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Österreich in Südosteuropa

Wenn die Völkergemeinschaft Südosteuropas sich auch grundsätzlich von den drei europäischen Großnationen, Rußland, Deutschland und Italien, unterscheidet und keine der südosteuropäischen Nationen auch nur mit einer dieser Großmächte in allzu enger Verbindung zu stehen wünschen kann, so liegt doch die Akzentverschiedenheit in dem Gefahrenmoment, das die Großen für die Kleinen bedeuten, flach auf der Hand; es hat sich in der Erfahrung unserer eigenen Generation überdies auch noch mehrfach verschoben.

Seit dem Ende des Faschismus ist Italien nur noch peripher in Ueberresten seines Imperialismus ein aggressiver Faktor, und es wäre nicht einmal soviel davon übrig, könnten die Italiener sich nicht auf die politische Schützenhilfe Amerikas verlassen, die ihnen von beiden amerikanischen Parteien aus primär innerpolitischen Gründen gewährt wird. So sehr aber auch alle Oesterreicher nicht nur gefühlsmäßig an Südtirol festhalten, so liegt darin nichtsdestoweniger kein Problem, das die österreichischitalienische Kooperation ausschließt. Denn Süd-' tirol (immer als Deutsch, Ladinisch und Italienisch sprechendes Ganzes betrachtet) wird in der gegebenen Weltordnung ohne ausgesprochene westliche Unterstützung der österreichischen Position, auf die nicht zu rechnen ist, kaum an Oesterreich zurückfallen, solange dieses ein isolierter ostalpenländischer Kleinstaat bleibt, der seine Neutralität vor allem als die diplomatische Kunst des Nirgends-Anstoßens auslegt. Umgekehrt würde Südtirol (vielleicht sogar über seine deutschsprachigen Gebiete hinaus) zwangsläufig und unaufhaltsam (selbst als international garantiertes Kondominium) völkef- und staatsrechtlich alsbald wieder nach Wien gravitieren, wenn hinter Wien mehr stehen sollte als ein Kleinstaat. Das meinte wohl auch der kluge italienische Priesteipolitiker Don Luigi Sturze als er mir nach 1945 (in seinem damaligen

Brooklyner Heim) sagte, am Brenner stehe nicht allein Oesterreich, sondern Rußland (mit der slawischen Welt, die keine italienische Regierung nach Italien einlassen dürfe, wenn sie dazu die Macht hat). Ganz dasselbe gilt für T r i e s t, das Italien kaum ernsthaft und erfolgreich für sich allein beanspruchen könnte, - wenn auch hier die innerpolitisch bedingte amerikanische Hilfe auf die geschlossenen Forderungen der Staatenverbindung des Adria-Hinterlandes stoßen würde. In beiden' Bereichen ist der Status quo im Augenblick eingefroren; ob er auftauen wird, kann nur auf der regionalen, nicht auf der lokalen Ebene entschieden werden. In beiden Fällen aber mag die endgültige Entscheidung dadurch günstig beeinflußt werden, daß hier neue Möglichkeiten einer internationalen kooperativen Souveränität, eines Kondominiums, sozusagen in der Luft liegen.

Man kann gewiß nach wie vor die Behauptung aufstellen, daß Rußland, von dem man im Grunde so wenig weiß, noch immer das Damoklesschwert über den Nachfolgestaaten, jetzt teilweise Satellitenstaaten, geblieben ist, das es nach 1945 wurde. Wie immer man jedoch die für die ganze übrige Welt rätselhafte russische Entwicklung der jüngsten Zeit deuten will — es ist heute nicht mehr zu übersehen, daß Rußland sich auf dem historischen Rückzug aus seinen westlichen Satellitenstaaten befindet (der ganz so ausschaut wie der auch schon in seiner zaristischen Geschichte immer wieder nach anfänglich größten militärisch-politischen Erfolgen im Westen angetretene). Das wird gewiß keine plötzliche Räumung dieser Staaten sein, wie auch der Kommunismus trotz seines gegenwärtigen riskanten Spieles nicht plötzlich zusammenbrechen wird. Aber die geistige Auflockerung, die bereits überall begonnen hat, wird doch vor allem in den Nachfolgestaaten weiter fortschreiten, wo sie auf Grund der größeren und älteren Bekanntschaft mit der Idee der Freiheit auch ganz andere Chancen hat. Denn die Freiheit unter den Russen wird leicht zur Anarchie, gegen die dann unvermeidlich diktatorische Zwangsmittel aufgeboten werden müssen, wogegen die Freiheit zwischen Ost und West auf altem Boden die große Chance der maßvollen, schrittweisen, zeitgemäßen Durchsetzung hat, für die es reife, alte Völker braucht.

