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Noch fehlt die Gesamtvision

Es ist bezeichnend, daß die christlichen Demokraten auf der Suche nach einer internationalen Einheit zuerst begonnen haben, die doktrinäre Seite zu studieren, um festzustellen, wie eine allgemeine christlich-demokratische Doktrin in Europa textiert werden könne. Der Kongreß von Freiburg in der Schweiz 1952 stand somit unter dem Zeichen, die Stärke und die Schwächen der Christen im politischen Raum zu definieren. Die Vorarbeiten dazu waren umfangreich, gingen in die Einzelheiten der Materie ein und zeichneten sich besonders durch Beiträge maßgebender christlich - demokratischer Theoretiker, wie des Italieners Benvenuti und des Belgiers Houben, aus. Hatte man jedoch eine Synthese der christlichen demokratischen Theorie an Hand der politischen Erfahrungen 1944 bis 1952 erwartet, so konnten die Schlußergebnisse diesen Erwartungen nicht ganz entspre-

dien, obgleich gewisse Fortschritte erzielt wurden. Der Rahmen einer christlichdemokratischen Doktrin darf als feststehend angesehen werden, aber es fehlt noch immer an einer einheitlichen Begriffsbildung. Denn es Stellte sich heraus, daß oft gleichlautende Begriffe je nach Temperament und Anlage eines Volkes sehr verschieden interpretiert werden können. Vor allem mangelt es noch an einer einheitlichen Wirtschaftstheorie; auch den soziologischen Veränderungen Europas wird zu wenig Rechnung getragen. Generalsekretär Houben von der PSC ist sich dieses Umstandes auch voll bewußt. In einer tiefgründigen Arbeit bedauert er den Mangel an einer G e- samtvision der europäischen Gesellschaft, weist jedoch keinen

Weg auf, wie den unbewußten Aspirationen der europaischęn Volksmassen entsprochen werden kann. Es kann nicht abgestritten werden, daß die europäischen Völker keinen definitiven Glauben an die Zukunft haben.

Die europäischen Intregrierungspläne, zu technisch in ihrer Natur, sind dem breiten Publikum unverständlich oder nicht bekannt. Den europäischen Völkern stellt sich nur die Alternative zwischen der bürgerlichen Struktur und der marxistisch-leninistischen. Es erscheint, daß auch die christlichen Demokraten keine reale Vorstellung einer Lösung besitzen, die allgemeingültig verwendet werden kann.

Der Hinweis mag bedeutsam sein, daß auch die Internationale Jugendorganisation der christlichen Demokraten auf der Suche nach einem einheitlichen Weltbild begriffen ist und die letzten Kongresse wie Begegnungen hauptsächlich für derartige Aussprachen verwendete.

Sind somit auf dem Gebiet der Döktrin beachtliche Annäherungen zwischen den christlichen demokratischen Parteien erfolgt, so kann von einer gemeinsamen politischen Aktion noch nicht gesprochen werden. Die , Sozialisten und Liberalen haben ihre Verbindungen und Organisationen dazu verwendet, beachtliche personalpoliitische Erfolge zu erzielen und sich die Unterstützung der Biruderparteien bei Wahlkämpfen zu sichern. Die christlich-demokratischen Parteien bestreiten dagegen ihre Wahlkämpfe, ohne sich durchaus bewußt zu sein, daß jede Wahl, und sei es auch nur eine Gemeinderatswahl, europäische Rückwirkungen hat. Die Scheu vor der aktiven Propaganda, die es den europäischen Völkern nicht entsprechend bewußt gemacht hat, daß es allein die christlichen Demokraten waren, welche 1 945 bis 1 946 Europa vor dem Chaos retteten, macht sich auch international bemerkbar. Erst seit kurzer Zeit besitzen die christlichen Demokraten ein Informationsbüro in Paris, während die Jugendorganisation sich ein solches in Bonn eingerichtet hat.

