#Polizei

Macht und Vorurteil

BLM Paris - © Foto: Getty Images / Abdulmonam Eassa / Barcroft Media
International

Rassismus: Im Irrgarten der Identitäten

1945 1960 1980 2000 2020

Die jüngsten Demonstrationen zeigen einmal mehr: Teile der Bewegung gegen Rassismus haben ein Antisemitismus-Problem. Viele Juden wiederum erwarten von progressiver Politik schon lange nichts mehr. Und so verhärten sich die Fronten.

1945 1960 1980 2000 2020

Die jüngsten Demonstrationen zeigen einmal mehr: Teile der Bewegung gegen Rassismus haben ein Antisemitismus-Problem. Viele Juden wiederum erwarten von progressiver Politik schon lange nichts mehr. Und so verhärten sich die Fronten.

Zwei Worte sind genug, um das ganze Elend eines Diskurses zu belegen. Zwei Worte, reflex­haft herausgeschrien, als es eigentlich darum gehen sollte, gegen Rassismus aufzutreten und für die Rechte von Minderheiten, in den USA und auf der ganzen Welt. Und doch ist der Ruf „sales juifs“ – „dreckige Juden“ – in der spontanen Empörung mehrmals deutlich zu vernehmen, beim Aufmarsch für Black Lives Matter in Paris.

Es ist unmöglich, von einer einminütigen Video-Sequenz auf den breiteren Kontext einer Kundgebung zu schließen oder gar einer heterogenen internationalen Bewegung. Deutlich ist, dass keine fanatische Menge diese Worte skandierte, sondern Einzelne. Auf Widerspruch stießen sie aber offenbar auch nicht. Zugleich gab es auf der Demonstration aber Plakate, die Israel ein ­„Labor der Polizeigewalt“ nannten oder „Massaker“ vorwarfen. Dass dazu noch palästinensische Flaggen auftauchten, war einigen Beobachtern Bestätigung genug, dass sich hinter dem Label „Anti­rassismus“ allzu oft Judenfeindlichkeit verbirgt.
Jüdische Solidarität

Es gibt in diesen aufgewühlten Wochen auch zahlreiche andere Beispiele. Die jüdische Zeitschrift tachles aus Zürich widmete sich amerikanisch-jüdischer Solidarität mit der Black-Lives-Matter-­Bewegung. Der britische Jewish Chronicle berichtete kürzlich über eine spontane Kundgebung 150 junger Juden in einem Londoner Vorort und zitierte zwei Organisatorinnen, Rebecca Moss und Rachel Rose: „Es ist wichtig, dass wir als jüdische Gemeinschaft unsere Unterstützung für Black Lives Matter zeigen und in Solidarität hinter den schwarzen britischen Gemeinschaften stehen.“

Zwei Worte sind genug, um das ganze Elend eines Diskurses zu belegen. Zwei Worte, reflex­haft herausgeschrien, als es eigentlich darum gehen sollte, gegen Rassismus aufzutreten und für die Rechte von Minderheiten, in den USA und auf der ganzen Welt. Und doch ist der Ruf „sales juifs“ – „dreckige Juden“ – in der spontanen Empörung mehrmals deutlich zu vernehmen, beim Aufmarsch für Black Lives Matter in Paris.

Es ist unmöglich, von einer einminütigen Video-Sequenz auf den breiteren Kontext einer Kundgebung zu schließen oder gar einer heterogenen internationalen Bewegung. Deutlich ist, dass keine fanatische Menge diese Worte skandierte, sondern Einzelne. Auf Widerspruch stießen sie aber offenbar auch nicht. Zugleich gab es auf der Demonstration aber Plakate, die Israel ein ­„Labor der Polizeigewalt“ nannten oder „Massaker“ vorwarfen. Dass dazu noch palästinensische Flaggen auftauchten, war einigen Beobachtern Bestätigung genug, dass sich hinter dem Label „Anti­rassismus“ allzu oft Judenfeindlichkeit verbirgt.
Jüdische Solidarität

Es gibt in diesen aufgewühlten Wochen auch zahlreiche andere Beispiele. Die jüdische Zeitschrift tachles aus Zürich widmete sich amerikanisch-jüdischer Solidarität mit der Black-Lives-Matter-­Bewegung. Der britische Jewish Chronicle berichtete kürzlich über eine spontane Kundgebung 150 junger Juden in einem Londoner Vorort und zitierte zwei Organisatorinnen, Rebecca Moss und Rachel Rose: „Es ist wichtig, dass wir als jüdische Gemeinschaft unsere Unterstützung für Black Lives Matter zeigen und in Solidarität hinter den schwarzen britischen Gemeinschaften stehen.“

Wenn Israel als ,Labor‘ und damit als Quelle von Polizeigewalt bezeichnet wird, dann ist das klarer Antisemitismus.

