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Sanktionen adieu. Good day, Olympia!

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Die Sanktionen sind weg, der Streit beigelegt. Aus Klägern werden Partner. Olympia kann beginnen.

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Die Sanktionen sind weg, der Streit beigelegt. Aus Klägern werden Partner. Olympia kann beginnen.

Würde es die Olympischen Spiele nicht schon lange geben, man müsste sie jetzt erfinden. Würden die Olympischen Spiele nicht dieser Tage beginnen, man müsste sie jetzt und heute ausrufen.

Die Sanktionen gegen Österreich sind weg. Der Streit mit den EU-14 beigelegt. Aus Angeklagten und Klägern können wieder Partner werden. Olympia kann beginnen - und der Wettkampf startet tatsächlich. Und eine Ahnung vom Gefühl taucht auf, wie es der antike Mensch wohl schon spürte, wenn die Spiele ausgerufen wurden, der reine sportliche Geist über alles gestellt war. Der irdische Streit musste enden, die Waffen wurden niedergelegt und zeitweilig hörten jene ewigen Kriege auf, die die antiken Stadtstaaten gegeneinander ausfochten.

Nicht nur das lange Warten, die quälende Auseinandersetzung um die Beilegung der Sanktionen hat ein Ende und die lähmende Matt-Stellung auf beiden Seiten ist aufgehoben. Die Olympischen Spiele stillen auch das Verlangen nach klaren Entscheidungen, den Wunsch zwischen Siegern und Verlieren unterscheiden zu können, ganz einfach die Sehnsucht einmal gewiss sein zu dürfen, dass er oder sie schneller, höher, weiter als all die anderen war.

Das Ende der monatelangen Causa prima konnte den Wunsch nach eindeutigen Siegern und Verlieren erwartungsgemäß nicht erfüllen. Am Schluss sind alle höher, schneller, weiter als die anderen gewesen. Jeder beansprucht den Olivenkranz des Siegers für sich, niemand will Schuld, Schwäche oder gar Misserfolg eingestehen. Auch wenn auf den Titelseiten der Magazine nur jeweils einer mit gespreizten Fingern das Victory-Zeichen machen kann - so deutlich lässt sich nicht einmal nach genauer Analyse die Linie zwischen Siegern und Verlierern ziehen.

Gewiss, der Bundeskanzler, seine Regierung und deren Politik wurden im Weisenbericht bis auf wenige Ausnahmen mit guten Noten bedacht. Als überlegen gegenüber anderen EU-Staaten haben die drei Gesandten Österreichs Politik im Umgang mit nationalen Minderheiten bewertet. Schüssel & Co: die eindeutigen Sieger also? Wäre da nicht das in den letzten Tagen vielzitierte zerbrochene Porzellan. Wäre da nicht die persönliche Betroffenheit der involvierten Politiker, von einem Tag auf den anderen geächtet gewesen zu sein. Das blieb nicht an der Oberfläche. Wer einmal als so verloren, so abseits galt, lacht auch als vermeintlicher Sieger nicht mehr so wie früher.

Gewiss, die FPÖ ist im Vergleich zu dem was andere Expertisen über den Charakter, das Wesen, die politische Natur dieser Partei aussagen, im Weisenbericht noch glimpflich davon gekommen: "Eine rechtspopulistische Partei mit radikalen Elementen". Wer überdies die Deutung von FP-Klubchef Peter Westenthaler hören konnte, der etymologisch beeindruckend "populistisch" als nahe beim Volk und "radikal" als der Wurzel, dem Anfang verpflichtet, deutete, der kann nicht umhin auch der FPÖ den Sieg zu bescheinigen.

Wäre da nicht der Rückzug des früheren Parteichefs nach Kärnten gewesen. Wären da nicht die klaren Worte der Weisen gegenüber einem Justizminister, der seine alte Rolle als FP-Anwalt noch nicht abgelegt hat, gegenüber dem fortdauernden Versuch durch Beleidigungsverfahren Kritiker einzuschüchtern, ja mundtot zu machen. Wäre da auch nicht der Schuldspruch, Ängste geschürt und Ausländerfeindlichkeit salonfähig gemacht zu haben. Wer so weit weg vom gesellschaftlich Akzeptablen steht, die Grenze des politisch Tolerierbaren regelmäßig so weit überschreitet, muss auch als vermeintlicher Sieger den Platz wechseln und in Zukunft andere Wege gehen.

Gewiss, auch die EU-14, allen voran Frankreich und da wieder als erster Jacques Chirac können sich als Sieger fühlen. Vieles, was Österreichs Regierung seit ihrem Antritt zur allgemeinen Zufriedenheit gemacht hat - Zwangsarbeiterfrage, NS-Entschädigungen, Minderheitenrechte -, heften sich jetzt die europäischen Mahner als eigene Verdienste an ihre Brust. Ganz zu schweigen von der angeblichen Signalwirkung für Europa. Ein Schuss vor den Bug für alle in der EU, die meinen, einen gemeinsamen Wertekodex gäbe es nicht, nur weil noch keiner in schriftlicher Form vorliegt. Auf einen Streich kommen also mehr als ein Dutzend Sieger dazu. Jetzt wird es eng auf dem Podest.

Wäre da nicht das EU-rechtlich bedenkliche Vorgehen bei der Verhängung der Sanktionen, die Schwierigkeiten aus dem Ganzen wieder auszusteigen, die Kontraproduktivität - vielerorts, nicht nur in Österreich - genau jene Stimmungen verstärkt zu haben, die man eigentlich unterdrücken wollte. Dieser Einspruch lässt die vielen angeblichen Sieger auch wieder wie Verlierer aussehen. Wer so schnell, so übereilt und unbedacht einschreitet, muss auch als vermeintlicher Sieger den erlittenen Vertrauensverlust erst langsam wieder zurückgewinnen.

Alle Sieger, alle Verlierer. Nicht alle, es gibt eine Gruppe, die ist allein Sieger geblieben. Die drei Weisen wurden und werden nach wie vor als weise angesehen. Sie waren schneller als gedacht, haben das in sie gesetzte Vertrauen in höherer Weise als erwartet erfüllt und sind in ihrem Urteil zu Recht weiter, als ihnen zugestanden wurde, hinausgegangen. Nur die Schiedsrichter haben den Olivenkranz verdient. Die anderen sind Verlierer und Sieger zugleich und können und müssen sich eine kommende Olympiade lang bewähren und versuchen selber weise zu sein.

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