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Perspektiven der ersten Etappe

In diesen Tagen hat Bundeskanzler Doktor Konrad Adenauer in seinem neuen, eben fertiggewordenen Wahlsonderzug in Mainz den zweiten Gang des deutschen Wahlkampfes eröffnet, der ihn in den nächsten Wochen in über vierzig Orte bringen wird.

Niemand weiß zur Stunde, welche Akzente dieser zweite Frontgang tragen wird und wie die deutschen Massen sich am 15. September entscheiden werden. Die sehr sichtbar gewordenen Akzente des ersten, nun beendeten Abschnitts der großen Schlacht, in der es vor allem um Macht, um Wirtschaftsmacht und politische Macht, geht, verdienen festgehalten zu werden.

Wer die Gegner der CDU und die Gegner des Katholizismus (das müssen nicht immer dieselben Leute sein) hört, und ihr Stimmaufwand ist beträchtlich, muß zu dem Eindruck kommen: die katholische Kirche in Deutschland habe sich hemmungs- und bedingungslos der Politik des Regierungschefs und seiner Partei verschrieben. Als ein Sprecher für die in breiten Kreisen vorhandenen alten und neuen Ressentiments gegen den „politischen Katholizismus” hat Rudolf Augstein in seinem „Spiegel” das Wort ergriffen: Wie er die innerdeutsche seelische und politische Situation sieht, ist alles andere als eine objektive Berichterstattung, ist aber charakteristisch für das Denken und Fühlen vieler Menschen im heutigen Deutschland.

Feinde und Gegner sind, recht verstanden, keine schlechten Freunde. Sie deuten mit dem Finger auf offene Wunden und verpflichten zum unerbittlichen Ringen um Klarheit’ und Wahrheit, zunächst in der eigenen Brust.

Wie sieht es nun heute zunächst einmal mit dem „politischen Katholizismus” in Westdeutschland aus? Marschiert er, wie ihm seine Gegner vorwerfen, mit Fahnen und Standarten, mit allen Mitteln vorandrängend, um in Deutschland eine autoritäre Herrschaft, ein Einparteiensystem aufzurichten?

Wer da näher zusieht, bemerkt sehr bald: die Wirklichkeit sieht anders aus: In der CDU selbst sind die alten Kämpen des christlich-sozialen Gedankens und des „politischen Katholizismus” am Ausscheiden aus der aktiven Politik, wie in Bonn Minister Jakob Kaiser, der nicht mehr kandidiert, wie Prälat Meixner, der hervorragende, auch von seinen politischen Gegnern persönlich hochgeachtete Führer der CSU in Bayern, den Alter und Krankheit zum Zurücktreten zwingen; die Männer um K. Arnold haben nach ihrem Ausscheiden aus der Regierung von Nordrhein-Westfalen nicht mehr eigenes Gewicht zu erlangen vermocht, wie ihre totale Ein- und Unterordnung auf dem Hamburger Parteitag der Gesamtpartei zeigte. Als ein hochbeachtliches Symptom für die Entwicklung, derzufolge fast überall junge und jüngere „liberale”, das heißt vorwiegend am Machtkampf orientierte Berufspolitiker und Vertreter einzelner Interessengruppen das Rennen im inneren Kampf um die Struktur der Partei machen, darf die Ausbootung Doktor Hundhaminers in Bayern betrachtet werden. Dieser bayerische Löwe. Redner bei Dutzenden katholischer Veranstaltungen in den letzten zehn Jahren, eine, wenn auch im innerkatholischen Gespräch umkämpfte, so doch integre Erscheinung, wird in diesen Tagen vielleicht sogar aus seiner Partei, die er mitschuf, ausgeschlossen, wenn er nämlich endgültig den Kampf gegen den Bundesverteidigungsminister Strauß verliert. Interressant sind für uns und für das Ganze nicht die persönlichen Gegensätze, sondern der Vorgang als Symptom: aus diesen und jenen Gründen scheiden die wirklich katholisch-profilierten Politiker aus, die Partei konstituiert sich immer stärker als ein sehr weltlichör Bund verschiedener Interessengruppen und stellt auch deshalb ..ideologisch weniger interessierte” Politiker in den Vordergrund.

Da es aber bei den Wahlen um Stimmen, um Massen geht, hat seit Jahr, und Tag ein Wettrennen um die Gunst der Bischöfe eingesetzt. Diese sind durchaus in der Defensive: dies kommt gerade dann sehr sichtbar zum Ausdruck, wenn sie selbst von der „notwendigen Offensive” sprechen und damit die Offensive des Christentums meinen, gegen den so überhandnehmenden inneren Materialismus in Deutschland, wie gerade Kardinal Frings von Köln immer wieder erklärt hat Hier aber kommt es nur zur Kreuzung der Interessen und zum Kreuzweg der Mißverständnisse. Tagtäglich werden die kirchlichen Würdenträger angegangen — und da kommt es dann eben hier und dort zu Reden, Erklärungen, Resolutionen, die gut gemeint sind, aber im Staudruck des erbitterten parteipolitischen Machtkampfes dazu verwendet werden, Wind zu säen und Sturm zu ernten.