Oesterreich hat hier eine ganz große positive Aufgabe zu erfüllen, von der man vom ausländischen Auslugposten aus eigentlich erwartet hätte, daß sie das Land, das Volk, der Staat mit beiden Händen ergreifen würden. Das ist bisher nicht geschehen. Die verbreitete Vorstellung, daß der Begriff der Neutralität eine aktive und offensive Außenpolitik verbiete (in einer Diskussion sagte mir allen Ernstes ein konservativer österreichischer Sozialpolitiker, Oesterreich sei als bloßes Objekt der Weltpolitik überhaupt nicht dazu berufen und befähigt, eine Außenpolitik zu haben), mußte bewirken, das beide Staatsparteien nicht wissen, was die österreichische Neutralität eigentlich ist, daß sie sich jedenfalls darüber bisher nicht ausreichend verständigt haben und daß daher auch die österreichische Regierung die nötige großangelegte außenpolitische Initiative vermissen läßt. (Siehe „Die österreichische Staatsidee und die beiden Staatsparteien“ in „Arbeit und Wirtschaft“, September 1956.) So scheint Tito (wie Benesch vor ihm) nunmehr der Träger des Programms der Reintegration der Südostvölker werden zu wollen. Das mag dann neuerlich erschweren, daß sich Oesterreich in diese zukunftsreiche Unternehmung, wenn auch nur als beobachtender stiller Gesellschafter, zeitgerecht einschaltet. Dabei leuchtet die Gloriole Wiens heute in allen Nachfolgestaaten wieder strahlender denn je, da sie zum Symbol der möglichen Freiheit vor den eigenen Toren geworden ist. So.nahe stand Wien den nichtösterreichischen ehemaligen Großösterreichern nichtdeutscher Zunge schon seit Generationen nicht mehr. Wir wollen der Klugheit, ja Weisheit des österreichischen Zweiparteienregimes in vielen aktuellen Fragen die Miturheberschaft an dieser positiven Entwicklung durchaus nicht bestreiten, glauben aber trotzdem, daß die historische Stunde weitaus raschere und kühnere Schritte erheischen würde (Donauschiffahrt, Triest, Suez), wenn wir nicht ins Hintertreffen kommen sollen, indem sich Südosteuropa eben zuerst ohne uns, schließlich aber auch gegen uns konsolidiert und konstituiert.

Man hat allen Grund anzunehmen, daß Rußland und Amerika einer geistigen Entwicklung, durch die Oesterreich sich neben Jugoslawien in eine Kooperation der südosteuropäischen Nationen einschalten würde, teils aus allmählich bewußt werdender politischer Ueberlegung keine Schwierigkeiten machen würden, teils gar nicht machen könnten, da die Geister der Freiheit, die nunmehr beide Weltreiche zitieren (beide nicht notwendig in unserem Sinne), keineswegs einfach wieder zurückzupfeifen sind. Als ich vor mehr als Jahresfrist das erstemal das Konzept der südosteuropäischen Reintegration als die logische Konsequenz der österreichischen Neutralität vom Ausland her entwickelte (siehe die „Furche“, 28. Mai, 4. und 11. Juni 1955), war es die Auffassung auch eines sehr aktiven österreichischen Diplomaten mit großer Erfahrung, daß Rußland niemals zu einer Auflockerung in den Nachfolgestaaten gelangen könne, „da die Freiheit nicht teilbar ist“. Die seitherige Entwicklung zeigt, wie weit die Welt auch ohne uns gekommen ist und wie weit wir — aus Gründen zaudernder Vorsicht — hinter den uns gegebenen Möglichkeiten zurückgeblieben sind.

