Sylt - © Foto: iStock/pkazmierczak
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Sylt im Existenzkampf: Sandlawinen gegen das Verschwinden

1945 1960 1980 2000 2020

Die nordfriesische Insel Sylt ist ein Tourismus-Zentrum. Trotzdem geht es um ihre Existenz, auch ohne Virus: eine Reise und Zeitreise zu Buhnen und Dünen.

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Die nordfriesische Insel Sylt ist ein Tourismus-Zentrum. Trotzdem geht es um ihre Existenz, auch ohne Virus: eine Reise und Zeitreise zu Buhnen und Dünen.

Hinüber ans Festland, rund zehn Kilometer durch den Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer, kann man bisweilen sogar waten. Denn das ostseitige Wattenmeer fällt bei Ebbe weitgehend trocken, von einigen Prielen abgesehen. Und ein paar vertieften Routen für die Adler-Fährschiffe, die an guten Wochenenden tausende Sonnensucher auf Sylt und seinen Nachbarinseln Amrun oder Föhr abliefern, wenn es die Virologen zulassen. Es gibt raschere Wege dorthin, als durch den Schlick zu stapfen, aber keine einzige Straße.

So bleiben die Autozug-Verbindungen über den Hindenburg-Damm, die Fähre nach Remo (Dänemark) und die Privatjets für junge Möchtegerns und den alten Jetset, der sich immer noch ein Stelldichein gibt. Oder umgekehrt. Sylt ist die größte Insel Nordfrieslands, die viertgrößte Deutschlands. Um 1900 kurten hier Großbürgertum und Adel zu Zehntausenden, die sich teils immer noch per Badekarren in die atlantische Brandung schieben und erst dort ihre Hüllen fallen lassen. Wahrscheinlich nur kurz, denn selbst im August übersteigt die Wassertemperatur selten 17 Grad.

Golfplätze und Prominente

Sechzig Jahre später bröckelte kurz die Idylle aus reetgedeckten Friesenhäusern und wilhelminischen Bädervillen, als betönerne 15-stöckige Apartmentanlagen Westerland allmählich ein neues, lärmendes Gesicht gaben. Bald auch mit Windsurf-Worldcup und Kitesurf-Trophy, Oktoberfest, Techno-Partys und ähnlichen Belustigungen, als Maskenpflicht für Lebensretter noch eine wirre Vision war. Dazu vier Golfplätze, mitten drin in den blühenden Dünen der baumarmen Insel, wo sich kleine Pensionen ducken und es nirgends weit zum Meer ist. Reinhard Mey hat hier ein Häuschen. Theodor Storm und Emil Nolde liebten die Insel, Günter Jauch und Jürgen Klopp tun’s noch immer. Und Otto Waalkes stellt bisweilen seine Bilder aus, im alten Kurhaus.

Bloß mehr als tausend Menschen dürfen derzeit nicht zusammenkommen, so will es das Gesetz. Das 36. Weihnachtsbaden am 26. Dezember ist aktuell die erste Großveranstaltung auf der Insel, die nicht abgesagt ist. Bis dahin lässt sich’s eben prima zu Hause sitzen und lesen – auf Amazon.de sind hunderte Romane, Krimis und Kurzgeschichten gelistet, die einen Bezug zur Insel haben – es geht um Sturmvögel und blutige Dünen, Sternschnuppen, Sturmfluten und Sahne.

Ein Paradies mit Ablaufdatum?

„Die Reize dieser Insel sind keusch und karg und lenken den Sinn auf Grog. (...) Wir reisen wieder – gut dass Kliffende bleibt“, schrieb Thomas Mann 1927 über sein Feriendomizil in der Kampener Heide, das 1990 bereits an der Abbruchkante zur Nordsee stand und sich heute im Eigentum der Deutschen Bank befindet. Denn das Meer frisst sich landeinwärts, mit stetig wachsender Geschwindigkeit. Die Insel Sylt existiert eigentlich erst seit 400 Jahren, auch wenn sie bereits nach 1100 so bezeichnet wurde – doch damals kam man bei Ebbe trockenen Fußes ans Festland, was sich in den folgenden Jahrhunderten verändert hat.