So hat Bischof Keller von Münster keineswegs beabsichtigt, die deutschen Soziademokraten zu beleidigen, er hat manche anerkennende Worte für ihre Entwicklung in der Nachkriegszeit gefunden, dann aber eben auch unter anderem gesagt, daß seiner Meinung nach ein deutscher Katholik heute nicht sozialistisch wählen könne. Kardinal Frings von Köln, der neben Keller am meisten politisch profilierte deutsche Kirchenfürst, hat sich zwar ehedem sehr deutlich für die neue Christliche Gewerkschaftsbewegung ausgesprochen, auf eine dezidierte Anfrage prominenter katholischer Gewerkschafter aus dem Deutschen Gewerkschaftsbund, ob er die Mitgliedschaft katholischer Christen in den Einheitsgewerkschaften für unvereinbar mit ihrer Glaubenspflicht halte, eingelenkt: In seiner Antwort steht der bedeutungsvolle Satz: „Ein wichtiges Anliegen bleibt mir, daß die Katholiken, die gewerkschaftlich wo auch immer organisiert sind, sich gegenseitig nicht verunglimpfen. Darüber hinaus begrüße ich ihre Zusammenarbeit, wo diese, etwa bei Betriebsratwahlen, den gemeinsamen christlichen Belangen dienlich sein kann.” — Auch Kardinal Frings, der eben erst aus Japan heimgekehrt ist, bekennt sich zu einer pluralistischen Gesellschaft in der freien Welt.

Recht vorsichtig hat das Zentralkomitee der deutschen Katholiken in seinem „Wort zur Bundestagswahl 1957” auf die Erklärung des Papstes hingewiesen, daß Wahlrecht Wahlpflicht bedeute; jeder katholische Wähler solle prüfen, welche Partei dem Einbruch des Staates in die Freiheit der Person und der Familie wehre, und wer eine familien- und eigentumsfeindliche Wirtschafts- und Sozialpolitik vertrete. Als etwas unebener, als zu „direkt” und pathetisch, wurde die Satzung dieses Aufrufes, „Auch über eure Wahlentscheidung fordert Gott einmal Rechenschaft”, kritisiert.

Nun, oben und ganz oben, ist man in der Führung der katholischen Kirche in Deutschland sorgsam darauf bedacht, die Kirche nicht einer Partei zu verpflichten, sie nicht freiwillig hörig zu machen. Anders aber sieht es in den unteren Rängen aus. In der Not ihres Gewissens haben sich da eine Reihe von Katholiken mit einem offenen Brief an die katholischen Bischöfe Westdeutschlands gewandt, unter ihnen Heinrich Böll, der bekannte Romancier, Inge Aicher-Scholl, die Gründerin der Ulmer Hochschule für Gestaltung, einzige Ueberlebende der durch ihren heroischen Widerstandsversuch gegen Hitler bekannt gewordenen Studentengruppe Scholl in München, und der Franzsikanerpater Beda Hernegger, Kaplan im Ruhrgebiet. Diese Katholiken bitten die Bischöfe, gegen die Kon- fessionalisierung des Wahlkampfes einzuschreiten. Einige Stellen aus diesem offenen Brief sind der Ueberlegung wert:

„Die Aufteilung der Bürger der Bundesrepublik in Christen, Sozialisten und Liberale ist geschichtlich überholt, politisch verhängnisvoll und religiös schädlich. Es vergiftet in gleichem Maße das kirchliche sowie das politische Leben unseres Staates, wenn religiöses Bekenntnis, Weltanschauung und parteipolitischer .Standort gleichgesetzt werden. Die weltanschaulichen Fronten laufen bereits heute quer durch alle Parteien. Katholische Christen haben sich, weil sie mit den Zielen des freiheitlichen Sozialismus übereinstimmen, der SPD angeschlossen, ebenso orientieren sich viele katholische Christen in der CDU nicht an der katholischen Gesellschaftslehre. sondern an liberalen Theorien. In der Tagespolitik zeigt sich zudem deutlich, daß die vertretenen Meinungen vielfach weder durch parteipolitische Zugehörigkeit noch durch die religiös-sittliche Ueberzeugung, sondern durch Interessenten bedingt sind. — In dieser Situation werden die überkommenen, dem heutigen Zustand der Gesellschaft nicht mehr entsprechenden weltanschaulichen Fronten künstlich konserviert, wenn kirchliche Verbände und Publikationen einer einzigen Partei direkte oder indirekte Wahlhilfe leisten, wie es geschehen ist und geschieht. Die Kirche läuft damit Gefahr, mit einer politischen Partei und deren praktischer Politik identifiziert zu werden.”