Darin liegt kein solches Plus, daß wir auf un?eren Pfühlen sicher ruhen könnten. Wir haben seinerzeit den Staatsvertrag in unerwarteter Weise als einen ersten Schachzug der Russen in einem weltpolitischen Spiel bekommen, das sich seither in eine neue geistige Weltoffensive des Kommunismus ausgewachsen hat, in der es um die allerletzten Einsätze geht (worüber man sich keine Illusionen machen soll). Der Staatsvertrag und die Neutralität beruhten seinerzeit ganz wesentlich darauf, daß sich Amerika und Rußland in Mitteleuropa die Waage hielten. Daß Rußland diesen Zustand fortsetzen will, ist selbstverständlich. Ob es ihn aber auch auf die Dauer festhalten kann, wird zweifelhaft, wenn man die ekrasitartige Wirkung der offiziellen russischen Enthauptung

Stalins betrachtet. Ein Weltkoloß, der (statt sich in der Kontinuität seiner Traditionen auch aus seinen Verirrungen herauszuarbeiten) ein psychologisches Experiment von solchen Ausmaßen durchführt, einen geistigen „Vatermord“ größten Stils (ganz nach S. Freud), auch wenn die Absicht nur sein kann, gerade dadurch erst recht die legitime Stammfolge der Väter des Kommunismus unabhängig von der Abirrung eines einzelnen Gliedes noch unerschütterlicher und bedingungsloser in den Herzen der Gläubigen zu verankern — eine solche Weltmacht kann durchaus auch einmal ein Spiel verlieren, das sie unternommen hat.

Hier kann, von Osten her, ein ungeheures Vakuum entstehen. Darnach wäre zweifellos die westliche Welt berufen, militärisch, politisch, ökonomisch in die Bresche zu springen. Vor allem Amerika würde sich willig, ja mit Elan in dieses ungeheure Vakuum hineinreißen lassen, ohne es wirklich meistern zu können. Nichts wäre näherliegend, als daß auf längere Sicht die Energien des wiedervereinten Deutschlands zuerst unter amerikanisch-englischer Anleitung, dann aber alsbald auf eigene Rechnung den leeren Raum auszufüllen versuchen würden. Der Westen könnte mit all seiner Demokratie, die auf andere Situationen zugeschnitten ist, die Völker des Ostens vor dieser grotesken Entwicklungsmöglichkeit nicht bewahren, wenn nämlich die russische Oberherrschaft fällt, die Südostvölker aber selbst nicht zeitgerechte Vorkehrungen treffen. Die Möglichkeiten, die sich hier auftun, sind ungeheuerliche. Man kann den Sturm noch anblasen oder man kann sich gemeinsam gegen ihn zu sichern versuchen. Wenn die tragenden konservativ-religiösen Kräfte Europas schon längst bereit waren, jedes russische Nachfolgeregime zu akzeptieren, das den Bolschewismus ablöst, so wird ein historisch-kritisches, konservativ-staatsbaumeister-liches Denken die Dinge keineswegs so einfach sehen können. Es möchte Europa sonst noch dem russischen System von gestern nachtrauern lernen, wenn einmal das russische Chaos hereinbricht, auch den Westen in Mitleidenschaft ziehend. Daher meine These: Der katastrophale Zusammenbruch Rußlands liegt nicht im Interesse Europas, das ist der Zusammenbruch, der, sei es durch einen Atomkreuzzug, sei es durch eine von außen forcierte Revolution, hinter der das Atompotential des Westens steht, herbeigeführt wird. Kleines mit Großem vergleichend, wird man sagen dürfen, daß etwa in Oesterreich nach dem 12. Februar 1934, unabhängig vom Nationalsozialismus im Hintergrunde, aber unter seinen Schatten erst recht, die Probleme weitaus schwieriger wurden, nachdem man die sozialdemokratischen Organisationen ex aucto-ritate beseitigt hatte und daß, was damals in den Seelen einstürzte, in der Bindung der nachwachsenden Jugend an staatspolitische Ziele bis heute noch nicht aufgeholt worden ist.

