Südafrika - © Foto: APA / AFP / Guillem Sartorio

Südafrika: Feuer am Ende des Regenbogens

1945 1960 1980 2000 2020

Südafrika: Der ANC brachte das Apartheid-Regime zu Fall. Seit 1994 stellte er alle Präsidenten. Darunter nach Ausgleich suchende Persönlichkeiten – aber auch Populisten, die derzeit neue Konflikte säen.

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Südafrika: Der ANC brachte das Apartheid-Regime zu Fall. Seit 1994 stellte er alle Präsidenten. Darunter nach Ausgleich suchende Persönlichkeiten – aber auch Populisten, die derzeit neue Konflikte säen.

Ja, das Rauchen. Während Sifiso Ntuli erzählt von damals, von heute, von seinen einstigen Träumen und Hoffnungen, seinen heutigen Befürchtungen; wenn er erzählt von Südafrika, da glimmen sie dahin, die Zigaretten. Wenn man in einem Land voller Stress lebt, so sagt er, brauche man diese Minidosen Entspannung. Diese kurzen Auszeiten. Er nimmt einen tiefen Zug. Damals, als er aus dem Gefängnis entlassen wurde, habe er angefangen – und nie wieder aufgehört. In den 1980ern war das. Denn der Stress hat nie nachgelassen.

Ja, das Rauchen. Während Sifiso Ntuli erzählt von damals, von heute, von seinen einstigen Träumen und Hoffnungen, seinen heutigen Befürchtungen; wenn er erzählt von Südafrika, da glimmen sie dahin, die Zigaretten. Wenn man in einem Land voller Stress lebt, so sagt er, brauche man diese Minidosen Entspannung. Diese kurzen Auszeiten. Er nimmt einen tiefen Zug. Damals, als er aus dem Gefängnis entlassen wurde, habe er angefangen – und nie wieder aufgehört. In den 1980ern war das. Denn der Stress hat nie nachgelassen.

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In der damals verbotenen Anti-Apartheid-Bewegung African National Congress (ANC) war er aktiv gewesen, hatte dort Kulturarbeit gemacht, war inhaftiert worden und ins Exil gegangen. Jahre der Fremde, des Kampfes, der Rückkehr, der Hoffnung, des Verzagens liegen zwischen damals und heute. Viel Aufregung, viel Stress, viele Zigaretten, die er in Swasiland, in Tansania, in Kanada, in den USA und dann doch wieder in Südafrika geraucht hat. Einem Land, für das Sifiso Ntuli gekämpft hat, für das er sich aufopfert und für das er hofft.

Zurückzukommen, damals erstmals zur Präsidentenwahl 1994 und schließlich komplett 1996, das sei so gewesen wie ein Besuch, um das Baby anzusehen, das man unter so widrigen Umständen zur Welt gebracht habe. Und heute ist dieses Baby seinen Worten zufolge eine junge Erwachsene. Eine, die „durchwegs besoffen und komplett asozial“ sei. Und das gelte für das Land ebenso wie für den ANC.

Angriffe auf Infrastruktur

Südafrika blickt auf Tage beispielloser Gewalt zurück, auf Plünderungen, auf Zerstörungen. Auf eine Woche, in der in manchen Regionen die Lebensmittel knapp wurden, in der sich Bürgerwehren formiert haben, um ihre Viertel zu beschützen. Betroffen waren vor allem die Region KwaZulu-Natal mit der Großstadt Durban sowie Johannesburg. Mindestens 200 Menschen starben bei den Unruhen. Der Schaden geht in die Milliarden. Erst gab es Angriffe auf Polizeistationen, auf Warentransportrouten sowie kritische Infrastruktur. Schließlich brannten Einkaufszentren, Supermärkte und Elektronikläden.

Mit der Inhaftierung von Ex-Präsident Jacob Zuma hatte alles angefangen. Dieser hatte nach langer Weigerung doch eine Haftstrafe wegen Missachtung der Justiz angetreten. Schon vor Haftantritt hatte es aus seinem Umfeld Drohungen gegeben. Und nun geht auch Präsident Cyril Ramaphosa davon aus, dass die Krawalle zumindest anfänglich geplant waren.

