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Nach dem Vorbild einer Zirkuspartei

1945 1960 1980 2000 2020
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"Die römischen Zirkusparteien gleichen den neuen Bewegungen in ihrer Konzentration auf die Inszenierung und ihrer völligen Freiheit von Ideologie."

Man kann die Wahlergebnisse drehen und wenden wie man will, heraus kommt immer, was letztlich die publizistischen Spatzen von den Dächern pfeifen. Und während SPÖ-Chef Christian Kern das kleine Plus bei den Landtagswahlen in Niederösterreich als akzeptabel hinnahm und den Genossen ein "Brav gemacht" samt Thumbs-Up schenkte, betiteln die Zeitungen seit Wochen landauf landab (von Profil bis Presse) die tiefe Krise der Sozialdemokratie -nicht nur in Österreich, sondern in ganz Europa. Gemessen am Untergangsszenario hat das Wahlergebnis in Niederösterreich also etwas Tapfer-Braves an sich. Eine Art Aufschub im Verfall.

Irgendwie passte dazu auch die wummernde Batman-Hymne, zu deren Klängen der Ex-Bundeskanzler in die SPNÖ-Zentrale in St. Pölten einzog: Früher wäre da wohl Superman gespielt worden. Heute der "Dark Knight". Auch böse Joker treiben in der Partei ihr Unwesen und fordern öffentlich den Kopf des Anführers. Eigentlich ganz so, wie früher bei der ÖVP.Und tatsächlich entwickelte sich die Krise der Sozialdemokratie lange unbeschrieben im Schatten der Krise der ÖVP und reiht sich nun nahtlos in die sozialdemokratischen Verfallserscheinungen in Griechenland, Spanien, Italien, Frankreich und Deutschland ein. Überall dort, wie auch in Österreich, rücken nun selbsternannte Retter aus, um die "Wurzeln" der Bewegung zu beschwören und eine Rückkehr zu alten Werten.

Wo sind die Wurzeln?

Das Dumme dabei ist, dass der Ruf "Zurück zu den Wurzeln" sehr schwer wiederhergestellt werden kann. Der Klassenkampf ist jedenfalls tot, die Klassenidee vermutlich auch, sie ist jedenfalls in einer durch die Arbeitsprozesse und die Digitalisierung fragmentierten Gesellschaft obsolet geworden.

Aber nicht nur die Sozialdemokratie, auch viele konservative Parteien kränkeln hinter den mehr oder weniger bröckelnden Fassaden ihrer Führungspersonen Angela Merkel, Theresa May oder Laurent Wauquiez dahin.

Nachfolgend einige Anhaltungen für die zynische Realität, in der sich die moderne Politik befindet. Es handelt sich dabei um geschichtliche Parallelen aus der Zeit des Römischen Reichs. Konkret geht es dabei um eine unbewusst vollzogene Ausweichbewegung der Parteien weg von einem ideologischen Fundament hin zum Rezept ihrer allerersten Vorfahren: Den römischen Zirkusparteien.

Das hervorstechendste Merkmal dieser Parteien, wie auch jenes der modernen Bewegung à la Macron oder Kurz, war die Inszenierung. Wichtiger als alles andere waren die Farben, unter denen sie auftraten, nämlich Rot, Grün, Blau und Weiß. Ihr eigentlicher Wesenskern war die Unterhaltung, denn eine jede Partei war gleichzeitig mit einem der großen Rennpferdeställe des Reiches assoziiert beziehungsweise ging aus ihnen hervor. Die Parteiversammlungen waren dementsprechend auch die Wagenrennen im Zirkus.

Die Mitglieder mussten wie bei den aktuellen Bewegungen nicht ideologisch geschult werden. Was zählte, war ihre Treue zum jeweiligen Anführer. Sie bekamen dafür kleine Vergünstigungen und Zuwendungen, jedenfalls aber eine Struktur, in der sie sich heimisch fühlen konnten.

Der Führer entschied mit seinem Stab über die Forderungen der Partei an den Kaiser. Und die wurden anlässlich der Wagenrennen persönlich oder per Massenslogan und Akklamation dem Diktator übermittelt.