Wenn die russische Gefahr gerade auf Grund des verwegenen neuen Einsatzes, den Rußland gemacht hat, in ein noch unübersehbares neues Stadium tritt, so in denselben Ausmaßen nicht minder auch eine andere Tendenz. Wie immer man die weltpolitische Situation beurteilen mag, Deutschland ist neuerdings daran, ein Faktor zu werden, womit vor allem Südosteuropa rechnen muß. Das neue und doch so alte Gefahrenmoment liegt in der potentiellen Expansionstendenz, die jedem gesamtdeutschen Regime innewohnt (infolge der Massierung der deutschen Stämme in Nordosteuropa zwischen Rhein und Weichsel), woraus unter der Herrschaft der politischen Ideologie und Tradition, die geradlinig von Fridericus Rex über Bismarck bis auf Hitler geht, immer noch auch eine Aggressionstendenz geworden ist.

Es mag augenblicklich unwahrscheinlich sein, daß sich eine Einigung zwischen Amerika und Rußland über die deutsche Frage in absehbarer Zeit einstellen wird. Wenn freilich trotz der inneren Hemmungen aller beteiligten Mächte, die in wechselseitigem Hinauflizitieren von der deutschen Wiedervereinigung reden, aber sie lieber doch nicht ernsthaft betreiben (vielmehr einander gerade jene Bedingungen stellen, von denen jeder weiß, daß sie der andere nicht annehmen kann), dennoch eine amerikanischrussische Verständigung darüber zwangsläufig sich ergeben sollte, indem beide Weltmächte den Konsequenzen ihrer eigenen Deklamationen nicht mehr entrinnen können, so ließe es sich trotzdem noch denken, daß Amerika und Rußland, die mit widerstrebenden linken Händen die Wiedervereinigung Deutschlands durchführen, mit weniger gehemmten, auch geschickteren rechten Händen doch auch gegen die damit verbundenen Gefahren, die nicht zuletzt auch die besten deutschen Kräfte bedrohen, die logischen Vorkehrungen treffen.

Eine solche Vorkehrung läge vor allem in der organisatorisch-regionalen Verbindung der Nachfolgestaaten oder Südostvölker in einem innereuropäischen Weichsel-, Elbe-, Donau-Balkan-Block, der einerseits einem nationalistischen Deutschland als Gegengewicht den Weg nach dem Südosten verlegen würde, anderseits aber in der Wiederaufnahme traditioneller Nachbarschaft unter den Südostvölkern ein neues föderalistisches Organisationsprinzip in den europäischen Aufbau einzuführen in der Lage wäre. Vor der Alternative zwischen einem wiedererstehenden Großdeutschland, das zwischen West und Ost machtpolitisch zu changieren vermöchte, und einem förderativ gegliederten Europa, einer „dritten Kraft“, müßten Amerika und Rußland sich gemeinsam, ob sie wollen oder nicht, mit der letzteren abfinden, was gleichzeitig auch einen regionalen Block wohltuend zwischen ihre Hemisphären legen würde. Das wäre der logische Preis, den sie auf Grund ihrer eigenen gemeinsamen weltpolitischen Narrenposse für die Abwendung von deren letzter Konsequenz bezahlen müßten: für die Zerstörung Deutschlands mit vereinten Kräften, nicht um es föderalistisch in Europa einzubauen, sondern um es neuerdings als Einheitsstaat gegeneinander, in Wahrheit gegen sich selbst, aufzurüsten.

Oesterreich hat die große' historische Aufgabe, in die südosteuropäische Kombination gerade als vorwiegend Deutsch sprechende Nation sui generis entscheidende Erkenntnisse einzubringen, die aus unserer Kenntnis der deutschen Psyche herrühren. Dazu muß freilich Oesterreich auch sich bewußt zur Gemeinschaft der Südostvölker bekennen.