Als der Londoner Labour-Politiker David Lammy, Justizminister im Schattenkabinett, letzte Woche auf einer Online-Veranstaltung des Jewish Council for Racial Equality (JCORE) sprach, erinnerte er an die historische „rainbow alliance“ von schwarzen und jüdischen Bürgerrechtsbewegungen, die auf „historischem Schmerz und Verständnis“ und der gemeinsamen Erfahrung „des Exils basiere“. Lammy rief dazu auf, auch in der aktuellen Situation zusammenzuhalten.

In den Niederlanden macht derweil die junge kulturelle Organisation Oy Vey von sich reden. Ihr ­Online-Appell zur Solidarität mit „der schwarzen Gemeinschaft und allen farbigen Gemeinschaften in Amerika und den Niederlanden“, der das Ende von „institutionalisiertem Rassismus und systematischer Polizeigewalt“ fordert, wurde fast 200 Mal unterzeichnet. Zu Beginn dieser Woche präsentierten Oy Vey zudem eine spezial angefertigte Kippa mit „Black Lives Matter“-Aufdruck – „für ­Synagoge, Straße und Demonstration“ –, die nun zu bestellen ist. Es wird interessant sein zu sehen, wie Protestierende auf diese ­Kippot reagieren werden. Denn darin zeigt sich auch die Antwort auf die Frage, ob jüdische Menschen in dieser Bewegung willkommen sind.

Identität statt Inhalt

Es sind keine einfachen Zeiten, um das zu beantworten. Denn nicht erst seit der Ermordung George Floyds und den folgenden beinahe globalen Protesten ist der Diskurs eher auf Identität denn auf Inhalt gerichtet. Somit werden Hautfarbe oder ethnische Zugehörigkeit zunehmend wichtige Faktoren, um die Position von Menschen in jenem Diskurs zu bestimmen.

Entscheidende Kriterien sind dabei sowohl Kolonialismus und Sklaverei als auch allgemein die Erfahrung von Diskrimninierung und rassistischer Ausschließung. Ersteres Thema ist bis heute in ­Europa weitestgehend vernachlässigt, obwohl die Nachfahren der Sklaverei-Opfer seit Generationen hier leben. Letzteres bezieht auch jene mit ein, die, mit Max Frisch gesagt, als Arbeitskräfte gerufen wurden und als Menschen hieherkamen. Und im Zuge einer Debatte um Immigration, Integration und Diskriminierung, in der der Begriff Islamophobie seit Jahren zentral steht, spielt dieser auch für anti­rassistische Bewegungen eine wichtige Rolle.

Die Analyse, die sich daraus ergibt, erinnert jedoch an die eindimensionale Schematik der früher aktiven antiimperialistischen ­Linken. Die klare und oft gruppenbezogene Einteilung in Unterdrücker und Unterdrückte ist verlockend, lässt aber leider oft wenig Raum für eine nuancierte Analyse.

Wie komplex diese Frage ist, zeigt ein Beispiel aus dem Großbritannien der 1960er Jahre: „No Blacks, No Irish“ stand vielfach in den Fenstern offen rassistischer Zimmervermieter. Was jüdische Menschen betrifft, ist ein Artikel von Valerie Wendenburg in besagter tachles-Ausgabe sehr aufschlussreich: Sie zitiert das Zürcher „People of Color“-Kollektiv wie folgt: „Weiß aussehende“ Juden profitieren demnach von weißen Privilegien, doch erfahren zugleich Unterdrückung. Bemerkenswertes Detail: Anders als etwa italienische Migranten seien sie nicht allmählich weiß geworden, sondern im Gegenteil durch den zunehmenden Antisemitismus sogar mehr von „Rassifizierung“ betroffen.

