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Schleuser und GENDARM

Akribisch sucht der Polizist das Gebüsch ab. Er biegt die Äste hinter dem Bretterzaun zur Seite und späht durch das Unterholz. Nach einer Weile geht er weiter. Wenige Schritte nur, dann nimmt er sich den nächsten Abschnitt vor. Ein Rätsel ist es nicht, wem er dort im Fonteintjes genannten Naherholungsgebiet in den Dünen von Zeebrugge auf der Spur ist: versteckten Migranten, die unerkannt nach Großbritannien gelangen wollen. "Transmigranten" nennt man sie hier, weil sie nur auf der Durchreise sind und nicht in Belgien um Asyl ansuchen wollen.

Über die Sankt-Donatius-Kirche im kleinen Zentrum des Hafenstädtchens Zeebrugge fällt die Dämmerung. Vielen Geflüchteten dient sie als Anlaufstelle. Eine Gruppe Freiwilliger teilt hier täglich Essen und Kleidung aus. Jetzt aber ist die Kirche verwaist, bis auf zwei Nachbarinnen, die eine Runde mit dem Hund laufen. "Zu Mittag war viel Polizei hier. Wahrscheinlich haben sie alle verhaftet", sagt eine der Frauen. "Aber es wird bald von Neuem beginnen."

Zwischen "Verhaften" und "Von Neuem beginnen" dreht sich das Thema Transitmigration ständig im Kreis. Die öffentliche Meinung drängt auf hartes Vorgehen, und die Regierung in Brüssel versucht just damit zu punkten -vor allem Theo Francken, der Staatssekretär für Asyl und Migration. Andererseits kostet es Geld und Aufwand, ohnehin ausreisewillige Migranten festzuhalten. Da die Haft-Kapazitäten begrenzt sind, ließ man bis zum Sommer jene, die klandestin nach England wollen, nach einer Nacht in Gewahrsam oder nach ihrer Identifikation meist laufen.

Schleuser um 500 Euro

Am nächsten Mittag kauern auf dem Pfad hinter der Kirche zwei junge Männer. Einer kommt aus Algerien, der andere aus Libyen. Seit zwei Monaten sind sie in Zeebrugge, erzählen sie. Wie etwa 30 andere, aus dem Maghreb, Afghanistan, Ägypten, Indien und Albanien. Sie schlafen mal am Strand, mal im Wäldchen an der Küstenstraße oder hier an der Kirche. Es ist eine kleine Gruppe, verglichen mit den Verhältnissen an französischen Kanal-Häfen, wo manchmal Tausende auf den Sprung nach England hoffen. Dafür verteilen sich die Schauplätze in Belgien über das ganze Land.

"Man kann in Brüssel einen Schleuser arrangieren. Ein einzelner Versuch, an einer Raststätte in einen LKW zu kommen, kostet dort 500 Euro", so der Libyer, der nach eigener Auskunft erst 15 ist. Als elfjähriges Kind, erzählt er, brach er nach dem Tod seines Vaters nach Europa auf. Eine Tante in England ist seine Hoffnung. Der Algerier ist 24. Ihn lockt die Aussicht auf Arbeit nach England. Beide haben keine 500 Euro für Mittelsmänner, weswegen sie ihr Glück hier in Zeebrugge versuchen. Nachts klettern sie vom Strand aus über eine Mauer, dann über einen Zaun ins Hafengelände, wo die Suche nach einem LKW beginnt.

Neben Zeebrugge hat sich in den vergangenen Jahren auch der Maximilian-Park beim Brüsseler Nordbahnhof zu einem Symbol der belgischen Transitmigration entwickelt. Mitten in Europas Hauptstadt liegen Menschen in Schlafsäcken zwischen Büschen oder suchen mit Sack und Pack Schutz unter dem Podest der Seilbahn. 800 oder 900 Geflüchtete sind es Mitte September, die meisten aus Eritrea und dem Sudan. Es ist ungemütlich im Park. Nieselregen fällt, Windböen wirbeln den Staub auf. Neben dem Fußballplatz stehen zwei Sudanesen. Sie sind Cousins. Der eine, 16, ist schon länger hier, der andere, 25, erst kürzlich aus Calais gekommen, wo er keine Möglichkeit mehr sah, nach England zu gelangen. Die Sudanesen werden sich heute Abend ausruhen. Gestern versuchten sie es an einem LKW-Parkplatz, ohne Erfolg. Welcher das war, oder wo er lag, wissen sie nicht. Ein Auto brachte sie dorthin. Mehr können oder wollen sie nicht sagen.

Am frühen Abend kommt Bewegung in die Szenerie. In Gruppen strömen die Menschen aus dem Park hinüber zum Bahnhof, wo ein paar Freiwillige auf dem Vorplatz Essen verteilen. Emilie Hauzeur ist eine von ihnen. Mit Mann und zwei kleinen Kindern wohnt sie ganz in der Nähe. Seit einem Jahr, sagt sie, stellt sie zwei oder drei Nächte pro Woche auch ihr Wohnzimmer als Schlafplatz zur Verfügung. Welche Parkplätze ihre Gäste in den anderen ansteuern, weiß sie nicht. "Einmal halfen wir ihnen, auf der Karte einen zu suchen."

