Putnik - © Foto: Bojan Slavkovic / AP / picturedesk.com

Serbien und der Kosovo: Manipulierte Vergangenheit

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Das Verhältnis zwischen Serbien und dem Kosovo ist geprägt von Provokationen, Eskalation und Misstrauen. Die gemeinsame Geschichte wird dabei als politische Tretmine von beiden Seiten genutzt.

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Das Verhältnis zwischen Serbien und dem Kosovo ist geprägt von Provokationen, Eskalation und Misstrauen. Die gemeinsame Geschichte wird dabei als politische Tretmine von beiden Seiten genutzt.

Vermisste Angehörige, Orte von Massenverbrechen und Vertriebene: Die Ausstellung „All unsere Tränen“ zeigt – in Fotografien aus Serbien, Kosovo und Nordmazedonien – alle Schatten des Krieges, die zusammen betrachtet eine universelle Geschichte vom Leid der einfachen Menschen erzählen. „Mirëdita, dobar dan!“, der Name des Festivals, das jedes Jahr in Belgrad und Prishtina stattfindet, setzt sich aus dem albanischen und serbischen Ausdruck für „Guten Tag“ zusammen.

Als ich vor einigen Jahren am Festival in Belgrad teilnahm, war der Veranstaltungsort von schwer bewaffneten serbischen Polizisten umzingelt. Sie waren da, um uns, die Teilnehmenden, vor den rundum versammelten extremnationalistischen rechten Schlägertrupps zu schützen. Drinnen das Bemühen um Begegnung und Verständnis, draußen die schrillen Töne des Nationalismus, der Lärm des Revisionismus und der Widerhall des Mainstreams der aktuellen serbischen Politik und Gesellschaft.

Offener Krieg der Worte

Nun fast forward zu diesen Sommertagen. Der Dialog zwischen Serbien und Kosovo, in dem unter EU-Ägide die vielen praktischen Fragen im Umgang miteinander gelöst werden sollten, ist seit einigen Jahren de facto tot. Nichts geht weiter zwischen Belgrad und Prishtina, man schaltet auf stur. Als nun vor wenigen Wochen die Regierung in Prishtina neue Maßnahmen zur Regelung der Autokennzeichen und des Personenverkehrs zwischen Serbien und dem Kosovo umsetzen wollte, eskalierte die Situation schnell. Der kosovarische Premierminister Albin Kurti setzt auf das Prinzip der Reziprozität – gleiche Regeln, die die serbische Regierung in Bezug auf die Einreise der Kosovaren nach Serbien und bei Autokennzeichen auf dem serbischen Staatsgebiet anwendet, sollen nun auch auf dem Gebiet des Kosovo implementiert werden. Belgrad deutet dies als Provokation und setzt auf rhetorische Eskalation. Seit Wochen herrscht nun wieder ein offener Krieg der Worte zwischen Belgrad und Prishtina. Der serbische Präsident Aleksandar Vucic droht unverblümt mit Krieg und weiß Russland hinter sich. Der kosovarische Premierminister Albin Kurti zeigt sich unnachgiebig und setzt auf die Unterstützung des Westens für den Kosovo. Im Hinter- oder besser gesagt Vordergrund stimmt der serbische Boulevard die Melodie an von bösen Albanern und dem Teufelskerl Albin Kurti, die mit Hilfe des Westens den Serben an den Kragen gehen wollen. Im Kosovo wird das Bild des aggressiven und kriegstreibenden Serbien mit dem – so Albin Kurti – autoritären „Kleinputin“ Vucic an der Macht verstärkt.

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