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Patriarchen im Herbst der Diktatoren

Die "Neue Zürcher Zeitung“ lotet das kirchliche, religiöse und politische Minenfeld aus, in das Benedikt XVI. im Libanon kommen wird.

Papst Benedikt XVI. reist am Freitag zu einem dreitägigen Besuch nach Libanon, der von den Christen im ganzen Mittleren Osten mit Spannung erwartet wird. Es ist das erste Mal, dass der katholische Oberhirte in die Region kommt, seit der Ruf nach Brot, Freiheit und Würde die arabischen Länder erschüttert und ihre Regime zum Einsturz oder ins Wanken gebracht hat. Der Aufbruch hat Hoffnungen und Ängste geweckt, besonders unter den Christen. Sie erwarten, wie der Generalvikar der maronitischen Kirche, Erzbischof Paul Sayah, sagte, "Anleitungen, wie sie die neue Realität angehen sollen, weil Minderheiten in einer Revolution immer in einer schwierigen Lage sind“ […] Obwohl eine kleine Minderheit, werden die Christen in der arabischen Welt nicht minder von weltanschaulichen, politischen und institutionellen Spannungen zerrissen als ihre muslimischen Mitbürger. Die Christen sind unter sich gespalten: Von den 18 religiösen Gemeinschaften, die der libanesische Staat anerkennt, sind 12 christliche, von denen sich wiederum 6 zu Rom bekennen (Maroniten, Chaldäer, griechische, armenische, syrische und lateinische Katholiken). Alle Christen zusammen machen etwa 35 Prozent der libanesischen Bevölkerung aus […]

Klare Botschaft, ohne Gräben aufzureißen

Die Herausforderung besteht für Ratzinger darin, eine klare Botschaft zu formulieren, ohne neue Gräben aufzureissen. Dass dies nicht einfach ist, zeigte der im letzten Jahr ernannte maronitische Patriarch Béchara Rai, als er in öffentlichen Stellungnahmen die Bewaffnung des Hizbullah rechtfertigte, den syrischen Präsidenten Asad in Schutz nahm und vor einem Konfessionskrieg in Syrien warnte. Rai sprach damit aus, was viele Christen im Mittleren Osten denken, erntete aber bei einem Teil der libanesischen Christen Empörung und Kritik.[…]

Rom war die kriegerische Militanz, in welche die libanesischen Christen während des Bürgerkriegs zwischen 1975 und 1990 verfallen waren, lange ein Dorn im Auge. Sie gefährdete die Christen Libanons, weil sie diese in die Konfrontation mit den Muslimen führte, in der sie schliesslich auch den Kürzeren zogen. Zudem brachte die Allianz der libanesischen Christen mit Israel und dem Westen auch die Muslime in anderen Ländern gegen die dortigen Christen auf.

Christliche Strategie, sich an Herrscher anzulehnen

Im Vatikan herrscht die Meinung vor, die Zusammenarbeit zwischen den Gemeinschaften böte den Christen einen besseren Schutz als die Konfrontation. Rais Stellungnahmen zeigen, dass sich diese Einsicht auch in der maronitischen Kirche allmählich durchsetzt. Sie offenbaren aber auch die Gefahren der anderen Strategie, mit der orientalische Christen ihr Überleben seit je absichern: die Anlehnung an den Herrscher. Diese Strategie entstand aus dem Reflex der Minderheit, beim jeweiligen Machthaber Schutz vor den Bedrohungen zu suchen, denen sie sich ausgesetzt fühlte. Im syrisch-libanesischen Kontext wurde daraus das Konzept einer "Allianz der Minderheiten“ (Christen, Schiiten, Alawiten, Drusen) konstruiert. […] Teil der autoritären Regime im Mittleren Osten, sei es im Irak, in Ägypten oder in Syrien, war der Deal zwischen dem Diktator und dem Patriarchen. Er diente zur Absicherung der Macht sowohl des einen wie des anderen, war aber weder von den Bürgern noch von den Gläubigen sanktioniert. Wenn das Regime und damit der Deal zusammenbrach, standen die Christen wieder alleine und schutzlos da. Diese Erfahrung haben die Christen im Irak nach dem Sturz Saddams gemacht […] Ein Schicksal, das nun auch den Christen Syriens droht […]

Neue Zürcher Zeitung, 12. September 2012

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