Erster Befund des SüdafrikaKenners Walter Sauer von der Universität Wien nach einer Woche Gewalt: Die Ausschreitungen sind erst einmal vorbei, 30.000 Soldaten sind auf der Straße, die Exekutive habe, wenn auch mit Abstrichen, so doch einigermaßen funktioniert. Bleibt aber ein Problemfeld: die Regierungspartei ANC. Denn die ist vieles: Schlüssel zur formellen rechtlichen Gleichstellung von Schwarz und Weiß in Südafrika ebenso wie eine riesige Partei mit vielen Flügeln, Ausrichtungen und Seilschaften, die mittlerweile sehr eng verfilzt sind mit dem Unternehmertum. Der ANC ist ein Sammelbecken aus Linken, Geistlichen, Antirassisten, Liberalen, Ambitionierten oder aufgeklärten Kulturschaffenden wie Sifiso Ntuli. Aber eben auch „haufenweise Opportunisten“, wie Walter Sauer sagt.

2022 steht ein Parteitag an. Und Ex-ANC-Chef Zuma, so sagt Sauer, der ziele da wohl auf eines ab: den Sturz von Staatspräsident und ANC-Chef Ramaphosa. Dahingehende Aussagen aus dem Umfeld Zumas sind belegt. Denn Jacob Zuma ist ein Politiker, der wie kein anderer sinnbildlich für Korruption, Insiderwirtschaft sowie Intrigen in fast schon absurdem Ausmaß steht. In den Zeiten der Apartheid war Zuma Geheimdienstchef des damals noch illegalen ANC – und bereits als solcher korrupt, wie Sauer sagt. Bei seinem Amtsantritt 2009 gab es bereits 783 Vorwürfe von Korruption, Betrug, Geldwäsche und Steuerhinterziehung. In späteren Verfahren ignorierte er Anordnungen der Gerichte – der Grund seiner jetzigen 15-monatige Haft. Wegen der eigentlichen Korruptionsvorwürfe an sich gibt es noch gar keine Urteile.

Wir haben keine Debatte darüber, wie wir an diesen Punkt in der Geschichte gekommen sind [...] – ja, wer wir überhaupt sind.

Dabei ist auch Sauer davon überzeugt, dass das, was da in der vergangenen Woche passiert ist, ein durchaus geplanter Versuch war, einen Aufstand loszutreten, ja vielleicht sogar zu putschen – im Land selbst wie auch im ANC. Und womöglich auch nicht der letzte.

„Rache an Konsumgesellschaft“

Allerdings war es ein Versuch, der sich selbst erstickt hat. Denn mit dem wohl nicht geplanten massenhaften Sturm auf Supermärkte seien letztlich unzählige Menschen im überwiegend unteren Einkommensniveau mit einem Mal vor dem Nichts gestanden. Hinzu kämen die Sammeltaxis, denen das Geschäft weggebrochen sei, und dann vor allem auch der ganze Rattenschwanz an Klein- und Miniunternehmen im Umkreis der Malls und Supermärkte. Aber Plünderungen, so sagt Sauer, die seien im Laufe der Geschichte eben nie ganz irrational. Und zu einem gewissen Teil sei das, was da gerade passiert sei, eben doch auch eine „Rache an der Konsumgesellschaft“.

„Die Leute haben einfach Hunger“, sagt Sifiso Ntuli dazu. Hunger, aber eben auch Wut. Da sei nach seinen Worten vor allem ein Konflikt, an dem sich auch 27 Jahre nach dem Ende der Apartheid nichts geändert habe: Zwar sei nicht mehr die Farbe der Haut entscheidend, allerdings seien die Gräben „zwischen denen, die besitzen, und denen, die nichts besitzen“, tiefer denn je. Es ist ein Spannungsfeld zwischen Villen mit Pool und Dienerschaft hinter Stacheldraht – und Townships und Slums. Schwarz, weiß – das seien vielleicht keine Hautfarben mehr, aber das seien dennoch Lebensrealitäten ohne jegliche Verbindung zueinander.

