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EU in der Energiekrise

DISKURS
Pipeline Gas - © Foto: Pixabay

North Stream: Die versteckten Kosten einer Pipeline

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Die Pipeline North Stream wird auf russischem Gebiet wahrscheinlich mitten durch ein Naturschutzgebiet gebaut. Damit würden mehrere Konventionen zum Schutz der Umwelt in der Ostsee verletzt.

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Die Pipeline North Stream wird auf russischem Gebiet wahrscheinlich mitten durch ein Naturschutzgebiet gebaut. Damit würden mehrere Konventionen zum Schutz der Umwelt in der Ostsee verletzt.

Blauer Himmel, blaues Meer, unberührte Wattlandschaften. Eine saubere und umweltfreundliche Gaspipeline aus Russland quer durch die Ostsee nach Deutschland. Mit solchen Bildern wird für den Bau der Pipeline Nord Stream 2 geworben. Auf Nachfrage bei Umweltorganisationen erhält das Postkartenidyll allerdings Risse. "Die Pipeline wird auf russischem Gebiet wahrscheinlich mitten durch ein Naturschutzgebiet gebaut", sagt Michail Kreindlin, von Greenpeace Moskau. Damit würden mehrere internationale Konventionen zum Schutz der Umwelt in der Ostsee verletzt.

Der staatsnahe russische Energiekonzern Gazprom, der die Mehrheit am Nord Stream 2-Konsortium hält, prüft zwei Varianten, an denen die Pipeline in den Finnischen Meerbusen münden könnte. Entweder nahe der Stadt Kingisepp, 138 Kilometer südwestlich von St. Petersburg, die durch ein Naturschutzgebiet auf der Halbinsel Kurgalski führt, welche für ihre hohe Artenvielfalt bekannt ist. Oder die Pipeline wird nördlich davon verlegt und macht einen Umweg um das beanstandete Areal.

Argument Energiehunger

Für den Gaskonzern macht die Route durch das Naturschutzgebiet mehr Sinn weil sie kürzer und damit günstiger ist. Eine offizielle Bestätigung dafür gibt es nicht. Allerdings hat Gazprom-Chef Alexej Miller angekündigt, dass Nord Stream 2 durch den Bezirk Kingisepp führen wird.

Gas von der nordwestsibirischen Jamal-Halbinsel soll Ende 2019 erstmals durch die zwei Stränge von Nord Stream 2 mit einer Kapazität von insgesamt 55 Milliarden Kubikmeter fließen. Gazprom argumentiert, dass eine weitere Pipeline zur bereits bestehenden Nord Stream-Leitung notwendig sei, um den steigenden Bedarf Europas an Energieimporten zu decken, in der EU selbst werde immer weniger Gas gefördert. Neben dem russischen Gasriesen, der 50 Prozent an Nord Stream 2 hält, sind BASF/Wintershall, Engie, Uniper, Shell und die OMV jeweils mit zehn Prozent beteiligt. Laut OMV laufen Vorbereitungen für eine Abzweigung von Greifswald nach Österreich zum Gashub Baumgarten.

Um wie geplant 2018 mit der Verlegung der ersten Rohre beginnen zu können, fehlt dem Konsortium freilich noch die Baubewilligung. Ihren Segen müssen neben Russland und Deutschland auch Finnland, Schweden und Dänemark erteilen, da der Offshore-Teil der rund 1200 Kilometer langen Pipeline durch deren exklusive Wirtschaftszonen führt. Im Rahmen dieses Prozesses, der 2017 beginnt, würden die geplanten Routen auch einer Umweltverträglichkeitsanalyse unterzogen, so die Projektgesellschaft. Die bisherigen Erfahrungen hätten gezeigt, dass die Umwelt in der Ostsee durch den Bau der Pipeline nicht leidet. Nord Stream 2 erhält demnach die Bauerlaubnis nur, wenn alle relevanten nationalen Gesetze und internationalen Konventionen eingehalten werden.

Gegenüber Nord Stream 2 gibt es allerdings nicht nur Umweltbedenken. Die EU ist in der Frage gespalten. Neben einer stärkeren Abhängigkeit von russischem Gas wird etwa befürchtet, Moskau könnte die Ukraine so als Transitland umgehen und Kiew dringend benötigte Einnahmen verlieren. Während Staaten aus dem Baltikum und Osteuropa vehement gegen den Bau auftreten, sich dadurch bei ihrer eigenen Gasversorgung übergangen sehen, machen sich deutsche Politiker für eine Umsetzung stark. Laut Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel sei allerdings eine Weiterführung des Gastransits durch die Ukraine eine der Bedingungen, damit Nord Stream 2 gebaut werden kann.

Vorsichtiges Taktieren

Die EU-Kommission hält sich momentan aber bedeckt und verweist auf weitere Gesprächsrunden, bis eine Einschätzung möglich ist. Nord Stream 2 sei ein kommerzielles Projekt von verantwortungsvollen Energieversorgern und widerspreche EU-Regeln nicht, so die OMV.

Gazprom selbst agiert nach dem Fiasko mit South Stream, wo vor der Absage bereits 15 Milliarden Dollar investiert worden waren, vorsichtiger und will Nord Stream 2 explizit als wirtschaftliches Projekt verstanden wissen.

Die ukrainische Konkurrenz verlangt derzeit für den Transit von 1000 Kubikmetern Gas 2,5 Dollar pro 100 Kilometer. Die neue Leitung soll das alles für nur 2,1 Dollar bereitstellen. Mehr als 40 Milliarden will der Gazprom-Chef in den kommenden 25 Jahren einsparen.

Der Energiekonzern setzt entsprechend energisch für einen raschen Bau der Pipeline ein. Das auch, weil der europäische Markt derzeit heiß umkämpft ist. Konkurrenz ist Russland insbesondere durch die Transadriatische-Pipeline (TAP) erwachsen, die ab 2020 Gas aus dem zentralasiatischen Aserbaidschan nach Italien liefert und für zusätzlichen Preisdruck sorgen könnte. Ob sich Nord Stream 2 letztlich als wirtschaftlich rentables Projekt erweist, oder politische Beweggründe doch überwiegen, muss sich allerdings erst zeigen.

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