Kohle - © Foto: APA / AFP / Wojtek Radwanski

Polens Kampf mit dem Kohleausstieg

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Noch werden drei Viertel des polnischen Stroms in Kohlekraftwerken erzeugt. Doch der Zeitgeist ändert sich, und der Druck auf die Politik steigt.

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Noch werden drei Viertel des polnischen Stroms in Kohlekraftwerken erzeugt. Doch der Zeitgeist ändert sich, und der Druck auf die Politik steigt.

„Ein Desaster für die gesamte Region“, „80.000 in ihrer Existenz betroffene Arbeiter und Angehörige“, eine „Raubtierkampagne“. Beim Kohletagebau Turów schwappen die Wogen hoch. Die riesige Kohlegrube wächst rapide, bis direkt an die tschechische Grenze heran. Sehr zum Missfallen des Nachbarstaats, dessen Bewohner über Wassermangel und Luftverschmutzung durch das angrenzende Kohlekraftwerk klagen. Bilaterale Gespräche brachten bislang keinen Erfolg, die Lage ist verfahren.

Turów liegt 80 Kilometer östlich von Dresden im polnisch-deutsch-tschechischen Dreiländereck, wo ein Zipfel Polens nach Süden ragt. Bereits ab den 1830er Jahren wurde im Inneren der damals deutschen Mine Braunkohle abgebaut, seit 1907 im Tagebau. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der schmale Zipfel Teil von Polen, inklusive der wertvollen Mine. Heute ist es eine der größten offenen Braunkohlegruben Europas, die Reserven werden auf weitere 760 Millionen Tonnen geschätzt.

Aufgrund der stetigen Expansion der Mine bis an die Grenzen Deutschlands und Tschechiens gibt es seit Kurzem einen Spruch des Europäischen Gerichtshofs (EuGH), dass der Betrieb der Mine sofort temporär gestoppt werden muss. Da dies nicht passiert ist, will Tschechien Polen vor dem EuGH klagen, und zwar auf fünf Millionen Euro für jeden Tag, an dem Bergwerk und Kraftwerk weiter in Betrieb sind.

Werke als Job-Motor

Die Grube Turów ist symptomatisch für den vielleicht schwierigsten nationalen Energiewandel in Europa. Polen setzte, stärker noch als Deutschland, jahrzehntelang auf Kohle. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs entfiel die Subventionierung durch den Staatssozialismus. Gestiegene Löhne bei gleichzeitig niedriger Fördermenge führten zu höheren Preisen, die Werke waren nicht mehr konkurrenzfähig, die Zahl der Beschäftigten sank von mehr als 400.000 auf rund 80.000. Doch das nun unabhängig gewordene Polen setzte weiterhin auf Kohle. „Ohne massive Subventionen und ohne andauernde Importe günstigerer Kohle aus der Ukraine und Russland wäre das Ende aber wohl schon gekommen“, sagt Krzysztof Szamałek, Geologe an der Universität Warschau und früherer Staatssekretär im polnischen Umweltministerium.

Nach wie vor hängt viel am schwarzen Gold, da eine Mehrheit weiterhin mit Kohle heizt, fast drei Viertel des Stroms in Kohlekraftwerken erzeugt werden und zehntausende Jobs an den Kohlegruben hängen. Die Umstellung wird keine leichte, doch mittlerweile kommt auch die Regierung nicht um das Thema herum – auch und vor allem wegen verbindlicher EU-Ziele. „Wir wollen ein Energiesystem ohne Emissionen und den Anteil der Kohle bis 2040 auf nur mehr elf Prozent senken“, sagte Polens Präsident Andrzej Duda bei einem Onlineklimagipfel im April.

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