Neue Kosaken im Kaukasus

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Für die russischen Zaren waren die Wehrbauern immer die Vorhut imperialer Politik. Nach Jahren der Vergessenheit erleben sie im Kaukasus eine Renaissance.

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Für die russischen Zaren waren die Wehrbauern immer die Vorhut imperialer Politik. Nach Jahren der Vergessenheit erleben sie im Kaukasus eine Renaissance.

Die Bezeichnung "Kosak" stammt aus dem Turko-tatarischen und bedeutet "freier Krieger, freier Mensch". Zum ersten Mal werden sie im 13. Jahrhundert erwähnt. Sie hatten den Auftrag des Zaren, die Grenzen zu schützen und als Bauern ihr Land zu bestellen. Die Kosaken waren also ein freier militarisierter Teil der Landbevölkerung.

Die Kosaken waren eine Vorhut, eine Pionierkampftruppe. Sie waren an der Eroberung des Nordkaukasus, Sibiriens und des Fernen Ostens beteiligt. Der Kosake Ataman Semjon Deschnjow hat 80 Jahre vor Vitus Bering und 130 Jahre vor James Cook die Meerenge zwischen Alaska und Sibirien entdeckt. Zu Recht hatte seinerzeit Peter der Große bemerkt: "Die Grenzen des russischen Staates wurden schon immer mit Kosakengräbern erweitert."

Dennoch war das Verhältnis der Kosaken zur Regierung nicht konfliktfrei. Die Freiheit war für sie immer erste Priorität und sobald ihre Rechte und ihre Selbstbestimmung bedroht waren, setzten sie sich kompromisslos zur Wehr. Die Kosakenaufstände sind blutige Schrammen in der russischen Geschichte. Nach Stalins Tod war von den Kosaken und ihren Traditionen nicht viel zu sehen. Erst in den 1990er-Jahren kam es zu einer Renaissance. Viele Russen schlossen sich nach der Perestroika den Kosaken an.

Die neuen Kosaken

Sotnik Aleksandr Schilin, ein kokasischer Abgeordneter der Region Krasnodar lebt in Chadyschensk, im nordkaukasischen Kuban-Gebiet. Er erzählt: "Anfangs war ich gegenüber den 'neuen Kosaken' skeptisch. Es sind viele beigetreten, die dort nichts zu suchen hatten. Mit den Jahren wurden die Kosaken-Reihen gesäubert. Nur die, die sich wirklich mit der Kosakenbewegung identifiziert hatten, blieben. Erst dann bin auch ich beigetreten. Wenn eine Versammlung oder ein Fest stattfindet, trage ich immer die Kosaken-Uniform, um uns im Ausland zu präsentieren." So zeigt der gepflegte, gebildete Herr Schilin heute seine Paradeuniform. "Wir bekommen sie nicht, ganz im Gegensatz zur Armee, wir nähen alles auf eigene Kosten. Und man muss nicht nur die Paradeuniform besitzen."

Sein Kamerad Jessaul Anatolij Orlow, der im benachbarten Apscheronsk lebt, bestätigt das: "Die Kosaken hatten im Vergleich zu den einfachen Bauern Extraausgaben. Jeder wehrpflichtige Kosake musste ein Pferd haben, das nicht für landwirtschaftliche Zwecke eingesetzt sein durfte. Es sollte ein Tier sein, das die militärische Tierarztkommission nicht aussortieren konnte. Es war eine sehr große finanzielle Belastung."

Der 1934 geborene Orlow ist ein erblicher Kosak, seine Vorfahren waren die Mitbegründer der Staniza Apscheronskaja, heute Apscheronsk. Es ist schwer zu glauben, dass der energische Orlow schon seit langem ein Rentner ist. Der eher kleine Orlow sitzt in dem Kurjen, dem Kosakenhaus, schräg gegenüber des großen Atamans Unterjessaul Georgij Yakovenko. Auf dem Tisch liegen Briefordner, Bilder, Unterlagen und Orlows letztes Buch.

Seit der Kosakenrenaissance beteiligt er sich aktiv an der Bewegung. Er forscht und schreibt auch Artikel über Kosaken-Probleme.

Anatolij genießt Respekt. Er konnte 98 Kosaken, die von den Sowjets in Staniza Apscheronskaja niedergemetzelt und verscharrt worden waren, identifizieren. Durch seinen Einsatz wurde aus einem Massengrab eine Gedenkstätte, an der Namen und Dienstgrade der Toten eingetragen sind.

Nicht vernichtet, aber unterdrückt

Orlow ist stolz auf diese historische militärische Tradition: "Wir sind eine große Macht, eine bewaffnete Armee, die man fürchtet, der Staat versteht ganz gut, was wir darstellen. Wir werden zwar nicht vernichtet, aber unterdrückt." Er weiß, wovon er spricht: Allein das Heer der Kubankosaken zählt etwa 40.000 Mann.

In vielen Schulen werden die Kinder im Geiste der Kosaken erzogen. Den Schülern wird die Liebe zum Vaterland beigebracht, Kosaken-Geschichte, Theologie. Die Tradition wird selbst mit der Kleidung vermittelt. Die Kinder tragen Kosaken-Uniform.

Einmal kandidierte Unterjessaul Georgij Yakovenko für den Posten des Bürgermeisters, doch Leute von der Partei "Einiges Russland" zwangen ihn, seine Kandidatur zurückzuziehen. Er hat sich lange gesträubt, musste sich aber schließlich geschlagen geben. "In den 1990er-Jahren dachten wir, dass man uns braucht. Wir werden aber an der kurzen Leine gehalten und nur die Robustesten bleiben bei uns." Und Ykovenko fügt hinzu: "Wir haben hier nicht einmal Internetzugang und unser Computer ist uralt. Wir sind wirklich arm. Wir besitzen sogar kaum Pferde, und das gehört sich einfach nicht!"

Wachtmeister Alexander Kulikow lebt in Peterhof bei Sankt Petersburg im Nordwest-Kosaken-Bezirk. Er berichtet, dass Kosaken im Öffentlichen Dienst Parzellen vom Staat bekommen. Im Kaukasus ist ähnliches geplant. Doch das dürfte mit der Unruhe in der Region mehr zu tun haben als mit menschlicher Zuwendung.

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