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„Mythologisches Bewußtsein”

1945 1960 1980 2000 2020

Der Papst und der CIA hätten das Ende der Sowjetunion herbeigeführt. Uber Verschwörungstheorien und das „nationale Interesse” Rußlands.

1945 1960 1980 2000 2020

Der Papst und der CIA hätten das Ende der Sowjetunion herbeigeführt. Uber Verschwörungstheorien und das „nationale Interesse” Rußlands.

Die Auffassung, daß die Russen einen „Minderwertigkeitskomplex” hätten und sich dem Westen unterlegen fühlten, ist weit verbreitet. Tatsächlich verhält es sich genau umgekehrt: sie fühlen sich -moralisch - überlegen So betrachtet sich Rußland als absolut friedfertig -es habe niemals Eroberungskriege geführt. Der Umstand, daß es zum flächenmäßig größten Staat der Welt wurde, wird dadurch „erklärt”, daß sich Dutzende Völker „freiwillig” an Rußland anschlössen, sich diesem „zu ihrem eigenen Schutz unterstellt” beziehungsweise mit ihm „wiedervereinigt” hätten. Sie alle verdankten Rußland Kultur, Zivilisation, Bildung und so weiter. Da spielt es keine Rolle, daß zum Beispiel die Ureinwohner Sibiriens mit größerer „Gründlichkeit” ausgerottet wurden als die Indianer Nordamerikas.

Ansätze zu einer Auseinandersetzung mit dem Stalinismus gab es nur 1989-92. Inzwischen sind kritische Reflexionen der eigenen Geschichte wieder aus der Mode gekommen - sie wird als ununterbrochene Abfolge von Aggressionen, Verschwörungen und bösen Absichten finsterer Kräfte gegen ein Rußland dargestellt, das immer Opfer und Verteidiger war und dabei Gerechtigkeit und Wahrheit auf seiner Seite hatte. Die Außenwelt - und vor allem der meist völlig undifferenziert als einheitlicher Block betrachtete „Westen” - gilt als zumindest potentiell, meist aber akut feindselig. In Rußland dominiert immer noch das Gefühl, in einer belagerten Festung zu leben und ständig wachsam sein zu müssen.

Schimpfwort Freiheit

Westliche Stimmen rufen immer wieder dazu auf, Rußland doch mehr Zeit zu geben - nach sieben Jahrzehnten des Totalitarismus könne man nicht erwarten, daß die früheren Stereotypen innerhalb weniger Jahre verschwinden. Allerdings hat sich Rußland ab 1992/93 westlichen Demokratiemodellen nicht nur nicht angenähert, sondern sich von ihnen zunehmend entfernt. „Demokratie” und „Pazifismus” sind nicht nur für Kommunisten und Nationalisten obszöne Schimpfwörter. Auch der Begriff „Freiheit” hat für weite Kreise der russischen Bevölkerung eine andere - nämlich überwiegend negative - Bedeutung als im Westen: Man identifiziert ihn weit weniger mit individuellen Entwicklungsperspektiven als mit der Möglichkeit, Anarchie herbeizuführen, die staatliche Autorität zu untergraben, ungestraft Verbrechen zu begehen und sich unrechtmäßig zu bereichern.

Auch Michail Gorbatschows Reformen werden heute allgemeinsableh-nend beurteilt - sie hätten zur wirtschaftlichen, sozialen und gesellschaftlichen Krise, zum „Verlust der Verbündeten” (das heißt der unfreiwilligen Satelliten in Mittelosteuropa) und schließlich zur Auflösung der UdSSR geführt. Über die Herrschaft Josef Stalins, der 1953 starb, sagt hingegen nicht nur die ältere Generation, daß damals „Ordnung und Disziplin geherrscht” hätten; man habe „Städte aus dem Boden gestampft”, das Land industrialisiert, den Zweiten Weltkrieg gewonnen, die Atombombe entwickelt, den Status einer Supermacht erreicht und dem Westen Angst eingeflößt. Wer an die Millionen Opfer von Kollektivierung, „Säuberungen” und Zwangsarbeit erinnert, gilt als Nestbeschmutzer. Er hat allerdings ohnedies kaum Chancen, sich öffentlich Gehör zu verschaffen. Es ist somit erklärlich, daß der promi-, nente Historiker Jurij Afanasjew der russischen Gesellschaft „kein rationales, sondern ein mythologisches Bewußtsein” bescheinigte.

Ein Schlüsselbegriff im heutigen Rußland ist das „nationale Interesse”, das sämtliche Politiker, Militärs und Wirtschaftsfunktionäre ständig im Mund führen, und mit dem unter anderem die über eineinhalb Jahre dauernde Militärintervention im nordkaukasischen Tschetschenien, die zirka 80.000 Tote gefordert hat, ebenso gerechtfertigt wurde wie die - trotz der tiefen Wirtschaftskrise - exorbitanten Aufwendungen für das Militär (im Staatsbudget 1997 fast 20 Prozent der Ausgaben; zum Vergleich: Sozialesund Bildung je zirka 2,5 Prozent). Entsprechend den „nationalen Interessen” hat sich ein - von dem deutschen Politologen Gerhard Simon so bezeichneter - „patriotischer Konsens” über Rußlands Stellung in der Welt herausgebildet, der alle irgendwie bedeutenden politischen Lager einschließt und somit von den (verbliebenen) „Demokraten” über die Anhänger von Ministerpräsident Viktor Tschernomyrdin bis hin zu den Nationalisten und den die Staatsduma (Unterhaus des Parlaments) dominierenden Kommunisten gleichermaßen getragen wird. Seine Hauptkomponenten sind:

■ Rußland sei nach wie vor eine Supermacht beziehungsweise müsse wieder eine solche werden.