Daher meine These: Oesterreich wird unabhängig, selbständig und neutral nur bleiben, wenn es sich zu Südosteuropa bekennt. Regierung, Staatsparteien und Volk müssen erkennen, daß Oesterreich, sein Volk und sein Staat, in Partnerschaft mit den Südostnationen stehen muß oder aber, daß Oesterreich auf die Dauer kein von Deutschland unterscheidbarer unabhängiger Staat bleiben wird. Die Aufgabe Oesterreichs ist gewiß keine kleine oder leichte; sie geht weit über Titos Zielsetzungen hinaus. Denn die Beteiligung Oesterreichs an der werdenden Südostkoalition, sein artechtester Beitrag zu ihrer Schaffung ist es, jene geistige Freiheit unter den Südostvölkern wiederzubringen und sicherzustellen, die weder amerikanisch noch russisch, weder titoistisch noch großdeutsch, sondern gut österreichisch ist (auch wenn wir nicht zuletzt um der deutschen Freunde der österreichischen Idee in deutscher Sprache davon reden). Denn diese Freiheit an den östlichen Randgebieten der westlichen Welt ist nicht abstrakt, sondern konkret, nicht ideologisch, sondern realistisch, ist politisch und wirtschaftlich zugleich, nicht bloß eitles von beiden auf Kosten des anderen, schließt daher auch das historische Verständnis für den politischen Ordnungsgedanken, für den sozialen Schutz der schwächeren Elemente, für die Verteidigung der kulturellen Werte gegen den Automatismus der Wirtschaft und gegen die Zwangsläufigkeiten der Technik ein, was alles nicht zum russischen System, aber doch zum östlichen Menschen gehört, weitaus mehr als zum einseitig westlichen Menschen, dessen innerstes Wesen die abstrakte Durchsetzung seines individualistischen Interesses ist (das dabei durchaus auch eine kollektivistische, nivellierende, konformistische Physiognomie haben kann).

Innerhalb dieser geistigen Freiheit, deren Bild allein Oesterreich in voller Reinheit in die erhoffte Zusammenarbeit einbringen kann, steht auch die religiöse Freiheit, die sich in den Satellitenstaaten im Zuge einer Auflockerung des kirchlichen Lebens wiedereinstellen muß. Darin liegt für Amerika vor allem, was gewiß nicht unwichtig ist (neben dem wirtschaftlichen Interesse seines Kapitalismus an der „Oeffnung“ des Ostens), das kulturelle Interesse seiner öffentlichen Meinung, dem Oesterreich als Vorkämpfer dieser Idee in ganz besonderer Wefse zu entsprechen vermag, um seine Unentbehrlichkeit in jener Kombination neben Tito zu beweisen. Darin würde sich eine eminent katholische Aufgabe des kleinen Oesterreich zeigen, an die sich auch eine sozialistische Aufgabe anknüpfen ließe, da die religiöse Freiheit allein am Ende auch die soziale Freiheit für die arbeitenden Schichten in den Satellitenstaaten wiederherstellen kann (siehe „Christentum und Sozialismus“, in „Arbeit und Wirtschaft“. August 1956).

Man darf sich allerdings die Auflockerung unter dem russischen System in irrationalem Kurzschluß nicht als eine magisch-revolutionäre denken. Dazu ist auch im nach-stalinistischen Rußland der Staatsapparat noch auf lange Sicht viel zu intakt. So einfach würden seine jetzigen Träger, die das amerikanische Atommonopol gebrochen haben, gewiß nicht in der historischen Versenkung verschwinden. Daher sollte gerade Amerika sich davor hüten, eine lieberwindung des Kommunismus auf revolutionären Wegen von außen her zu forcieren, und zwar sowohl wegen der Gefahr der Katastrophe im Falle des Mißlingens, erst recht aber auch wegen der Gefahr des nachfolgenden Vakuums im Falle des Gelingens. Man muß sich ganz klar darüber sein, daß eine politisch-konservative Kraft, zu deren Gunsten der Pendel eines Zeitalters auszuschlagen beginnt (was der Westen morgen sein kann, wenn er es nicht heute schon ist), weitaus mehr an Dauererfolgen zu erreichen vermag, wenn sie nicht darauf ausgeht, den Gegenspieler zu eliminieren, sondern vielmehr ihn einsetzt in diejenige Funktion, in der er dienstbar werden kann. Die alte Legende vom Teufel, der die Steine zum Bau der Kirche herbeischleppt, hat einen tiefen symbolischen Sinn. (Nochmals Großes mit Kleinem vergleichend, wird man feststellen können, daß die Träger des autoritären Regimes in Oesterreich sich ihre Aufgabe selbst unendlich erschwerten, als sie den innerpolitischen Gegner vollkommen entmachteten, anstatt die sozialdemokratische Partei, selbst wenn sie nicht mehr existierte, geradezu zu erfinden, um ihr jene Bewegungsfreiheit zu verleihen, die sie in die Lage versetzt, ja gezwungen hätte, aus bloßer Selbsterhaltung gegenüber dem Nationalsozialismus den österreichischen Kurs der Regierung mitzutragen und mitzuverantworten. Was damals Hitler war, ist heute in weltpolitischen Dimensionen die Atombombe mit ihren höllischen Derivaten, welche die beiden Partner der Atomzivilisation miteinander verschlingen wird, wenn sie nicht beide miteinander kooperieren.)

