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USA im Ausnahmezustand

QAnon - © Foto: APA / AFP / Roberto Schmidt
International

QAnon: Trumps Sturmtruppen

1945 1960 1980 2000 2020

Donald Trump ist nicht der zufällige Held der QAnon-Verschwörungstheoretiker. Sie nennen ihn ihren General - und er hält sich genau an ihr Drehbuch zum Staatsstreich. Auch beim Sturm auf das Kapitol.

1945 1960 1980 2000 2020

Donald Trump ist nicht der zufällige Held der QAnon-Verschwörungstheoretiker. Sie nennen ihn ihren General - und er hält sich genau an ihr Drehbuch zum Staatsstreich. Auch beim Sturm auf das Kapitol.

Verschwörungstheorien, so wird beständig versichert, seien etwas für Spinner. Man belächelt sie, findet sie lächerlich und verrückt. Lange schüttelte man den Kopf über „Pizzagate“, jene reale Geschichte, in der ein Mann – im Glauben, Hillary Clinton wäre Teil eines Pädophilenrings der Demokraten – schwer bewaffnet in ein Restaurant stürmte, um Kinder aus einem angeblichen Verlies zu befreien. Man belächelt „Chemtrail“, jene Geschichte, nach der wir angeblich vergiftet werden durch Chemikalien, die dunkle Mächte über uns aussprayen lassen. Der Beispiele ist kein Ende. Aber seit 6. Jänner, und vielleicht viel zu spät, musste klar werden, dass Verschwörungstheorien einen entscheidenden Bestandteil der Realität darstellen, indem sie einen Staatsstreich in der mächtigsten Demokratie der Welt stiften können.

Wer sich mit der Geschichte von QAnon etwas eingehender auseinandersetzt als mit dem Halbsatz, der in beinahe jedem Zeitungsbericht zu lesen ist, wird feststellen, dass dieses Netzwerk das Drehbuch für den Sturm auf das US-Kapitol mitverfasst hat. Und immer klarer wird, dass US-Präsident Donald Trump daran sehr viel aktiver mitgeschrieben hat, als er zugeben möchte. Es zeigt sich, dass QAnon längst kein amerikanisches Phänomen mehr ist. Es wurde und wird von Rechtsradikalen zur Mobilisierung und Radikalisierung von Bürgern im Zuge der ­Covidkrise benutzt, ob in Italien, Deutschland oder Österreich.

Planung statt Irrsinn

QAnon ist das Ergebnis einer in negativer Hinsicht fulminanten knapp dreijährigen ­Geschichte. Und es ist eine sehr ­präzise, und gar nicht wie zu erwarten irre Geschichte. Am 28. Oktober 2017, Donald Trump ist seit zehn Monaten Präsident der USA, antwortet auf dem Internetportal 4chan in der Untergruppe /pol/ ein Benutzer auf eine Nachricht, wonach ein Polizeiaufgebot unterwegs sei, um Hillary Clinton zu verhaften. Der User gibt an ­„Q-Clearance“ zu haben, also Zugang zu Topsecret-Informationen – und deutet an, er sei ein Militär im inneren Zirkel um Präsident Trump. Q macht Kommentare und Voraussagen. 5000 sind es bis heute. Er oder sie lehnt sich dabei an bereits kursierende Verschwörungserzählungen an, wie etwa „Pizzagate“. Es gibt nur eine charakteristische Veränderung. Q gibt den Konsumenten dieser Erzählungen einen Helden: Es ist Donald J. Trump, der vom Weißen Haus aus als „General“ einen Endkampf gegen das Böse führe, gegen Satanisten, Homosexuelle, Juden und Kinderschänder, die sich den Staat aufgeteilt hätten.

Verschwörungstheorien, so wird beständig versichert, seien etwas für Spinner. Man belächelt sie, findet sie lächerlich und verrückt. Lange schüttelte man den Kopf über „Pizzagate“, jene reale Geschichte, in der ein Mann – im Glauben, Hillary Clinton wäre Teil eines Pädophilenrings der Demokraten – schwer bewaffnet in ein Restaurant stürmte, um Kinder aus einem angeblichen Verlies zu befreien. Man belächelt „Chemtrail“, jene Geschichte, nach der wir angeblich vergiftet werden durch Chemikalien, die dunkle Mächte über uns aussprayen lassen. Der Beispiele ist kein Ende. Aber seit 6. Jänner, und vielleicht viel zu spät, musste klar werden, dass Verschwörungstheorien einen entscheidenden Bestandteil der Realität darstellen, indem sie einen Staatsstreich in der mächtigsten Demokratie der Welt stiften können.

