Irisova - © Foto: Privat
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Olga Irisova: „Verwirrung und viele Verschwörungstheorien“

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Die russische Politikexpertin Olga Irisova geht davon aus, dass Wladimir Putins Beliebtheit weiter sinken wird. Der Präsident habe zu spät reagiert und die politische Verantwortung ausgelagert.

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Die russische Politikexpertin Olga Irisova geht davon aus, dass Wladimir Putins Beliebtheit weiter sinken wird. Der Präsident habe zu spät reagiert und die politische Verantwortung ausgelagert.

Russland befindet sich durch Covid-19 in einer prekären Situation. Wladimir Putins Maßnahmen scheinen nicht auszureichen, die Krise zu bekämpfen. Bisher sind 600.000 Menschen als infiziert gemeldet, über 8000 sind gestorben. Ein Interview über die aktuelle Lage und die politischen Folgen.

DIE FURCHE: Wie steht es um die Bewältigung der Covid-19-Krise in Russland?
Olga Irisova: Die offiziellen Medien kommunizieren, dass die Situation unter Kontrolle ist. Die sozialen Netzwerke zeichnen aber ein anderes Bild. Russland ist nicht China, der Kreml kann nicht alle Probleme verdecken. Mittlerweile gibt es erste Lockerungen, doch die Zahlen gehen weiter stark nach oben.

DIE FURCHE: Welche Probleme sprechen Sie an?
Irisova: Viele Ärzte kritisieren, dass es zu wenig Schutzausrüstung gibt. Einige wurden bedroht, dass sie ihren Job verlieren oder rechtliche Probleme bekommen, wenn sie ihre Kritik öffentlich machen. Covid- Patienten teilen Bilder von vollen Spitälern und Betten auf dem Gang. Besonders außerhalb Moskaus steht es schlecht um die medizinische Versorgung. In den letzten Jahren wurde das Gesundheitssystem reformiert, Krankenhäuser und Ärzte eingespart.

DIE FURCHE: Offiziell gibt es mehr als eine halbe Million Corona-Infektionen, die Zahlen steigen weiter an.
Irisova: Höchstwahrscheinlich ist die wahre Zahl noch viel höher. Nur jene, die im Spital behandelt werden müssen, werden aktuell gezählt. Auch heißt es, die Mortalität sei niedriger als im Westen, doch das ist falsch. Viele Corona-Tote werden anderen Erkrankungen zugeschrieben und nicht mitgezählt.

DIE FURCHE: Präsident Putin behauptete anfänglich, Russland sei nicht betroffen, bevor er wochenlang von der Bildfläche verschwand. Hat er die Gefahr unterschätzt?
Irisova: Als es losging, haben die Behörden sehr langsam reagiert. Die Reisefreiheit blieb lange aufrecht, auch der Corona-Hotspot Moskau wurde nicht isoliert. Ein Ausnahmezustand wurde bis heute nicht verhängt, hauptsächlich weil dann teure Entschädigungszahlungen für die Betriebe fällig wären.

DIE FURCHE: Welche Maßnahmen wurden gesetzt?
Irisova: Es gibt große regionale Unterschiede. In Moskau durfte man bis letzte Woche nur zu bestimmten Zeiten außer Haus gehen. Zuvor brauchte man sogar einen Passierschein. Mittlerweile wurden die Beschränkungen in Moskau wieder gelockert, obwohl es dort immer noch rund 2000 Neuinfektionen pro Tag gibt. In anderen Regionen geht das Leben ohnehin weiter wie vor der Krise, viele sehen den Ernst der Lage nicht. Auch in teils stärker betroffenen Gebieten. Das liegt an den verwirrenden Informationen von Regierung und Medien.

DIE FURCHE: Was war die offizielle Strategie dahinter?
Irisova: Es gab keine. Fast täglich wurde die Linie geändert und neu reagiert. Putin wollte nicht persönlich verantwortlich gemacht werden und hat das Krisenmanagement an seine Regionalgouverneure delegiert. Weil die Maßnahmen zu spät kamen, hat der Kreml beschwichtigt, dass alles unter Kontrolle sei. Gleichzeitig mehrten sich Meldungen von überfüllten Spitälern und neuen Ausbrüchen. Das hatte eine große Verwirrung in der Bevölkerung zur Folge.