■ Westliche Modelle von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft seien für Rußland gänzlich untauglich, da es entschieden kein Teil des Westens, sondern eine eigene Kultur oder Zivilisation sei. Es ist daher nicht verwunderlich, daß die Theorie vom „Clash of Civilizations” des - als konservativ geltenden - US-Politologen Samuel Huntington in Rußland sehr interessiert aufgenommen wurde.

Ausgerechnet Gennadij Sjuganow, Anführer der Kommunistischen Partei (KPRF) und damit der mit Abstand stärksten politischen Kraft des Landes, hat in seinem Buch „Rußland meine Heimat” unter direkter Berufung auf Huntington Rußland einen „besonderen Zivilisationstypus” zugesprochen, der auch einen politisehen Sonderweg impliziert. Tatsächlich darf der Umstand, daß amerikanische Fast-food-Restaurants schon lange im Land sind und westliche Popmusik und Hollywoodfilme auch unter russischen Jugendlichen populär sind, nicht mit einer „Verwestlichung” Rußlands verwechselt werden.

■ Die Interessen des '„Westens” und Rußlands seien einander zwangsläufig entgegengesetzt. Der Westen wolle Rußland schaden oder zumindest schwach halten, seine wirtschaftliche Gesundung verhindern, auf die Rolle eines Rohstofflieferanten reduzieren, entwaffnen, ihm seinen Willen aufzwingen, in eine Kolonie verwandeln und so weiter.

■ Diesem Zweck diene auch dienach wie vor kategorisch abgelehnte - Osterweiterung der NATO, die Rußland isolieren, aus Europa hinausdrängen und neue Verteidigungslasten abverlangen soll.

■ Die Auflösung der UdSSR Ende 1991 sei ein grundlegender Fehler gewesen. Verschwörungstheorien besitzen in Rußland eine lange Tradition, und so ist es nicht verwunderlich, daß viele - darunter gebildete - Russen der festen Überzeugung sind, daß der Papst und der US-Geheimdienst CIA das Ende der UdSSR herbeigeführt haben. Solche „Theorien” werden auch auf den Seiten „demokratischer” Zeitungen ernstlich diskutiert.

Aufschlußreich ist auch der Ton, in dem sich russische Politiker, Militärs und Medien über verschiedene Länder äußern. Wenn es um den Iran oder China geht, ist dieser Ton stets freundschaftlich, ja geradezu warmherzig. Man bewundert vor allem die innere Stabilität dieser Regime und den nicht- beziehungsweise antiwestlichen Entwicklungsweg. Über den Westen spricht man dagegen im besten Falle auf Distanz bedacht, meist aber grundsätzlich ablehnend, dabei herablassend, hämisch oder auch drohend: Auch „demokratische” Exponenten machen gerne Politik mit Hinweisen auf das nach wie vor gewaltige russische Atomwaffenpotential.

Druck ist nötig

Die Funktionsmechanismen russischer Politik gehorchen eigenen Gesetzen, die im Westen vielfach unverständlich oder überhaupt unbekannt sind. So gelten Verhandlungen im Westen allgemein als Interessenausgleich, bei dem ein für beide Seiten akzeptabler Kompromiß gesucht wird. In Rußland zeugt ein solcher Ansatz von Schwäche. Dort verhandelt man, um der anderen Seite den eigenen Willen aufzuzwingen, wobei sich der Stärkere durchsetzt. Zugeständnisse der Gegenseite wecken keine Konzessionsbereitschaft, sondern provozieren nur neue Forderungen.

Der - in seiner Heimat außerordentlich unbeliebte - Menschenrechtsaktivist (und ehemalige Mitarbeiter von Friedensnobelpreisträger Andrej Sacha-row) Sergej Kowaljow urteilte denn auch, daß der Westen nicht begreifen wolle, „daß man auf Rußland wirklich Druck ausüben muß, wenn man etwas bewegen will”.

Die Anliegen und Interessen der anderen Seite sind aus russischer Sicht grundsätzlich „nicht legitim” beziehungsweise werden überhaupt nicht in Rechnung gestellt. Außen- und Sicherheitspolitik sind für Rußland nichts als Kategorien von Machtpolitik. Während westliche Politiker, beginnend beim Präsidenten der USA und dem Generalsekretär der NATO, immer wieder eine Berücksichtigung „russischer Sicherheitsinteressen” verlangen, hat in Rußland noch niemals jemand - und schon gar kein hochgestellter Politiker - „Sicherheitsinteressen” westlicher (oder beliebiger anderer) Staaten erwähnt, die „natürlich” zu wahren seien. Es kann solche Interessen auch nicht geben, denn Rußland ist ja angeblich ein a priori friedliches Land, vor dem sich niemand fürchten oder gar schützen müsse. Zweifelt ein Land daran, so wird es aus Moskauer Sicht zum „potentiellen Aggressor” beziehungsweise „möglichen Gegner”.

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