Teepflückerinnen in Ruanda - © Oikocredit Opmeer Reports
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Mit Tee auf die Universität

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In Ruanda versuchen Kooperativen mit der Produktion von Tee ihre Lage zu verbessern - mit einigem Erfolg. Eine Reportage.

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In Ruanda versuchen Kooperativen mit der Produktion von Tee ihre Lage zu verbessern - mit einigem Erfolg. Eine Reportage.

Wenn Agnès Mukamumana am Ende des Monats ihre Einnahmen zählt, dann bleibt ihr nach Abzug der Spesen genug übrig, um Essen für ein paar Tage einzukaufen und sogar ein paar tausend Ruandische Francs (RF) auf die Seite zu legen. Frau Mukamumana besitzt eine bescheidene Teeplantage im Bezirk Karongi im äußersten Südwesten von Ruanda. Die schlanke Hutu-Frau hat ihren Mann und ihre vier Kinder im Kongo verloren. Dorthin flüchtete die Familie 1994 nach dem Völkermord an den Tutsis durch Hutu-Milizen, weil sie Vergeltung fürchteten. Über die Todesursachen ihrer Angehörigen bleibt sie im Vagen: Krieg, Hunger, Krankheit. Niemand spricht gerne über diese Zeit.
Vom Feld, wo die 54-jährige Agnès die zarten Teeblätter pflückt, überblickt man ein weites Tal, das bis auf den letzten Quadratmeter mit Teepflanzen bestückt ist. Die meisten der Bäuerinnen und Bauern besitzen weniger als einen Hektar Grund, ihre bescheidenen Häuser stehen in Sichtweite. Sie sind in der Katecogro-Genossenschaft zusammengeschlossen und liefern ihre Ernte bei einer Sammelstelle der Karongi Tea Factory ab.

Auch die liegt für Agnès Mukamumana nur zwanzig Minuten Fußweg entfernt. Ihre 20 bis 30 Kilo schwere Ernte hat sie in ein Tuch gebündelt, das sie auf dem Kopf trägt. Was sie dafür bekommt, liegt nicht nur an der Menge, sondern auch an der Qualität der Teeblätter. Sie zeigt die frischen, hellgrünen Blätter. Höchste Qualität, das heißt zwei Blätter und ein Spross auf einem zarten Stamm. Nur wenn 70 Prozent der abgelieferten Menge diesem Kriterium entsprechen, nimmt die Teefabrik die Lieferung ab. Stichproben werden dort geprüft und in ein Behältnis mit acht Fächern geworfen: von der Top-Qualität bis zum Ausschuss. „Es gibt Leute, die wollen nicht dazulernen“, sagt der Agraringenieur, der für die Prüfung zuständig ist. Es seien immer dieselben, die mindere Qualität bringen.

Die Genossenschaft bietet für ihre Mitglieder Workshops an, bei denen sie über die Erntetechnik und die Qualitätserfordernisse instruiert werden. Diese Ausbildung wird von OikoCredit finanziert und funktioniert nach dem Multiplikatorensys­tem. Das heißt, ausgebildet werden Trainer, die dann ihrerseits für die Bauern Workshops halten. Das Mikrofinanzinstitut mit Sitz in den Niederlanden ist 2016 sowohl bei der Genossenschaft als auch bei der Teefabrik als Kreditgeber eingestiegen. Imke Schulte, Pressesprecherin von OikoCredit Deutschland, begründet die Zusammenarbeit mit kommerziellen Unternehmern mit der sozialen Wirksamkeit der Investition, „weil es in erster Linie darum geht, eine große Wirkung zu erzielen“. Im Falle der Karongi Tea Factory bestehe diese Wirkung in neuen „Arbeitsplätzen, Stärkung von Infrastruktur und auch Unterstützung von Kooperativen, die mit Kleinbauern zusammenarbeiten“. Insgesamt gibt das Unternehmen 2000 Menschen Arbeit.

Saubere Produktion

Im Büro der Genossenschaft, auf einer Anhöhe 2330 Meter über dem fernen Ozean gelegen, sitzt Bernadette Nyikaneza an einem klobigen Schreibtisch. Sie ist die Geschäftsführerin der Kooperative, die seit ihrer Gründung im Jahre 2008 von 720 auf 2150 Mitglieder angewachsen ist. „Tee ist das beste Produkt für diesen sauren Boden“, sagt die schlanke, sportliche Frau, die selbst einen Hektar bewirtschaftet. 450.000 ruandische Francs verdient sie damit im Jahr. Das sind fast 500 Euro. Für Familien, die keine Miete zahlen müssen und die wichtigsten Grundnahrungsmittel selbst anbauen, ist das kein schlechtes Einkommen. Und wenn sich der Tee normal entwickelt, kann er durch das natürliche Wachstum in ein paar Jahren das Vierfache abwerfen. Der staatlich festgesetzte Mindestlohn beträgt 1000 RF, das ist deutlich weniger. „Tee überlebt den Menschen und kann bis 200 Jahre Ertrag bringen“, weiß David Mutangana, Verkaufsleiter der Teefabrik, der die Pflanze mit einem Kind vergleicht: „Er braucht Zeit zum Wachsen. Die Vorbereitung der Setzlinge benötigt ein Jahr. Dann dauert es wenigstens drei Jahre, bis Tee in nennenswertem Umfang geerntet werden kann.“ Bis dahin brauchen die Bauern Unterstützung, vor allem, wenn sie von anderen Kulturen umstellen. Auch dafür dient der Kredit von OikoCredit.