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Digital In Arbeit

Mit der Bergpredigt aufs Arbeitsamt

Kürzlich erschien auf den flimmernden Bildschirmen der Wirtschaftsredakteure eine Meldung über den amerikanischen Arbeitsmarkt, die mehr oder weniger kommentarlos an die Medien weitergegeben wurde: „Neue US-Jobs drücken Aktien. Ein boomender Arbeitsmarkt wird die US-Notenbank veranlassen, die Zinsen für Kredite anzuheben. Die Börsen werden auf diesen Prozeß ihrerseits mit fallenden Aktienkursen antworten. Menschen hoffen wieder auf Arbeit, Anleger bangen um den Wert ihrer Investitionen."

Aber auch der umgekehrte Prozeß ist uns nur zu gut bekannt. Eigentümer oder Aufsichtsrat eines Unternehmens lassen ihrem Management wissen, daß die Kostenstruktur die Profitabilität und somit die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens gefährde. Die strukturellen Sparmaßnahmen beginnen dann fast immer beim Mitarbeiter, der der Analyse der Kostenstruktur vorgeschoben wird. Für eine konsequente Restrukturie-rung werden Eigentümer mit steigenden Aktienkursen belohnt, Manager können dafür mit einer finanziellen Belohnung rechnen. Mitarbeiter erhalten den „blauen Brief", Eigentümer und Manager freuen sich über den steigenden Wert ihres Unternehmens.

Wirtschaftliche Zusammenhänge haben heute eine solche Komplexität erreicht, daß sie bisweilen nur mehr von Nobelpreisträgern in Worte gefaßt werden können. Dabei bleibt leider oft die Verständlichkeit auf der Strecke. Uns bleibt die Frage nach der Gerechtigkeit dieser Marktwirtschaft, die wir frei nennen und manchmal mit dem schmückenden Beiwort „sozial" versehen. Kann und darf sich ein Gesellschaftssystem, das in diesem Modernisierungsprozeß offensichtlich Gewinner und Verlierer generiert, mit solchen Adjektiva überhaupt schmücken?

Vier Jahre vor der Jahrtausendwende löst die Faszination von Information und Dienstleistung in unserer Arbeitswelt den industriellen Stolz der letzten 100 Jahre ab. Müssen wir aber mit diesem Stolz auch die I loff nung auf genügend Jobs in unserer Gesellschaft begraben? Geht uns die Arbeit aus? Werden wir die menschliche Arbeit durch den Computer in Zukunft los?

Heute leben 35 Millionen arbeitslose Menschen in den 27 reichsten Industriestaaten der Welt, den Ländern der OECD, die allerdings zugleich immer mehr Arbeitsplätze schaffen. Internationale Körperschaften und nationale Regierungen, Universitäten und Business Schools zerbrechen sich den Kopfüber dieses Paradoxon, finden einen oder den anderen schlüssigen Grund für diese schrecklichste unserer sozialen Krankheiten, wissen diese Erkenntnisse jedoch nicht in einen effizienten Lösungsansatz umzusetzen.

Einer der wesentlichen Gründe für diese Unbeholfenheit liegt in der Zerrissenheit unserer Antwortsuche auf dieses gesellschaftliche Dilemma. Manager schieben die Verantwortung an Gewerkschafter. Diese reichen sie weiter an Politiker, die wiederum Professoren, Wirtschaftler und Soziologen zu Hilfe rufen.

Christliche Soziallehren, päpstliche Enzykliken und bischöfliche Sozial-hirtenbriefe stellen sich zwar als glaubwürdige Sucher dar, drücken aber die erste Seligpreisung vielfach in der fundamentalistischen Sprache einer mißinterpretierten Bergpredigt aus. Dort lassen wir als Christen die Armen gerne arm bleiben, weil ihnen ja so und so das Himmelreich versprochen wird.

Auch der katholische Katechismus enttäuscht unsere Hoffnung. Darin ist der Arbeitslosigkeit unserer Welt von 2.865 Absätzen lediglich ein halber Absatz gewidmet. Über das sechste Gebot lassen sich ganze 70 Kapitel aus.

Diagnose und Therapie der ge-sellschaflichen Krankheit Arbeitslosigkeit kann und darf nicht Aufgabe einer einzelnen Gruppe dieser Gesellschaft bleiben, sondern muß ganzheitliches Anliegen der Staatengemeinschaft werden. Technologische Innovation alleine wird nicht genügen, die Probleme unseres Zusammenlebens von heute und morgen zu lösen. Gefordert ist die soziale Kreativität aller Gesellschaftsmitglieder.

Jesus von Nazareth würde seine Bergpredigt heute wohl mit anderen Worten beginnen als er es vor 2.000 Jahren tat: Selig die arbeitslosen Menschen, die keinen Job und doch eine Familie zu ernähren haben. Selig die Jugendarbeitslosen, die von unserer erwachsenen Gesellschaft enttäuscht und getäuscht werden. Selig die Arbeitslosen, die über 50 sind und auf die Hilfe des Sozialstaates angewiesen sind. Selig die Langzeitarbeitslosen, denen die Hoffnung auf einen neuen

Anfang so schwer fällt. Es darf nicht diesseitige Utopie des Jenseits bleiben, daß sie alle wieder einmal am Morgen in die Arbeit gehen dürfen. Daß sie regelmäßig und fair bezahlt werden. Womöglich über dem Kollektivvertrag. Daß wir ihnen ihre menschliche Würde wieder zurückgeben werden, die ihnen unsere Gesellschaft als freie und soziale Marktwirtschaft genommen hat.

