Teepflückerinnen in Ruanda - © Oikocredit Opmeer Reports
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Mit Tee auf die Universität

1945 1960 1980 2000 2020

In Ruanda versuchen Kooperativen mit der Produktion von Tee ihre Lage zu verbessern - mit einigem Erfolg. Eine Reportage.

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In Ruanda versuchen Kooperativen mit der Produktion von Tee ihre Lage zu verbessern - mit einigem Erfolg. Eine Reportage.

Wenn Agnès Mukamumana am Ende des Monats ihre Einnahmen zählt, dann bleibt ihr nach Abzug der Spesen genug übrig, um Essen für ein paar Tage einzukaufen und sogar ein paar tausend Ruandische Francs (RF) auf die Seite zu legen. Frau Mukamumana besitzt eine bescheidene Teeplantage im Bezirk Karongi im äußersten Südwesten von Ruanda. Die schlanke Hutu-Frau hat ihren Mann und ihre vier Kinder im Kongo verloren. Dorthin flüchtete die Familie 1994 nach dem Völkermord an den Tutsis durch Hutu-Milizen, weil sie Vergeltung fürchteten. Über die Todesursachen ihrer Angehörigen bleibt sie im Vagen: Krieg, Hunger, Krankheit. Niemand spricht gerne über diese Zeit.
Vom Feld, wo die 54-jährige Agnès die zarten Teeblätter pflückt, überblickt man ein weites Tal, das bis auf den letzten Quadratmeter mit Teepflanzen bestückt ist. Die meisten der Bäuerinnen und Bauern besitzen weniger als einen Hektar Grund, ihre bescheidenen Häuser stehen in Sichtweite. Sie sind in der Katecogro-Genossenschaft zusammengeschlossen und liefern ihre Ernte bei einer Sammelstelle der Karongi Tea Factory ab.

Auch die liegt für Agnès Mukamumana nur zwanzig Minuten Fußweg entfernt. Ihre 20 bis 30 Kilo schwere Ernte hat sie in ein Tuch gebündelt, das sie auf dem Kopf trägt. Was sie dafür bekommt, liegt nicht nur an der Menge, sondern auch an der Qualität der Teeblätter. Sie zeigt die frischen, hellgrünen Blätter. Höchste Qualität, das heißt zwei Blätter und ein Spross auf einem zarten Stamm. Nur wenn 70 Prozent der abgelieferten Menge diesem Kriterium entsprechen, nimmt die Teefabrik die Lieferung ab. Stichproben werden dort geprüft und in ein Behältnis mit acht Fächern geworfen: von der Top-Qualität bis zum Ausschuss. „Es gibt Leute, die wollen nicht dazulernen“, sagt der Agraringenieur, der für die Prüfung zuständig ist. Es seien immer dieselben, die mindere Qualität bringen.

Die Genossenschaft bietet für ihre Mitglieder Workshops an, bei denen sie über die Erntetechnik und die Qualitätserfordernisse instruiert werden. Diese Ausbildung wird von OikoCredit finanziert und funktioniert nach dem Multiplikatorensys­tem. Das heißt, ausgebildet werden Trainer, die dann ihrerseits für die Bauern Workshops halten. Das Mikrofinanzinstitut mit Sitz in den Niederlanden ist 2016 sowohl bei der Genossenschaft als auch bei der Teefabrik als Kreditgeber eingestiegen. Imke Schulte, Pressesprecherin von OikoCredit Deutschland, begründet die Zusammenarbeit mit kommerziellen Unternehmern mit der sozialen Wirksamkeit der Investition, „weil es in erster Linie darum geht, eine große Wirkung zu erzielen“. Im Falle der Karongi Tea Factory bestehe diese Wirkung in neuen „Arbeitsplätzen, Stärkung von Infrastruktur und auch Unterstützung von Kooperativen, die mit Kleinbauern zusammenarbeiten“. Insgesamt gibt das Unternehmen 2000 Menschen Arbeit.