Der Amsterdamer Journalist Gideon Querido van Frank ver­öffentlichte 2019 einen aufsehenerregenden Artikel in der linken Zeitschrift Vrij Nederland. „Meine weiße Haut gibt mir beispiellose Privilegien“, schreibt er. „Aber Weiß und Schwarz sind mehr als Farben. Weiß ist die Norm, die Mehrheit, die frei ist von einem Gefühl persönlichen Schmerzes, das von einer Generation zur anderen weitergegeben wird. Ich kann das nicht, denn ich lebe unter den Folgen dieser Vergangenheit, die in meiner DNA verankert ist.“

Juden, so van Frank weiter, seien den längsten Teil der Geschichte ausgeschlossen, verfolgt und ermordet worden. „Daran ist verdammt wenig weiß.“ Er verweist auf zahlreiche jüdische Protagonisten in sozialen Kämpfen und Emanzipationsbewegungen. „Ich habe mich selbst immer als links gesehen, gerade weil ich Jude bin.“ Die Beziehung sieht er jedoch zunehmend einseitig. Während die jüdische Bevölkerung Europas „eine Minderheit wie nie zuvor“ sei, sei Antisemitismus so verbreitet wie nie nach dem Zweiten Weltkrieg. Fazit: „Dass die Linke sich nun weigert, sich für uns einzusetzen, fühlt sich wie ein Verrat an.“

Just an dieser Stelle nun kommt der Staat Israel ins Bild – und die vielfach gehörte Argumentation, „nichts gegen Juden, nur etwas gegen ­Israel“ zu haben. Was schwarze, antikoloniale Bewegungen betrifft, kommen dabei alte ­Allianzen wie die zwischen ANC und PLO ins Bild – wobei just die ­Anti-Apartheid-Bewegung auch viele wichtige jüdische Mitglieder hatte – oder die Black Muslims. Im Black-Lives-Matter-Umfeld ist „Palestine“ seit Jahren ein wichtiger inhaltlicher Referenzpunkt. Zum Ausdruck kommt er etwa in der Solidaritätskampagne „When I See Them, I See Ss“.

Verschwörungstheorien

Die „Nichts gegen Juden, nur gegen Israel“-Position steht in dieser Tradition. Freilich erweist sie sich häufiger als Augenauswischerei. Etwa dann, wenn wie zurzeit auf Demonstrationen Israel als Labor von Polizeigewalt bezeichnet wird. Nicht, weil es dort etwa keine gebe. Doch mit der Darstellung als Quelle des Übels ist die Grenze zum Antisemitismus deutlich überschritten, und zwar in seiner verschwörungstheoretischen
Variante.

Es sind diese Tendenzen, die auch bei vielen Juden eine ­Abkehr von progressiver, linker Politik ­bewirkt haben. Zugleich wirft sich die populistische Rechte seit Jahren als Schutzmacht gegen ­Antisemitismus auf, mit dem oft hanebüchenen Verweis auf die ­„jüdisch-christliche Kultur“ – ganz so, als habe es keinen ­Holocaust, keine Pogrome, keine Jahrhunderte christlicher Judenverfolgung gegeben.

Vielleicht hilft es in diesen Tagen, den Blick auf jemanden wie Adolfo Kaminsky zu richten. Der inzwischen 94-jährige Sohn russischer Juden, geboren in Argentinien, als Kind nach Frankreich gekommen, wurde dort während der Nazi-Besetzung zum Meister-fälscher der Résistance. Nach der Befreiung schloss er sich dem ­algerischen Front de Libération Nationale (FLN) im antikolonialen Kampf an. Später unterstützte er weitere linke Bewegungen in ­Afrika und Lateinamerika. ­Kaminskys Vita kann zeigen, dass es absurd ist, Shoah und Sklaverei in Konkurrenz zueinander zu sehen.


Daniel Zylbersztajn, London-Korrespondent der Jüdischen Allgemeinen und der linken Tageszeitung, hat schwarze und jüdische Befreiungsbewegungen mitein­ander verglichen und lange Erfahrung mit antirassistischem Engagement. Zur Frage, ob Juden „weiß“ sind, sagt er: „Niemand ist weiß, es gibt nur weise und dumme. In Äthiopien sind Juden schwarz oder braun, in Indien auch, in Jemen auch, und in Nord­afrika olivfarben. Wer die Weiß-Frage stellt, erkennt die Hälfte ­aller jüdischen Menschen nicht an.“

Der Autor ist freier Journalist in Amsterdam