen Mann im Priestergewand die Stimme. „Entschuldigung, da werden Erinnerungen wach“, sagt er den Tränen nahe. Und nimmt die Hand des Reporters und legt sie auf seine Brust. Sein Herz rast.

Hier, tief unter der Polizeistation der Kreisstadt Druschkiwka, durchlebte Dionissij (34) die drei schlimmsten Tage seines Lebens.

2013 kam er als orthodoxer Priester in seine Heimatstadt Druschkiwka zurück. Als wenig später die Revolution am Maidan ausbrach, fuhren viele Mitglieder seiner Gemeinde in die Hauptstadt. Dionissij blieb in Druschkiwka, machte weiter mit seinen Gottesdiensten, auch als die Region kurzzeitig von Separatisten eingenommen war. Immer wieder betonte er die Einheit des Landes in seinen Messen, erzählt er. Das Narrativ von einer gespaltenen Ukraine, von einem „Bürgerkrieg“ sei von Anfang an falsch gewesen.

Am 13. Juni 2014 aber kamen drei maskierte und bewaffnete Männer in sein Haus und forderten ihn auf, ihnen zu folgen. Als er noch die Tür versperren wollte, sagten sie ihm: „Nicht nötig“, er werde das Haus nicht mehr brauchen. Dionissij tat wie ihm geheißen, stieg ins Auto und landete in einem provisorischen Verhörraum unter der Polizeistation Slowjansk. Hier wurden die Gefangenen verhört, wie er uns im vergangenen Oktober in ebenjenem Keller erzählt. Denn dass der Priester just im Revolutionsjahr 2013 von Kiew in den Osten ging, machte ihn verdächtig. Die prorussischen Besatzer wollten wissen, wer ihn bezahle. Als er keine Antworten für sie hatte, prügelten sie auf ihn ein. Gezielt auf die Nieren, auf den Rücken. Durch ein kleines Fenster habe er gesehen, wie andere Häftlinge im Hof erschossen wurden. Mindestens 30, wie er sagt. „Der Nächste bist dann du“, sagte man ihm.

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