Die Situation der Katholiken und der katholischen Kirche in Westdeutschland wird nun im gegenwärtigen Wahlkampf noch dadurch erschwert, daß es die evangelische Kirche augenscheinlich leichter hat: sie ist von Haus aus auf Wähler in liberalen und sozialistischen Kreisen mehr eingestellt und unterstreicht in einer Reihe von Erklärungen zum Wahlkampf, daß sie jede Herabsetzung der Opposition ablehne. (Doktor Adenauers einfache Erklärung, ein Sieg der SPD bedeute den Sieg des Bolschewismus und den Untergang Deutschlands, brachte da natürlich Wasser auf die Mühlen der Kontrahenten.) So haben sich die evangelischen Kirchen des Rheinlandes zu einer Erklärung entschlossen: Regierungsparteien und Opposition sollten sich „als gleich notwendige Träger des .Staates anerkennen” ; die evangelische Kirche lege es niemandem nahe, „eine bestimmte Partei zu wählen oder nicht zu wählen”. Sie ersucht überdies die Parteien, mit Bezeichnungen, wie „christlich”, „deutsch”, „frei”, „sozial”, in ihrem Namen keinen Ausschließlichkeitsanspruch zu erheben. — Aufsehen erregt hat in dieser Hinsicht auch die Erklärung des vom Evangelisch- Lutherischen Landeskirchenrat in Bayern berufenen „Politischen Arbeitskreises”: „Der evangelische Christ ist kirchlich nicht an bestimmte politische Wahlentscheidungen gebunden.” Es sei Sache der evangelischen Christenheit, dafür besorgt zu sein, daß in verschiedenen Parteien Männer und Frauen in christlicher Verantwortung politisch tätig werden.

Nun, wer da hinhört, auf die Stimmen, die da in diesem Wahlkampf in seiner ersten Etappe laut geworden sind, erkennt unschwer einige Perspektiven, die weit über ihn hinausführen; sie bestimmen die Struktur des heutigen Westdeutschland und müssen zur Kenntnis genommen werden.

Da ist es zunächst ein weit verbreitetes Ressentiment gegen jeden Versuch, christliche Politik zu treiben; Ungeschicklichkeiten christlicher Wahlwerber und Wahltreiber lenken den Spott und die Kritik auf das, was doch verteidigt werden soll.

Da ist es, zum andern, eine letzte innere Unsicherheit im christlichen, auch im katholischen Teil des Gesamtvolkes; diese Unsicherheit wird nur teilweise verdeckt durch ein heftiges Engagement im Wahlkampf.

Eben deshalb wirkt das Klima dieses deutschen Wahlkampfes so beunruhigend; unter vier Augen sind sich alle Politiker, die diesen Namen verdienen, einig, daß alle Parteien, zumal die beiden größten, in vielen wesentlichen Punkten dasselbe wollen: nur über die Mittel und Methoden, die Wege zum Ziel ist man sich uneinig. Die von ihren Gegnern als „immer verneinend” und „destruktiv” angeklagte führende Oppositionspartei, die SPD, hat denn auch nachweisen können, daß sie in der abgelaufenen Legislaturperiode des Bundestages zu zwei Dritteln der wichtigeren Gesetze ihre Zustimmung und Mitarbeit gegeben hat (während von ihren eigenen Anträgen nicht ein Prozent angenommen worden sei).

Warum also dann der heftige Streit? Nur Wahlkampfpsychose, Taktik der Manager? Wir glauben es nicht. Hinter dem Rummel, dem falschen und weniger falschen Pathos, hinter den oft ungeheuerlich wirkenden gegenseitigen Verdächtigungen und Denunziationen (wobei die „Linken” als „Jakobiner”, „Bolschewiken” und Hochverräter, die Rechten als „diktaturlüstern” und „Kriegsverbrecher verklagt werden) steckt doch mehr als ein Wahlfieber: die große innere Unruhe im deutschen Volk, das seinen Weg in die Welt und in der Welt nur schwer zu finden vermag. Es gibt heute noch keine Standortbestimmung von der Funktion und Aufgabe des Deutschen und des deutschen Volkes in der einen Welt, in der pluralistischen Gesellschaft des Atomzeitalters.

Das spüren die Menschen irgendwie. Und es ist gerade der helle Schein des Wirtschaftswunders, der diese Unruhe im Machtkampf des Wahljahres so spürbar macht. Gerade auch für jene, die sich bereits „sicher” wähnen. Hinter den Bitternissen und Brutalitäten des deutschen Wahlkampfes steht die nüchterne Tatsache: die Menschen, die hier engagieren und engagiert werden, haben noch kein neues Weltbild gefunden. Eben deshalb sprechen sie davon, links und rechts. Und tun so, als ob sie es gefunden hätten.

Das aber ist, nicht nur für die deutschen Christen, eine Frage, die über das Wahljahr, seine Niederlagen und Siege hinausweist.

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