Einfache Parolen statt Programm

Die Parteien waren also inhaltlich flexibel und die Massen leicht in die eine oder andere Richtung bewegbar. Es gab kein Rechts und kein Links, es gab nur Sieger und Verlierer. Die Massen musste man lenken können, und sei es auch nur mit einem Wort, das ihnen einen Sinn suggerierte. Im berühmtesten Zirkusaufstand, der beinahe dem Kaiser Justinian zum Verhängnis geworden wäre, war das beispielsweise der Ruf: "Nike, Nike!"- Sieg, Sieg! Das moderne Beispiel eines solchen Slogans wäre jenes der ÖVP-Niederösterreich-Plakatserie: "Wir". Dieses Wort ist nicht politisch besetzt, wie etwa die "Solidarität" der SPÖ, und so kann sich ein jeder Wähler das hineininterpretieren, was er will. Der eine nimmt die Familie, der andere das Bundesland und seine Bewohner, seltener nimmt jemand auch Fremde dazu usf.

"Wir" ist im besten Sinne "ergebnisoffen". Das sind die neuen Zeiten. Sie sind wie die ganz alten. Man muss empfinden können, nicht nachdenken. Das "Frauenversteher"-Sujet der SPÖ wirkte gegen das "Wir" wie ein Witz. Und zwar wie ein Altherrenwitz. So kann man keine Modernität vermitteln, und schon gar nicht kann man damit die hofierte "Generation Startup" gewinnen.

Anstatt also eine Zirkuspartei zu sein, hat sich die SPÖ karnevalisiert. Ein hüpfender, Grimassen ziehender Spitzenkandidat steht für alles, nur nicht für Kompetenz und geistige Schärfe. Der Fraktions-und Führungskampf innerhalb der Partei, der sich schon im Kampf um den Wiener Bürgermeistersessel gezeigt hat, wird jedenfalls weiter den Eindruck vermitteln, als habe die SPÖ nicht verstanden, dass es hier um ihr letztes Hemd geht.

Aber was ist zu tun? Einer der größten vermeintlichen Schurken der Macht, Niccolò Macchiavelli, gibt darüber Aufschluss in seinen Gedanken über Politik und Staatsführung, den "Discorsi". Er analysiert darin die Geschichte, und destilliert daraus Mechanismen der Macht. So meint er: "Soll ein Staat (oder sagen wir eine Partei) lange bestehen, so muss man sie meist zurückführen zu ihren Anfängen. Beispiel Franziskus und Dominikus, welche die Religion zu ihrem Ausgangspunkt zurückgeführt haben. Sie brachten sie durch ihr christusähnliches Leben wieder zurück ins Bewusstsein der Menschen, bei denen sie fast schon vergessen war."

Was tun 2018?

Auf die Sozialdemokratie angewendet würde das bedeuten, dass man nicht den Klassenkampf wiederentdecken müsste, und schon gar nicht die Klassen, wie einige meinen, sondern die drängenden Probleme der Zeit mit einer neuen Sprache thematisieren muss - dass neue politische Instrumente entwickelt werden müssten, die die Partei durchlässiger machen, und dass ein klares Programm etwas ist, das bei Wahlen den Unterschied machen kann, wenn die anderen Zirkusparteien in Beliebigkeit versagt haben.

Denn irgendwie erinnert, was Macchiavelli über den Erfolg sagt, an das Rezept der "Bewegung" von Emmanuel Macron: "Rom wurde dadurch ein mächtiges Gemeinwesen, dass es [ ] die Fremden ohne Schwierigkeit unter ehrenvollen Bedingungen bei sich aufnahm." In einer Demokratie nennt man das erfolgreich Wähler zu gewinnen. Und vielleicht ist es nach einer gewissen Zeit ja wirklich so, dass die Ideologie und das durchdachte Fundament den Wählern wieder wichtiger werden, sollten sich die Versprechungen der Zirkusparteien über die tolle Zukunft darin erschöpfen, dass immer noch ein Sparprogramm vor dem angekündigten Paradies steht.