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Putin-Experte Pomerantsev: „Zukunftsideen verpuffen“

1945 1960 1980 2000 2020

Das Internet hat die Verbreitung von Gerüchten und Unwahrheiten revolutioniert. Die Negativspirale wird sich immer weiter drehen, meint Journalist Peter Pomerantsev.

1945 1960 1980 2000 2020

Das Internet hat die Verbreitung von Gerüchten und Unwahrheiten revolutioniert. Die Negativspirale wird sich immer weiter drehen, meint Journalist Peter Pomerantsev.

Peter Pomerantsev wurde in der Sowjetunion geboren. Sein Vater ist der Schriftsteller Igor Pomeranzew. Im Alter von zehn Monaten zog die Familie 1978 nach Wien, später nach London. Nach dem Studium arbeitete er neun Jahre beim Fernsehkanal TNT in Moskau. Er schreibt kritische Kommentare und Hintergrundberichte für Newsweek und das Netzwerk Putins.


DIE FURCHE: In Ihrem neuen Buch geht es darum, wie Demokratien durch Desinformationskampagnen in sozialen Medien unter Druck gesetzt werden. Es trägt den Titel: „Das ist keine Propaganda. Wie unsere Wirklichkeit zertrümmert wird“. Warum?
Peter Pomerantsev: Inspiriert haben mich dazu die Bilder des belgischen Malers René Magritte. Eines davon zeigt eine Pfeife, Magritte nennt das Bild „Dies ist keine Pfeife“. Ich denke, er wollte mit diesen Bildern ausdrücken, wie Begriffe und ihre Bedeutung auseinandergerissen werden können. Auch wir leben heute in einer Welt, in der alte Wörter ihre Bedeutung verloren haben, wie „Westen“, „Europa“ oder „Demokratie“. Was heißt es heute noch, rechts oder links zu sein? Es gibt nicht mehr diese Stabilität der Begriffe, von der wir noch im 20. Jahrhundert ausgegangen sind.


DIE FURCHE: Inwiefern trifft das auf das Wort „Propaganda“ zu?
Pomerantsev: Heute sind es nicht nur Staaten, die Propaganda verbreiten können, sondern praktisch jeder mit einem Internetzugang. Das hat solche Ausmaße angenommen, dass Propaganda heute nur noch dafür steht, was der jeweilige Sprecher will, was es bedeutet.


DIE FURCHE: Sie schreiben: „Verschwörungstheorien treten an die Stelle von Ideologie.“ Was meinen Sie damit? Pomerantsev: Verschwörungstheorien hat es natürlich schon immer gegeben. Aber früher haben sie sich in eine Ideologie eingefügt, bei den Nazis oder Kommunisten. Heute deuten autoritäre Politiker wie Donald Trump oder Wladimir Putin jeden geringen Widerstand gegen ihre Politik zu einer großen Verschwörung um. Straßenproteste? Von George Soros bezahlt! Kritik? Die dekadenten Liberalen wollen mich stürzen! Eine bequeme Weltsicht und ein effizientes Machtinstrument.


DIE FURCHE: Die Verschwörungstheorie als Machtinstrument – das müssen Sie erklären.
Pomerantsev: Wenn du an Verschwörungstheorien glaubst, dann ist dir der Weg zur Wahrheit versperrt, weil überall mysteriöse, düstere Verschwörungstheorien lauern. Du kannst dir auf nichts mehr einen Reim machen. Und wenn es keine Möglichkeit gibt, zur Wahrheit vorzudringen, gibt es auch nichts, wofür es sich lohnt zu kämpfen. Und wenn du selbst nichts ändern kannst, dann brauchst du eben einen Herrscher wie Putin, Erdoğan oder Trump, der dich mit starker Hand durch dieses dunkle, konspirative Labyrinth führt.