Saubere Produktion

Im Büro der Genossenschaft, auf einer Anhöhe 2330 Meter über dem fernen Ozean gelegen, sitzt Bernadette Nyikaneza an einem klobigen Schreibtisch. Sie ist die Geschäftsführerin der Kooperative, die seit ihrer Gründung im Jahre 2008 von 720 auf 2150 Mitglieder angewachsen ist. „Tee ist das beste Produkt für diesen sauren Boden“, sagt die schlanke, sportliche Frau, die selbst einen Hektar bewirtschaftet. 450.000 ruandische Francs verdient sie damit im Jahr. Das sind fast 500 Euro. Für Familien, die keine Miete zahlen müssen und die wichtigsten Grundnahrungsmittel selbst anbauen, ist das kein schlechtes Einkommen. Und wenn sich der Tee normal entwickelt, kann er durch das natürliche Wachstum in ein paar Jahren das Vierfache abwerfen. Der staatlich festgesetzte Mindestlohn beträgt 1000 RF, das ist deutlich weniger. „Tee überlebt den Menschen und kann bis 200 Jahre Ertrag bringen“, weiß David Mutangana, Verkaufsleiter der Teefabrik, der die Pflanze mit einem Kind vergleicht: „Er braucht Zeit zum Wachsen. Die Vorbereitung der Setzlinge benötigt ein Jahr. Dann dauert es wenigstens drei Jahre, bis Tee in nennenswertem Umfang geerntet werden kann.“ Bis dahin brauchen die Bauern Unterstützung, vor allem, wenn sie von anderen Kulturen umstellen. Auch dafür dient der Kredit von OikoCredit.

Wenn Agnès Mukamumana am Ende des Monats ihre Einnahmen zählt, dann bleibt ihr nach Abzug der Spesen genug übrig, um Essen für ein paar Tage einzukaufen und sogar ein paar tausend Ruandische Francs (RF) auf die Seite zu legen. Frau Mukamumana besitzt eine bescheidene Teeplantage im Bezirk Karongi im äußersten Südwesten von Ruanda. Die schlanke Hutu-Frau hat ihren Mann und ihre vier Kinder im Kongo verloren. Dorthin flüchtete die Familie 1994 nach dem Völkermord an den Tutsis durch Hutu-Milizen, weil sie Vergeltung fürchteten. Über die Todesursachen ihrer Angehörigen bleibt sie im Vagen: Krieg, Hunger, Krankheit. Niemand spricht gerne über diese Zeit.
Vom Feld, wo die 54-jährige Agnès die zarten Teeblätter pflückt, überblickt man ein weites Tal, das bis auf den letzten Quadratmeter mit Teepflanzen bestückt ist. Die meisten der Bäuerinnen und Bauern besitzen weniger als einen Hektar Grund, ihre bescheidenen Häuser stehen in Sichtweite. Sie sind in der Katecogro-Genossenschaft zusammengeschlossen und liefern ihre Ernte bei einer Sammelstelle der Karongi Tea Factory ab.

Auch die liegt für Agnès Mukamumana nur zwanzig Minuten Fußweg entfernt. Ihre 20 bis 30 Kilo schwere Ernte hat sie in ein Tuch gebündelt, das sie auf dem Kopf trägt. Was sie dafür bekommt, liegt nicht nur an der Menge, sondern auch an der Qualität der Teeblätter. Sie zeigt die frischen, hellgrünen Blätter. Höchste Qualität, das heißt zwei Blätter und ein Spross auf einem zarten Stamm. Nur wenn 70 Prozent der abgelieferten Menge diesem Kriterium entsprechen, nimmt die Teefabrik die Lieferung ab. Stichproben werden dort geprüft und in ein Behältnis mit acht Fächern geworfen: von der Top-Qualität bis zum Ausschuss. „Es gibt Leute, die wollen nicht dazulernen“, sagt der Agraringenieur, der für die Prüfung zuständig ist. Es seien immer dieselben, die mindere Qualität bringen.

