Bratislava - © APA / AFP / Vladimir Simicek   -  Trauernde vor dem Anschlagsort in Bratislava

Schwulenmorde in Bratislava: Slowakisches Sittenbild

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Die Ermordung zweier Homosexueller und der Selbstmord des Mörders in Bratislava konfrontieren die Slowakei mit einem Bündel ungelöster Fragen.

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Die Ermordung zweier Homosexueller und der Selbstmord des Mörders in Bratislava konfrontieren die Slowakei mit einem Bündel ungelöster Fragen.

Am Mittwoch, dem 12. Oktober um 19 Uhr werden zwei Männer, 22 und 26 Jahre alt, vor der Schwulenbar „Tepláreň“ (Heizwerk) am Nordhang des Burgbergs von Bratislava erschossen und eine Kellnerin verletzt. Eine Überwachungskamera zeigt, wie der Täter seine Schüsse abgibt und danach flüchtet. Er begibt sich in die Wohnung seiner Eltern und übergibt dem Vater die aus dessen Besitz stammende Tatwaffe. Er stellt ein 65 Seiten langes Manifest ins Netz und twittert über die vollbrachte Tat.

Um 22 Uhr 30 hat die nationale Kriminalagentur die Identität des Täters ausfindig gemacht und sucht seinen Wohnort. Frühmorgens erschießt sich der Gesuchte mit einer anderen Waffe aus dem Besitz des Vaters. Die Eltern haben die Polizei nicht verständigt, übergeben ihr jedoch den handgeschriebenen Abschiedsbrief.

Dramatis personae

Der neunzehnjährige Täter war in einer früheren Schule und von Mitschülern gemobbt worden, wurde aber nach dem Wechsel in eine Schule für Hochbegabte von der Direktorin und zwei Psychologinnen, die ihn zwei Jahre lang begleiteten, als freundlich und umgänglich geschildert. In einer Jahresarbeit zum Thema „Terrorismus in Europa“ habe er diesen nicht verherrlicht. Zu einem Umschwung in seinem Denken soll es im Jahr 2019 gekommen sein. Damals habe er begonnen, zielstrebig seine Tat zu planen. Eine Rolle könnte die Pandemie gespielt haben, in der der persönliche Kontakt mit den Mitschülern und Lehrern unterbrochen war.

Der Vater hat vor der Parlamentswahl 2020 für die Partei „Vlast“ (Vaterland) des früheren Präsidenten des Obersten Gerichtshofs (1998–2003 und 2009–2013) sowie Stellvertretenden Ministerpräsidenten und Justizministers (2006–2009) Štefan Harabin kandidiert, die allerdings an der Fünfprozentgrenze gescheitert ist. Der ehemalige Kommunist Harabin gilt als panslawistisch gesinnter Slowake, Gegner der NATO, Kritiker nicht nur der Gender-Positionen der EU und aktuell als Parteigänger Wladimir Putins.

Wenige Tage nach dem Attentat führte Juraj Krajčík, der Vater des Täters, in der Radiostation Kompas ein Live-Interview mit dem Vorsitzenden der „Volkspartei – unsere Slowakei“ Marian Kotleba, der wegen öffentlich kundgetaner Sympathien für den Neonazismus verurteilt und aus dem Nationalrat ausgeschlossen wurde. Kotleba versuchte Krajčík zu suggerieren, dass sein Sohn ermordet worden sei. Der Vater bekundete den Angehörigen der Opfer sein Beileid und erklärte, sich die Tat seines Sohnes nicht erklären zu können. Er und seine Frau seien gerade im Begriff gewesen, mit ihm die bevorstehende Maturafeier zu besprechen.

Im Vermächtnis des Attentäters, einem seit Mai 2022 verfassten Manifest, spielt die „Genderideologie“ eine geringere Rolle als ein auf die Spitze getriebener Antisemitismus und Antizionismus. Nicht nur der westliche Liberalismus ist für den Täter ein Werk der jüdischen Weltverschwörung, auch Putin ist für ihn eine „jüdische Marionette“. Ebenso schiebt der Junior die Anti­vaxer-Bewegung, die Kampagne gegen die Covid-Impfung, den Juden in die Schuhe. Der Brünner Politologe Miroslav Mareš ortet als eigentliches Ziel des Täters den Angriff auf die Demokratie, er sei ein „einsamer Wolf“ gewesen, der gegen alles und jedes kämpfte. Stunden vor der Tat fotografierte er sich vor dem Wohnhaus von Ministerpräsident Eduard Heger; hätte er diesen ermordet, hätte die nachfolgende Debatte einen völlig anderen Verlauf genommen.

Der junge Mann habe sich als globalen Kämpfer gesehen, seine Vorbilder seien die einschlägig bekannten Attentäter in Norwegen, Neuseeland und den USA gewesen, so der Fachmann für Extremismus in der Slowakei. Der Täter habe sich im Netz fast ausschließlich in der US-amerikanischen Neonaziszene bewegt, die einheimische sei ihm wohl zu wenig konsequent erschienen. Da er ganz überwiegend in englischer Sprache unterwegs war, sei er möglicherweise auch dem slowakischen Nachrichtendienst, der Interpol und dem FBI durch die Lappen gegangen.

In seinem Abschiedsbrief an die Eltern habe der Täter seine Gespaltenheit zwischen zwei Emotionen bedauert: der „Freude darüber, dass sich mir die Gelegenheit geboten hat, dieses jüdische Okkupationssystem anzugreifen, und der Trauer darüber, dass ich die Welt nach der Niederlage unseres Feindes nicht mehr erleben werde“. Er habe „nicht für sich gehandelt, sondern für meine Leute, mein Volk und meine Rasse“.

Die Reaktionen

Nach einer Schrecksekunde erfolgten die Reaktionen auf die Bluttat: Blumen vor dem „Heizwerk“, Demonstrationen ebenda und vom Platz des Volksaufstands zum Parlament. Nach dem Papstbesuch vor einem Jahr schlug eine zweite Stunde der Präsidentin Zuzana Čaputová, die ihre Stimme für die LGBTQ-Menschen schon immer erhoben hat. Der Zufall wollte es, dass für sie seit Langem schon für Mittwoch, den 19. Oktober, ein Redetermin im Europäischen Parlament angesetzt war. Sie nutzte ihn zu einem flammenden Plädoyer für die liberale Demokratie, für den Zusammenhalt der EU angesichts des Kriegs in der Ukraine und der durch ihn heraufbeschworenen Wirtschaftskrise sowie gegen den Missbrauch des Internets.

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