DIE FURCHE: Gerade die Coronakrise zeigt die paradoxe Situation, dass es viele Verschwörungstheorien, aber auch viel Zuspruch für etablierte Institutionen und Medien gibt. Wie bewerten Sie das?
Pomerantsev: In meinem Buch geht es um den Konflikt zwischen Identität und Realität, und der Tod ist die ultimative, die letzte Realität, bei der die Desinformation an ihre Grenzen stößt. Das sind keine guten Zeiten
für Post-Truth-Populisten. Aber das ist nur eine Momentaufnahme. Wenn die Pandemie irgendwann vorbei sein wird, werden wir immer noch unter einer massiven Wirtschaftskrise leiden. Es wird viel Zorn in der Gesellschaft geben, und umso anfälliger werden die Menschen für Manipulationen sein. Es kann noch richtig übel werden.


DIE FURCHE: Sie haben jahrelang als TV-Produzent in Russland gearbeitet, 2014 mit „Nichts ist wahr und alles ist möglich“ ein Buch über die Propaganda-Industrie in Russland geschrieben, noch lange vor der Fake-News-Debatte in den USA. Ist Russland eine Art Avantgarde?
Pomerantsev: Wir leben heute in einer Welt, in der unsere Zukunftsvorstellungen verpufft sind. Das sind Prozesse, die wir so ähnlich auch in den 90er Jahren in Russland gesehen haben: Der Kommunismus war gescheitert, aber schnell wurde auch die Utopie des demokratischen Kapitalismus entzaubert. In diesem Klima gab es eine Abkehr vom faktischen Diskurs, Spin-Doktoren haben eine neue Idee entwickelt, die Politik der Mehrheit, im Gegensatz zur Minderheit, die Idee der „Vielen“ gegen die „Wenigen“. Im Westen gibt es ähnliche Prozesse, aber der Kollaps verläuft schleichend, die Vorstellungen von rechts, links und alten sozialen Identitäten sind inzwischen aber auch hier erodiert.


DIE FURCHE: Inwiefern?
Pomerantsev: Die globale Finanzkrise 2008 spielt hier eine große Rolle, der Glaube an den ständigen Fortschritt ist uns abhandengekommen, und wir haben auch heute im Westen eine Generation, die nicht mehr an eine bessere Zukunft glaubt. Außerdem erleben wir heute eine Nostalgie nach den alten Zeiten, wie wir sie in den 90er Jahren in Russland gesehen haben, als der Glaube an eine glorreiche Zukunft verschwand. Russland von seinen Knien zu erheben war ein Slogan von Populisten wie Wladimir Schirinowksi und wurde später von Putin übernommen, ein Vorläufer von Trumps „Make America Great Again.“


DIE FURCHE: Was nicht heißt, dass wir in den europäischen Staaten auf eine Autokratie zusteuern?
Pomerantsev: Natürlich nicht, aber der Trend trifft Demokratien wie Nichtdemokratien gleichermaßen. Heute wie damals geht es um Identitäten, und das ist schlecht für den faktischen Diskurs, weil dort nicht mit Fakten, sondern mit Emotionen gearbeitet wird. In meinem Buch versuche ich, die kulturelle Matrix zu beschreiben, in der Propaganda funktioniert.


DIE FURCHE: Was lehrt uns das russische Beispiel?
Pomerantsev:
Putin hat es verstanden, die liberale Opposition vom Rest des Landes abzutrennen. Er hat nicht versucht, alles zu kontrollieren, sondern er hat gesagt: Seht her, das ist die liberale Opposition, mit ihren Minderheitenrechten. Ich aber bin für euch, das Volk, die Mehrheitsbevölkerung! Das hat er sehr effektiv gemacht, ohne dass die Opposition realisiert hätte, welches Spiel hier gespielt wird.Eine Framing-Falle, in die sie getappt sind. Das sollte uns allen eine Warnung sein, Trump macht das mit seinen Gegnern ähnlich. So ist Putin zu einem Pionier einer neuen Generation autoritärer Herrscher geworden, die gegen die eigene Bevölkerung eher mit Propaganda vorgehen statt mit Gewalt.