Das wirtschaftliche System, in dem wir heute zusammenleben, ist seit dem Abschied des Kommunismus nicht einfacher geworden. Zumindest seit der Öffnung des Eisernen Vorhangs wissen wir, daß das Wort Kapitalismus mehr als eine Schattierung hat: die kurzfristige Marktorientierung der Amerikaner, die längerfristige soziale Orientierung der Europäer mit all ihren Vor- und Nachteilen, der Familienkapitalismus der asiatischen Tigerstaaten und der Übergangskapitalismus der ehemaligen kommunistischen Demisphäre, in der sich ganz wenige auf Rosten ganz vieler Kapital aneignen. Unser Ringen um eine faire Welt, in der Kapital eine lebenswichtige Rolle spielt, geht weiter.

Wo immer Menschen miteinander wirtschaften, steht der Austausch von Ressourcen im Mittelpunkt der Interessen. Der Mensch stellt als Investor seine finanziellen Mittel zur Verfügung und erhofft sich vom Unternehmen eine Verzinsung seines Kapitals. Dasselbe ii'.lffur die Rank, die in die an einem ganz wesentlichen 1 eil unseres gesellschaftlichen Lebens vorbei gelebt. Die Entscheidung darüber ist nicht an einzelne Politiker, Manager, Gewerkschafter, Wirtschaftler oder Wissenschaftler zu delegieren.

Vielfach basieren Lösungsansätze für einen fairen Ressourcenaustausch 'trTuriserer komplexen Welt nur auf hard factors (zum Reispiel Finanzen, Rilanz, Maschinen, Gebäude et cetera). Die notwendig vorausgehenden soft factors (zum Reispiel kulturelle Elemente) werden nur zu gerne ins Abseits gestellt. Der Mensch ist Ziel und muß damit auch Ausgangspunkt der Lösungsansätze sein.

An der Spitze des sozioökonomi-schen Forderungskatalogs steht die ganzheitliche und vernetzte Bildung. Dazu zählt auch und vor allem die Aus- und Weiterbildung der Führungskräfte von profit- und nicht-pro-fitorientierten Oganisationen. Einseitig funktionales, noch so intensiv fachliches Know-how kann die ge-sellschaflichen Herausforderungen von heute und morgen nicht mehr meistern. Es genügt nicht nur, die 1 )inge richtig zu tun, es geht vor allem darum, die richtigen Dinge zu tun. Das muß gelehrt und kann gelernt werden.

An zweiter Stelle dieses Maßnahmenkatalogs steht die vielfach mißinterpretierte Forderung nach der Flexibilität der Menschen, die Arbeit geben und Arbeit nehmen. Ziel dieser partnerschaftlichen Flexibilität ist die Employability: die Fähigkeit des Arbeitgebers, den Mitarbeiter für den :sen Austausch von Ressourcen mit eingebunden ist. Der Mensch sucht als Kunde nach Lösungen für seine Probleme und gibt dafür Geld. Auch hinter dem Lieferanten steht der Mensch, der für seine Leistung eine Gegenleistung erwartet. Die Gesellschaft als solche, also der Mensch in seiner Gemeinschaft, stellt die Infrastruktur zur Verfügung, die wiederum durch Steuern des Arbeitgebers und Arbeitnehmers erhalten werden soll. Und nicht zuletzt gibt der Mensch als Mitarbeiter seine Fähigkeiten und seine Zeit, um die Probleme des Kunden lösen zu helfen und dafür vom Arbeitgeber sei -nen Lebensunterhalt zu verdienen.

In diesem System des Ressourcenaustausches steht der Mensch im Mittelpunkt. Er darf uns dort aber nicht im Weg stehen und darf auch nicht Mittel zum Zweck werden. Dieses System kann seine glaubhafte Existenz nur dann rechtfertigen, wenn am Ende des Tages die Gleichung für alle Partner aufgeht. Sollte uns das als Gesellschaft nicht gelingen, haben wir sich schnell verändernden Arbeitsmarkt fit zu erhalten, und die Fähigkeit des Mitarbeiters, diese Fitneß ständig für sich zu suchen und auch vom Arbeitgeber zu fordern.

Und - fairer Ressourcenaustausch kann nur dann geschehen, wenn alle Verantwortlichen in unserer vernetzten Gesellschaft die richtigen Rahmenbedingungen schaffen und auch garantieren können. In vielen Bereichen unseres Lebens wird allerdings heute Verantwortung eher mit dem Aufbau von Barrieren gleichgesetzt. Vielfach sind wir zu einer Gesellschaft ,der Verhinderer geworden.

Es wäre spzioökonomische Utopie, zu meinen, daß es aus dem heute oft unfairen Ressourcenaustausch dieser Welt einen schnellen Ausweg gäbe. Auch Restrukturierung von Organisationen wird es immer mehr geben (müssen). Sicherlich können positive Rahmenbedingungen mit gutem Willen von heute auf morgen gesetzt werden, aber Bildung und Flexibilität sind unmittelbar personbezogen und bleiben somit langfristige Komponenten.

Solange aber der Mensch nicht als eigentlicher Fokus des Ressourcenaustausches verstanden wird, muß es Gewinner und Verlierer geben. Dann wären wir veranlaßt, auf den Arbeitsämtern nicht Formulare zur Jobsuche aufzulegen, sondern eher die Seligpreisung der Bergpredigt in der Fassung des ausgehenden zweiten Jahrtausends.

Der Autor ist

Unternehmensberater in Wien.

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