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Mit japanischem Namen und westlichem Outfit

Wie man Putins Allmacht adäquat entgegentreten könne, rätselt das liberale Lager angesichts der Präsidentschaftswahlen am 14. März. Bei den Parlamentswahlen im Dezember sind beide liberalen Fraktionen, "Jabloko" und "Union der Rechten Kräfte" (SPS) an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert. Jabloko-Chef Grigorij Jawlinskij rief bereits den Boykott der Wahlfarce aus.

Irina Hakamada hat sich für den anderen Weg entschieden und ihre Präsidentschaftskandidatur eingereicht - bis 28. Jänner muss sie noch zwei Millionen Unterschriften sammeln. Wenigstens die Prozedur von Wahlen müsse man retten, erklärte die 48-jährige Tochter eines japanischen Kommunisten. Viel Kritik hat sich die SPS-Vizevorsitzende seither zugezogen: Sie würde die demokratische Bewegung spalten, Geld vom Yukos-Aktionär Leonid Newslin nehmen, und vor allem dem Kreml in die Hand spielen.

Der letzte Vorwurf wiegt schwer. Verdächtigungen gingen gar bis zu einer bewussten Kollaboration - der Kreml braucht schließlich nicht nur einen demokratischen Firnis für die als Wahl getarnte Vertrauensabstimmung über Putin, er braucht auch Gegenkandidaten, um die Wahlbeteiligung auf die geforderten 50 Prozent zu heben. Hakamada hat die Vorwürfe heftig dementiert, nicht zuletzt mit dem Hinweis, dass diese gerade dem Kreml zur Diskreditierung von Putinkritikern nützen.

Und verblüffte mit unverblümter Offenheit: Putin habe eine Gesellschaft geschaffen, die auf Lügen und Angst gegründet sei: Er verschweige die Wahrheit über das Geiseldrama im Moskauer Musicaltheater "Nordost" Ende Oktober 2002. In den letzten Tagen wurden die Widersprüche dieses Terroraktes und eine mögliche Verwicklung des Geheimdienstes FSB wieder stärker diskutiert. Hakamada griff gleich in Putins Wunde: "Der Terrorakt hat geholfen, die antitschetschenische Hysterie anzufachen und die hohe Zustimmung zum Präsidenten aufrechtzuerhalten." Hakamada, die damals auf eigene Initiative mit den Terroristen verhandelt hatte, war zur Überzeugung gekommen, "dass die Terroristen nicht geplant hatten, das Theater in die Luft zu sprengen, und dass die Regierung nicht daran interessiert war, alle Geiseln zu retten". Als sie von ihren Verhandlungen zurückgekommen sei, habe der damalige Leiter der Präsidialverwaltung, Woloschin, ihr in drohendem Ton gesagt, sie solle sich nicht in diese Sache einmischen.

Von irgendwelchen Chancen bei der Wahl zu sprechen, käme einem Hohn gleich. Mit ihrem japanischen Familiennamen stieß sie in Russland zeitlebens auf Hindernisse. Genausowenig wird ihr zum Vorteil gereichen, als erste Frau in einer patriarchalischen Gesellschaft für die Staatsleitung zu kandidieren. Dass die Ökonomin als Businessfrau schon Anfang der neunziger Jahre erfolgreich war, bringt in Russland nicht notwendigerweise Punkte; und auch nicht, dass sich ihre westlich-individualistische Gesinnung in ihrem stilbewussten Outfit widerspiegelt. Warum sie an den Wahlen teilnimmt? "Habt kein Angst, schweigt nicht", appelliert die zweifache Mutter an die Wähler: "Noch ist nicht alles verloren. Unsere Kinder sollten als freie Menschen aufwachsen."

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