Razzien in Kruibeke

Eine der Raststätten, die in diesem Sommer in die Schlagzeilen gerieten, befindet sich beim Städtchen Kruibeke. Von Brüssel nimmt man den Zug nach Antwerpen, fährt mit der Metro aufs linke Ufer der Schelde, weiter per Regionalbus. Am Ortsanfang biegt man in die Molenstraat und läuft ein paar Kilometer. Jenseits der Autobahnbrücke führt ein Trampelpfad die Böschung hinab. Unten sieht man linker Hand schon das Wäldchen, hinter dem der Rastplatz liegt. Die Sonne ist gerade untergegangen.

Im August machte Kruibeke das belgische Problem mit der Transitmigration international bekannt. Der lokale Polizeichef hielt seine Beamten an, die Migranten nicht länger festzunehmen, die man schlussendlich doch wieder laufenlasse. Die Londoner Times machte daraus eine belgische Kapitulation vor dem Andrang Geflüchteter. In den folgenden Wochen fanden dann mehrere Razzien in Kruibeke statt. Staatssekretär Francken verkündete: alle volljährigen Festgenommenen sollten künftig im Abschiebegefängnis Steenokkerzeel eingesperrt werden.

Als es dunkel ist, erscheint Jos Stassen auf dem Rastplatz. Der Bürgermeister von Kruibeke hat zugestimmt, vor Ort über das Thema zu sprechen. Er nimmt auf einer der hölzernen Rastbänke Platz. Der LKW-Parkplatz ist voll besetzt. Zwei Wachen einer privaten Sicherheitsfirma, bezahlt von der belgischen Regierung in Brüssel, drehen mit einem Schäferhund ihre Runden. Im Sommer 2017, so Stassen, tauchten die ersten Afrikaner am Rastplatz von Kruibeke auf. Seitdem ziehen die Migranten so gut wie jeden Abend hierher. Stassen selbst habe auf dem Hinweg "fünf oder sechs" beim Wäldchen gesehen, wie er sagt. Den Rastplatz sperren lassen, so wie einige Amtskollegen das taten, will er allerdings nicht. "Das verlagert das Problem nur in die Industriegebiete um Kruibeke", sagt er. Stattdessen fordert er von Brüssel mehr Bewachung und einen Zaun um den Parkplatz. Um kurz nach 23 Uhr empfiehlt sich der Bürgermeister.

Durchtrennte Kabelbinder

Der Wachmann mit Hund, der bald darauf seine Patrouille läuft, sagt, erst gegen Mitternacht gehe es richtig los. "Abhängig davon, wann sie von den Schleusern gebracht werden." Gesehen habe er allerdings noch keinen Schleuser. Am meisten, erklärt er, achten er und seine Kollegen bei ihren Kontrollgängen auf die Kabelbinder, die unten am rechten Teil einer LKW-Hintertür angebracht werden. Er leuchtet mit der Taschenlampe darauf. "Wenn einer durchtrennt ist, wissen wir, dass jemand drinsitzt."

Die Nacht ist mild, aber windig. Unbewegt liegt das Wäldchen vorne an der Ausfahrt. Auch zwischen den LKW ist keinerlei Regung zu erkennen. Inzwischen ist ein zweites Bewacherpaar im Einsatz, ebenfalls mit Hund. Auch ihnen fällt nichts auf. Dann aber, gegen halb zwei, stürmen drei der Bewacher und ein Hund auf einmal, vom Standstreifen kommend, ins Wäldchen. Bald sieht man sie in den angrenzenden Feldern, die Scheinwerfer schwirren hektisch durch die Luft. Und treffen hier und da Silhouetten, die im Sprint davonjagen.

Aufmerksam untersucht der vierte Wachmann mit seiner Hündin den Standstreifen, wo mehrere LKWs geparkt sind. Ohne Ergebnis. "Sie dürfen hier eigentlich nicht stehen", sagt er. Dass der Platz durch mehrere geschlossene Raststätten knapp wird, ist auch dem Wachmann klar. Er greift zum Funkgerät. "25 Personen waren es. Sie wollten in die Trucks auf dem Standstreifen und sind dann weggerannt, in die Felder", klingt die Stimme eines Kollegen. Festgenommen wird in dieser Nacht niemand. Dafür, sagt der Wachmann, sind sie auch nicht zuständig. Nur verjagen sollen sie sie, die Transmigranten. Doch die nächste Razzia kommt bestimmt.

WEGE DER WANDERUNG

Migration

ist der Überbegriff für sämtliche Formen von Wanderbewegungen. In Abgrenzung zur Flucht aus politischen Gründen wird der Begriff aber häufig als Synonym für Arbeitsmigration gebraucht.

Flucht

Jede Flucht ist eine Migration, aber nicht jede Migration ist eine Flucht: Geflüchtete werden aufgrund von Fluchtgründen aufgenommen, haben also einen Anspruch auf Schutz ihrer Grundrechte.

Transitmigration

bezeichnet Wanderbewegungen an einen Ort oder in ein Land für nur kurzfristigen Aufenthalt -und dem eigentlichen Ziel, in ein weiteres Land zu gelangen, um dort etwa um Asyl anzusuchen.

Nachts klettern sie vom Strand aus über eine Mauer, dann über einen Zaun ins Hafengelände, wo die Suche nach einem LKW beginnt.

Bald sieht man sie in den angrenzenden Feldern, die Scheinwerfer schwirren hektisch durch die Luft. Und treffen hier und da Silhouetten, die im Sprint davonjagen.

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