Die zweifellos außerordentliche geistige Leistung, die auch im Falle tiefer innerer Diskrepanzen den Partner bei der Stange hält und nicht der Versuchung erliegt, ihn von der gemeinsamen Plattform wegzustoßen, ob es sich dabei um den Partner der weltpolitischen Koexistenz, der innerpolitischen Koalition oder aber — einer Ehe handelt, kann nicht ohne das notwendige Vertrauen unternommen werden, das einer zu sich selbst, aber auch zur innersten menschlichen Substanz des Partners haben muß. Vor allem darf es nicht im Zeichen des Minderwertigkeitskomplexes stehen, der sich selbst in Zweifel zieht („man kann mit der Gegenseite nicht kooperieren, weil wir ihr nicht gewachsen sind“). Vielmehr muß es sich um die Erkenntnis einer trotz aller Realpolitik in letzter Linie geistigen Aufgabe handeln, die nur bestimmt sein kann durch ein Höchstmaß von religiösem Vertrauen, daß einerseits jede historische Situation auch die Geisteskräfte bereit hält, die sie meistern können, und daß anderseits nichts, das ein Menschenantlitz trägt, bis zum Grade vollkommener Unheilbarkeit entartet — solange es nicht den Sprung ins Dunkle getan hat. Angesichts des möglichen Abgrundes, in den nicht nur die Katastrophe die ganze Welt, sondern auch das Chaos und das Vakuum ohne Katastrophe vor allem die Südostvölker, einschließlich Oesterreich, zu reißen vermag, heißt es die innere Sicherheit nicht verlieren, die in letzter Linie ein religiöses Unterpfand ist.

Darin liegt allein auch der politische Realismus, der die überlebten Ideologien des Imperiums auch in dieser historischen Sonderfrage überwindet, aber trotzdem die Idee der christlichen Zivilisation unverbrüchlich bewahrt. Als einstmals Th. G. Masaryk von der notwendigen „Entösterreicherung“ des tschechischen Volkes sprach (er, der selbst ehedem fast ein Großösterreicher war oder hätte werden können), hat uns dies wenig gefallen. Aber nur wenn auch diese Variante des Reiches überwunden wird

(der „großösterreichische Imperialismus“), besteht eine Chance, daß die Idee der christlichen Zivilisation in ihre Rechte tritt. Wenn Franz die Krone des Römischen Reiches niederlegte, Karl aber die österreichisch-ungarische Monarchie liquidierte, so war beides gut vom Standpunkt der Idee, die über der jeweiligen historischen Realität steht. Mit dieser Idee im Herzen kann man noch immer die zeitgemäßen politischen Formen schaffen. Wir, die das alte Oesterreich noch gekannt und geliebt haben, wie man das Vaterland liebt, manche auch, die noch heute davon träumen, soweit sie ihre tätigen Kräfte nicht verträumen, viele, die jetzt auch wissen, daß die Vergangenheit besser war, als es die Konsequenzen ihrer Vernichtung sind, daß aber kein Zauberspruch sie wiederbringen kann — müssen darangehen, mit ihren letzten Kräften, ehe sie abzutreten haben, aus allen Nationen die Geister zu sammeln, die eine neue föderalistisch-regionale Ordnung der Südostvölker, eine Ordnung sui generis, die keinen Namen hat, aber dennoch eine kristallklare Idee verkörpert, schaffen können. Die Monarchie ist tot und kann nach menschlichem Ermessen nur aus einer Katastrophe wiedergeboren werden, die niemand wünschen darf. Es leben die Völker, die einstmals die Monarchie gebildet haben, die wieder zusammenkommen müssen, weil sie zusammengehören, damit sie “sich zusammen verteidigen können, aber auch zusammen an einer neuen politischen Weltordnung arbeiten können, die weder amerikanisch noch russisch noch großdeutsch ist.

(Der Verfasser behandelt diese Probleme jetzt auch in seinem Buche „Christentum und Zivilisation“, das im Herbst im Wiener Amandus-Verlag erscheint. Anra. d. Red.)

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