Wer sich mit der Geschichte von QAnon etwas eingehender auseinandersetzt als mit dem Halbsatz, der in beinahe jedem Zeitungsbericht zu lesen ist, wird feststellen, dass dieses Netzwerk das Drehbuch für den Sturm auf das US-Kapitol mitverfasst hat. Und immer klarer wird, dass US-Präsident Donald Trump daran sehr viel aktiver mitgeschrieben hat, als er zugeben möchte. Es zeigt sich, dass QAnon längst kein amerikanisches Phänomen mehr ist. Es wurde und wird von Rechtsradikalen zur Mobilisierung und Radikalisierung von Bürgern im Zuge der ­Covidkrise benutzt, ob in Italien, Deutschland oder Österreich.

Planung statt Irrsinn

QAnon ist das Ergebnis einer in negativer Hinsicht fulminanten knapp dreijährigen ­Geschichte. Und es ist eine sehr ­präzise, und gar nicht wie zu erwarten irre Geschichte. Am 28. Oktober 2017, Donald Trump ist seit zehn Monaten Präsident der USA, antwortet auf dem Internetportal 4chan in der Untergruppe /pol/ ein Benutzer auf eine Nachricht, wonach ein Polizeiaufgebot unterwegs sei, um Hillary Clinton zu verhaften. Der User gibt an ­„Q-Clearance“ zu haben, also Zugang zu Topsecret-Informationen – und deutet an, er sei ein Militär im inneren Zirkel um Präsident Trump. Q macht Kommentare und Voraussagen. 5000 sind es bis heute. Er oder sie lehnt sich dabei an bereits kursierende Verschwörungserzählungen an, wie etwa „Pizzagate“. Es gibt nur eine charakteristische Veränderung. Q gibt den Konsumenten dieser Erzählungen einen Helden: Es ist Donald J. Trump, der vom Weißen Haus aus als „General“ einen Endkampf gegen das Böse führe, gegen Satanisten, Homosexuelle, Juden und Kinderschänder, die sich den Staat aufgeteilt hätten.

Auf ‚QAnon Austria‘ lobt man Trumps ‚Patrioten‘ und freut sich über hiesige Exemplare dieser Gattung – Teilnehmer der von QAnon und Neonazis breit beworbenen Corona-Demos und -Spaziergänge zu denen Tausende verärgerte Bürger kommen.

Er, Trump, werde sie, so Q, in einem Endkampf – „Sturm“ genannt – entmachten, vor Militärgerichte stellen und ­aburteilen lassen. Viele von ihnen würden direkt nach dem Verfahren gehängt werden. Der Rest werde nach „Gitmo“, also ­Guantanamo Bay, ins Straflager für Terroristen gebracht werden. Auch außenpolitisch ist Q in der Folge aktiv: Mit seiner ­Friedensinitiative zu Nordkorea habe Trump das von der CIA kontrollierte Nordkorea befreit. Nun sei der Iran dran. Auf dem Weg zur Befreiung kommuniziere Trump mit seinen Getreuen, so Q, über geheime Botschaften, die sich in den Tweets und Mitteilungen des Präsidenten befänden. So dumm und widersinnig konnten Trumps Äußerungen gar nicht sein, wurden sie in seinen Fankreisen als codierte Nachrichten aufgefasst. Und am allerwichtigsten dabei: „Desinformation ist wichtig“.

Eine Erzählung von Gut und Böse, eine Identifikationsfigur, ein Ziel. Viel mehr Zutaten brauchte Q nicht, um den Lauf der Gegenwart „alternativ“ zu interpretieren und eine neue, eine heroisch durchsetzte Realität zu schaffen, in der jeder einzelne unbedeutende Amerikaner plötzlich entscheidend an der Weltgeschichte mitbauen kann. Alles ist seither im Sinn dieser Verschwörung interpretierbar. Corona als Rache der Chinesen, Joe Bidens Sieg als Versuch, den Superhelden Trump zu Fall zu bringen. Es war in diesem Sinn gar nicht irrational von Trump, seine Wahlniederlage nicht einzugestehen, sondern vielmehr logisch im Sinne QAnons. Im Wahlausgang sahen seine Anhänger nun auch die ­seherischen Fähigkeiten ihres Generals bestätigt. Schließlich hatte Trump die Wahlen schon seit April über 70 Mal vor ihrer Abhaltung als gefälscht angeprangert.