Die Genossenschaft bietet für ihre Mitglieder Workshops an, bei denen sie über die Erntetechnik und die Qualitätserfordernisse instruiert werden. Diese Ausbildung wird von OikoCredit finanziert und funktioniert nach dem Multiplikatorensys­tem. Das heißt, ausgebildet werden Trainer, die dann ihrerseits für die Bauern Workshops halten. Das Mikrofinanzinstitut mit Sitz in den Niederlanden ist 2016 sowohl bei der Genossenschaft als auch bei der Teefabrik als Kreditgeber eingestiegen. Imke Schulte, Pressesprecherin von OikoCredit Deutschland, begründet die Zusammenarbeit mit kommerziellen Unternehmern mit der sozialen Wirksamkeit der Investition, „weil es in erster Linie darum geht, eine große Wirkung zu erzielen“. Im Falle der Karongi Tea Factory bestehe diese Wirkung in neuen „Arbeitsplätzen, Stärkung von Infrastruktur und auch Unterstützung von Kooperativen, die mit Kleinbauern zusammenarbeiten“. Insgesamt gibt das Unternehmen 2000 Menschen Arbeit.

Saubere Produktion

Im Büro der Genossenschaft, auf einer Anhöhe 2330 Meter über dem fernen Ozean gelegen, sitzt Bernadette Nyikaneza an einem klobigen Schreibtisch. Sie ist die Geschäftsführerin der Kooperative, die seit ihrer Gründung im Jahre 2008 von 720 auf 2150 Mitglieder angewachsen ist. „Tee ist das beste Produkt für diesen sauren Boden“, sagt die schlanke, sportliche Frau, die selbst einen Hektar bewirtschaftet. 450.000 ruandische Francs verdient sie damit im Jahr. Das sind fast 500 Euro. Für Familien, die keine Miete zahlen müssen und die wichtigsten Grundnahrungsmittel selbst anbauen, ist das kein schlechtes Einkommen. Und wenn sich der Tee normal entwickelt, kann er durch das natürliche Wachstum in ein paar Jahren das Vierfache abwerfen. Der staatlich festgesetzte Mindestlohn beträgt 1000 RF, das ist deutlich weniger. „Tee überlebt den Menschen und kann bis 200 Jahre Ertrag bringen“, weiß David Mutangana, Verkaufsleiter der Teefabrik, der die Pflanze mit einem Kind vergleicht: „Er braucht Zeit zum Wachsen. Die Vorbereitung der Setzlinge benötigt ein Jahr. Dann dauert es wenigstens drei Jahre, bis Tee in nennenswertem Umfang geerntet werden kann.“ Bis dahin brauchen die Bauern Unterstützung, vor allem, wenn sie von anderen Kulturen umstellen. Auch dafür dient der Kredit von OikoCredit.

Die Pflückerinnen und Pflücker der Karongi-Plantage erhalten den Mindestlohn, Kinder­arbeit (unter 18 Jahren) ist streng verboten.
Die Gesetze werden strikt eingehalten.

Rawbeni Rubyogo und seine Frau Everena haben es nicht bereut. Sie bebauen einen halben Hektar und singen während der Pflückarbeiten. Alle zehn Tage finden sie frische Triebe, die eine Ernte erlauben. Nur in der dreimonatigen Trockenzeit wird nicht geerntet. Da beschäftigt man sich mit Jäten und Düngen. Alle vier Jahre muss die Pflanze zurechtgestutzt werden, damit sie wieder wachsen kann. Das Ehepaar Rubyogo, das über 40 Jahre verheiratet ist, hat neun Kinder. Nur die drei jüngsten wohnen noch zu Hause, sechs sind verheiratet und drei studieren auf Universitäten in der Hauptstadt Kigali und in Botswana. Was sie studieren, weiß Herr Rubyogo nicht. Er hat nur drei Jahre Volksschule absolviert und kritzelt mit Mühe seinen Namen aufs Papier. Obwohl die Hochspannungsleitung über die Plantagen führt, hat das Paar weder Strom noch Wasser zu Hause. Das kann sich bald ändern, wenn die Einnahmen weiter sprudeln.