Vor allem aber müßte jene Reihe politisch delikater Probleme angeschnitten werden, die eine europäische Zusammenfassung hindern. Die christlichen Demokraten können es für sich in Anspruch nehmen, den Einbau der Bundesrepublik Deutschland in das westliche Wirtschaftssystem erleichtert zu haben. Aber es erscheint doch merkwürdig, daß andere Fragen von den daran interessierten Regierungen, die vielfach aus christlichen Demokraten zusammengesetzt sind, nicht in Solidarität gelöst oder einer Lösung nähergeführt wurden. Eine politische Aktion hat sich eben in erster Linie in den internationalen parlamentarischen Gremien abzuspielen.

Was heißt das nun — eine Internationale der Parteien? Es gibt den Typ der Kominform, der allen Parteien eine Generallinie vorschreibt, die absolut und unter allen Umständen eingehalten werden muß. Es kann sich ferner um eine Konföderation der Parteien handeln. In diesem Fall werden die spezialisierten Instanzen aller Parteien In gemeinsamer Diskussion einen gleichen Gesichtspunkt in gewissen internationalen Fragen zu erarbeiten haben. Die derzeitige sozialistische Internationale ist dafür als Beispiel anzuführen. Schließlich mag auch der Gedanke einer europäischen Partei angeführt werden, die Sektionen in den einzelnen Ländern besitzt. Die internationale Parteiführung hätte dann dieselben Prärogativen und Aufgaben wie die nationalen Stellen.

Europa wird sich mit dem Problem einer europäischen Partei sehr bald auseinanderzusetzen haben. Wir vermerken, daß der Gedanke einer einheitlichen christlich-demokratischen Partei von holländischer Seite zur Diskussion gestellt wurde.

Die christlich-demokratischen Parteien bejahen eine grundlegende Tradition der abendländischen Welt. Aber sie halten am Pluralismus der geistigen Familien fest. Die Furcht, daß Europa von einer schwarzen oder klerikalen Internationale gelenkt würde, wie dies die Sozialisten und ihr Wortführer Guy Mollet immer wieder zum Ausdruck bringt, wider-

spricht den fundamentalen Grundsätzen der christlichen Demokratie. Ihre Forderung geht vielmehr dahin, daß alle Christen am politischen nationalen und internationalen Leben teilnehmen und daß die Grundsätze christlicher Moral im Leben der Gesellschaft zum Ausdruck gebracht werden. Niemals jedoch glaubte die christliche Demokratie, eine Kirche vertreten zu können oder die Kirche in den Raum politischer Auseinandersetzungen verpflanzen zu können. Nur politischer Doktrinismus, der die Wahrheit nicht erkennen will, vermag an diesen Tatsachen vorbeizusehen.

Die christlich-demokratischen Parteien stellen sich zur Aufgabe, gegenüber dem Materialismus und der Technokratie das Bild des. Me ns eben als Höhepunkt dieser Schöpfung zu bewahren. In einer Zeit, da der Kommunismus aus taktischen Gründen versuchen wird, die elementaren Gegensätze zwischen einer humanistischen Ordnung und der materialistischen Staatsomnipotenz zu verwischen, wird mehr denn je eine Einheit im Denken und Handeln erforderlich sein. Wenn wir die gegenwärtige politische Situation abschätzen und sie in eine historische Entwicklung hineinstellen, so sehen wir, daß nur die Freiheit Jjer Persönlichkeit und eine neue Sozialordnung jene abendländischen Werte retten wird, welche die Grundbegriffe unserer Existenz ausmachen. Sie zu verlieren, hieße Europa unweigerlich in den Abgrund stürzen. Daher werden die christlich-demokratischen Parteien sich den Forderungen der derzeitigen europäischen Lage nicht entziehen können. Je schneller und je rascher sie von der geistigen Analyse zur politischen Aktion gelangen, um so eher wird Europa -Wirklichkeit werden können.

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