Denn da ist eben kein goldener Topf voller Wohlstand für alle am Ende der Rainbow Nation. Wie Sauer sagt: Das Gesamt-BIP Südafrikas mit seinen 60 Millionen Einwohnern und sagenhaften Bodenschätzen liegt rund ein Viertel unter dem Österreichs. Mehr als die Hälfte der Südafrikaner lebt unter der Armutsgrenze. Das aber bei einer auch im weltweiten Vergleich beispiellosen Einkommensschere: Die reichsten 20 Prozent der Bevölkerung beziehen 70 Prozent des in Südafrika erwirtschafteten Gesamteinkommens, während die ärmsten 20 Prozent der Bevölkerung keine drei Prozent abstauben. Hinzu kommen ein inexistentes Sozialsystem, eine exorbitante HIV-Rate (geschätzte acht Prozent) sowie mit all dem einhergehende soziale Probleme. Und Covid hat aufgebrochen, was über Jahrzehnte nicht passiert ist, wie Sifiso Ntuli sagt: Denn „wo soll man sich abschotten, wenn man kein Dach über dem Kopf hat, wie soll man Essen besorgen, wenn man seinen Job verloren und keinerlei Einkommen hat“?

Er sagt: „Es ist so, als ob wir Jesus Christus als ersten Präsidenten gehabt haben – da kann man niemanden, der nachfolgt, ernst nehmen.“ Nelson Mandela, den ersten Präsidenten nach dem Ende der Apartheid, den sehen aber sowohl er als auch Walter Sauer als Messias mit Fehlern. Dass er es nicht geschafft hat, das Armutsproblem auch nur im Ansatz zu lösen, ist wohl der sichtbarste Makel. Sauer sagt: „Mandela war toll im Spendensammeln: Wenn er zu Unternehmern gegangen ist und um Millionen gebeten hat, hat er sie bekommen – nur das ist keine dauerhafte Sozialpolitik.“

Zugutegekommen sei Mandela nicht zuletzt diese lange Zeit der Haft, sagt Sauer. Denn dadurch sei er nicht in die Rädchen der Tagespolitik, vor allem aber nicht in korrumpierte Seilschaften geraten. Seilschaften, wie sie Zuma bis zum Exzess nutzt. „Wir haben das Abnormale normalisiert – das ist, was der ANC die vergangenen 27 Jahre getan hat“, sagt Sifiso Ntuli. Wer habe den ANC denn geführt in den vergangenen Jahren? Seine Antwort: Anwälte. Nur, Gerechtigkeit durchsetzen zu wollen in einem Land wie Südafrika, das sei wie durch Honig zu schwimmen.

Schweres Erbe

Da ist aber vor allem eines: Sifiso Ntuli ist ein Mann, der gerne spricht über die Geschichte seiner Stadt. Darüber, wie der Stadtteil Brixton in Johannesburg, in dem er lebt, über die Kolonialmächte zu seinem Namen kam. Über sein Projekt 1652, in dem er die Landnahme durch die Niederländer kulturell aufarbeiten will. Er spricht über den Friedhof neben seinem Viertel, wo weiße Gutsherrn und Sklavenbesitzer, Freiheitskämpfer und Aufständische begraben liegen. Er spricht über die Polizeieinheit, die gleich neben dem Friedhof stationiert ist. Er nennt sie die „SS der Apartheid“. Über all das aber, so sagt er, spreche niemand. Die Erinnerungsorte Südafrikas seien Schutthaufen – oder eben keine: Das Parlament des Landes, das solle nach seinen Worten ein Apartheid-Museum sein – stattdessen sei dort Nelson Mandela als erster schwarzer Präsident Südafrikas vereidigt worden. „Wir haben alles getan, um in dieses System zu passen, europäisch zu sein, wie man es uns gelehrt hat – aber wir haben keine Debatte darüber, wie wir an diesen Punkt in der Geschichte gekommen sind und wie wir aus dieser Lage hinauskommen – ja, wer wir überhaupt sind.“

Eine substanzielle Aufarbeitung der Geschichte, eine kritischen Auseinandersetzung und letztlich die Schaffung einer Identität, all das gebe es nicht sagt Sifiso Ntuli: „Wir sind ein Land aus Gebieten, Klassen und Gruppen – unser Staat hat keinen Namen als eine geografische Benennung.“ Und Rauch aus den Nüstern blasend nennt er Südafrika schließlich: einen „Staat ohne Eigenschaften“.

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