Die Genossenschaft ist für die Kleinbauern schon deswegen attraktiv, weil keiner sich ein eigenes Fahrzeug leisten kann und durch ein Abkommen mit der Teefabrik ein sicherer Markt da ist. Die meisten hatten ihr Land nur unzureichend genützt, denn die Hanglagen sind für andere Produkte gar nicht geeignet. Der Tee mit seinen langen Wurzeln stabilisiert außerdem den Boden und verhindert Erosion auf den für Erdrutsche anfälligen Schrägen. Kein Wunder, dass sich Tee in den letzten Jahren zu einem der wichtigsten Exportprodukte des kleinen afrikanischen Binnenlandes entwickelt hat. Mille collines, „tausend Hügel“, der poetische Name Ruandas, beschreibt die Topografie treffend. Entlang der gewundenen Straßen, die die kleinen Dörfer verbinden, stehen Eukalyptus-Bäume, die den Boden stabilisieren sollen. Rechts und links sprießen Bananenstauden, Bohnen, Mais und im Westen und Süden viel Tee.

Die Karongi-Teefabrik liegt auf einem der Hügel, umgeben von Teeplantagen, auf der vormittags Pflückerinnen und Pflücker mit ihren Körben unterwegs sind. Sie bekommen den Mindestlohn und können auch mehr erwirtschaften, wenn sie besonders viel ernten. Kinderarbeit für alle unter 18 ist in Ruanda streng verboten. Das Gesetz wird auch strikt eingehalten. Was jüngst in einer Studie der Rosa-Luxemburg-Stiftung bei Teeplantagen in Indien vermisst wurde, ist hier gegeben. Neben der Fabrik finden Männer und Frauen getrennte Sanitärräume, über die Plantage sind weitere Klos verteilt. Die Plantage ist außerdem „Rainforest Alliance“-zertifiziert.

Der Patriarch

Jean-Baptiste Mutangana ist ein klassischer Patriarch. Der 80-jährige Selfmade-man, der mit 20 Jahren sein erstes Unternehmen gründete, stieg erst 2009 ins Teegeschäft ein. Sein Sohn David und seine Tochter Joseline managen die zwei Fabriken. David ist für den Verkauf zuständig. Alle 14 Tage schickt er eine Ladung nach Mombasa in Kenia, wo der Tee wegen seiner Qualität meist die höchsten Preise erzielt. Im Exporthafen wird die Ware jeden Dienstag bei einer Auktion versteigert. Sollten die Angebote zu niedrig ausfallen, wird der Karongi-Tee zurückgezogen und zwei Wochen später neuerlich angeboten. 2018 hat die Fabrik 750 Tonnen verkauft. Aus dem durchschnittlichen Erlös wird auch der Preis errechnet, den die Fabrik den Genossenschaftsmitgliedern für ihre Ware zahlt. „Wir zahlen 40 Prozent“, sagt David Mutangana, das sei gesetzlich so festgelegt und darüber ist er froh: „So wird ein Preiskampf, der schließlich allen schaden würde, verhindert.“
Agnès Mukamumana würde sich über höhere Preise freuen. Die Analphabetin hat dank der Kooperative zumindest mit Zahlen umgehen gelernt. Sie besitzt weder Handy noch Radio und hat auch kein Bedürfnis danach. Besser leben heißt für sie genug essen und gute Beziehungen zu den Nachbarn. Mit dem Begriff „Freizeit“ kann sie nichts anfangen.

Diese Reportage entstand mit Unterstützung von OikoCredit.