Seit Dezember gab es keinen Auftritt Trumps, in dem er nicht das Narrativ QAnons bediente, von den schlechten Menschen, die die Wahl gestohlen hätten, und dass sie zur Rechenschaft gezogen würden. Wer weitreichenden Wahlbetrug anklagt, meint damit immer auch ein mächtiges Netzwerk der Korruption, jenen „Deep State“, den Trump immer wieder in seinen Reden einstreute. Wer sonst sollte zu Derartigem fähig sein? Die Niederlage war in den Netzwerken schnell als Auftakt zum Endkampf des „Lichts“, das Trump repräsentiert, mit den Kräften der Finsternis umgedeutet. So wird letztlich auch klar, dass jede Niederlage Trumps vor Wahlbehörden und Gerichten keine Niederlage innerhalb dieser Endzeit-Erzählung bedeutete, sondern als heroischer Abwehrkampf des Präsidenten gewertet werden konnte. Über Spendenaufrufe erhielt Trump dafür Millionen Dollar von seinen aufgewühlten Anhängern. Mit jeder Niederlage musste sich der Eindruck verfestigen, dass Trumps Gegner umso bösartiger, mächtiger seien. Solange Trump behauptete, er werde nicht aufhören zu kämpfen, blieb er der Held für Amerikas leidende Bürger. 20 Prozent der Amerikaner glaubten zuletzt laut Umfragen, dass die Wahl geschoben und das System vollends korrupt sei.

Von Unabsichtlichkeit keine Spur

Es ist kein Zufall oder Dummheit, dass Trump seit 2017 nichts tut, um die Verbreiter von QAnon zu kritisieren. Seien es die QAnons selbst („Diese Leute lieben unser Land“) oder die rechtsradikalen Proud Boys („Haltet euch zurück und haltet euch bereit“) noch andere White Supremacists („anständige Leute“). Im Gegenteil: Mit seiner Hilfe gewannen sie nun an Akzeptanz. Aus Neonazis waren „Patrioten“ geworden. Und plötzlich war der „Sturm“ QAnons möglich. Der Präsident, der seit 19. Dezember für den „wilden Protest“ in der Hauptstadt am 6. Jänner geworben hatte, gab schließlich 30.000 selbst den Marschbefehl: „We are going to the Capitol ... if you dont fight like hell, you are not going to have a country anymore.“ Und die Truppen führten den Plan aus. Sogar einen Galgen hatten sie mit dabei.

Nicht nur die Empörung über den Staatsstreich findet nach dem 6. Jänner globale Verbreitung. Auch QAnon erhält einen massiven Schub. Als Twitter, Facebook und Google diverse Gruppen aus ihren Plattformen verbannen, sammeln sich die europäischen Anhänger und Neugierigen in rechten und deklarierten QAnon-Gruppen auf dem Nachrichtendienst Telegram.

Diese Gruppen haben wenige tausend bis zu mehrere zehntausend Mitglieder. Ihr Ziel ist durchgehend die Diskreditierung des demokratischen Staatswesens und seiner Institutionen. Die Nachrichten über QAnons Thesen aus den USA werden hier übersetzt und geteilt und in Zusammenhang mit ­Corona und Impfungen gestellt. In der Gruppe „DONALD J. TRUMP = Q“, etwa 60.000 Mitglieder, wird verbreitet, Corona sei ein Virus der Finanzmärkte, es gäbe auch einen massiven Einsatz von Chemtrails zur Sedierung der Bevölkerung. Auf „Qlobal-Change“, 158.000 Mitglieder, wird den Eliten Kinderhandel und Pädophilie unterstellt. Impfungen gegen Corona seien tödlich.

Auf „QAnon Austria“, 11.000 Abonnenten, wirbt man schließlich für Trumps „Patrioten“ und freut sich über hiesige Exemplare dieser Gattung: über die ­tausenden Teilnehmer an ­Corona-Demonstrationen im ganzen Land, für die „QAnon Austria“ geworben ­hatte: „Bravo: Österreich steht auf, große Demowelle gegen Lockdown. Wir sind das Volk!“ Der Lockdown sei keine Gesundheitsmaßnahme, sondern die Untergrabung der patriotischen Freiheit, die Impfung wiederum eine schleichende Vergiftung der Kinder. Ausgeschlachtet wird jedes Fitzelchen an Kritik an Staat und Regierung: FP-Klagen gegen Covid-Erlässe, rechte Kommentierer, Studien über das schädliche Maskentragen. Dazu noch ein Plan zur Weltrettung in drei Kapiteln: „Vernichten der Spottdrosseln, Wir sind der Plan, Dunkelheit ins Licht.“ Nicht zu vergessen: ein Spendenaufruf für Überweisungen auf ein Konto der Raiffeisenbank. Es geht laut Betreiber um nichts Geringeres als „die Wahrheit und das Gute“.