Generation

Nordirland: Junge Generation als Hoffnungsträger

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Katholisch oder protestantisch zu sein ist in Nordirland mehr politisches Statement denn konfessionelles Bekenntnis. Eine Zusammenführung der Gesellschaft(en) läuft bis heute schleppend. Wird die junge Generation den Konflikt überwinden können?

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Katholisch oder protestantisch zu sein ist in Nordirland mehr politisches Statement denn konfessionelles Bekenntnis. Eine Zusammenführung der Gesellschaft(en) läuft bis heute schleppend. Wird die junge Generation den Konflikt überwinden können?

Auf einem brachliegenden Platz im Norden von Belfast spielen lachende Kinder mit Feuer. Sie werfen alles Brennbare, was sie finden können, in die Flammen. Ein paar Meter weiter stapeln Männer Europaletten zu einem meterhohen Turm. Die Szenerie hat etwas Apokalyptisches, es riecht nach verbranntem Plastik, und der Himmel ist grau, wie meistens in Belfast. An einer Häuserwand steht geschrieben „Prepared for Peace, Ready for War“, daneben eine Abbildung von bewaffneten, vermummten Gestalten, die ihre Waffen auf Menschen richten.

Fremde sind nicht willkommen, das spürt man sofort. Es sind Vorbereitungen für die „Bonfire Night“, die hier getroffen werden. Die brennenden Holzpalettentürme stellen einen der Höhepunkte der „Marching Season“ dar. Es ist ein Gedenken an „Battle of the Boyne“ – jene Schlacht, die als der symbolische Triumph der Protestanten über die Katholiken gilt.

Der Status als Gretchenfrage

Der Nordirlandkonflikt wurde zwar 1998 durch das „Good Friday Agreement“ beendet, doch viele Probleme in der Gesellschaft bestehen weiterhin. Das damals beschlossene Abkommen sollte nach langen Friedensverhandlungen den bewaffneten Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken beenden. Das Grundproblem besteht in der Frage nach dem Status von Nordirland. Die Protestanten (oder „Loyalisten“), meist Nachkommen englischer und schottischer Einwanderer, wollen ein Teil des Vereinigten Königreichs bleiben. Die Katholiken, auch Nationalisten genannt, hingegen setzen sich als Nachfahren Alteingesessener für ein vereintes Irland ein. Die Religion spielt eine immer kleinere Rolle. Katholisch oder eben protestantisch zu sein sagt vor allem etwas über die politische Orientierung und Abstammung aus.

So kann es gefährlich sein, als Protestant im katholischen Viertel oder als Katholik in einer protestantischen Nachbarschaft unterwegs zu sein. Während der „Bonfire Night“ verlassen viele Katholiken aus Angst vor Ausschreitungen sogar die Stadt. Die Kriminalität geht wohl eher von gelangweilten Jugendlichen aus als von organisierten Verbrechern oder paramilitärischen Vereinigungen. Doch die wiederkehrenden Vorfälle schüren das Misstrauen gegenüber der anderen Seite. „Das hat nichts mit Religion oder Politik zu tun, es soll nur Spaß machen. Es ist ein Fest für Familien und die Nachbarschaft“, erklärt ein alkoholisierter Jugendlicher am Nachmittag vor der großen Feier im protestantischen Crumlin District. Er hält eine bunte Alkopop-Dose in der Hand, die er wahrscheinlich gar nicht trinken darf, aber hier wird es ihm keiner verbieten.

Die Erwachsenen sitzen ein paar Meter weiter um einen Grill herum, halten ebenfalls Alkopops in ihren Händen und werfen misstrauische Blicke herüber. Einige tragen Plastikzylinder mit der Union-Jack-Flagge darauf, zwischen den Häusern sind passende Girlanden gespannt. Die Fenster sind mit Holz verbarrikadiert, um sie vor dem Bersten durch die Hitze des bonfire zu schützen. Im Hintergrund wird Partymusik gespielt, doch die Stimmung wirkt gespannt. Es ist ein Nachbarschaftsfest, und die ganze Familie ist dabei, doch auf dem bonfire brennt am Abend die irische Flagge. Teilweise steht auf dem grün-weiß-orangefarbenen Stoff „KAT“ („Kill All Taigs“). „Taigs" ist ein abwertender Begriff für Katholiken.

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