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Taiga der Vergessenen

1945 1960 1980 2000 2020

In Russland leben Millionen Menschen nichtrussischer Ethnien. Im Alltag haben sie große Nachteile. Ein Report über Vorurteile und Rassismus.

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In Russland leben Millionen Menschen nichtrussischer Ethnien. Im Alltag haben sie große Nachteile. Ein Report über Vorurteile und Rassismus.

Pawel Kanotejew (28) (Name von der Red. geändert) ist ein Chakasse aus Abakan, Hauptstadt der Republik Chakassien in Russland. Seine Muttersprache ist Russisch. Chakassisch beherrscht er nicht. Pawel beklagt sich, dass man hier als junger Spezialist kaum Chancen zum Überleben hat. "Eine Familie nebst eigener Wohnung zu finanzieren, ist beinah unmöglich. Ich habe bereits in einer Baracke gelebt." Als Ökologe übte er fünf Jahre lang seinen Beruf aus, dann suchte er eine Zeit lang nach besseren Verdienstquellen und landete schließlich in einem Zoo.

Das Gehalt war ernüchternd. So entschloss er sich auszuwandern. Das Projekt: "Ich möchte nach Petersburg umziehen, die Großstadt bietet mehr Möglichkeiten, daher kann man dort auch der Segregation entgehen. Obwohl es mir klar ist, dort wegen meines Aussehens von Boneheads niedergestochen oder von Hooligans verprügelt zu werden. Mit der Visage kann ich aber in einem Sushi-Imbiss arbeiten. Ein bekannter Tuwiner war als Japaner in Sankt Petersburg tätig", schmunzelt er.

Russland den Russen, aber allen!

"Russland den Russen!" - diese Parole ist vom Japanischen bis zum Schwarzen Meer bekannt. Man vergisst oder weiß nicht, dass der Vielvölkerstaat Russland knapp 200 Völker und Subethnien vereint. Russland besteht unter anderem aus 21 Nationalrepubliken, vier Autonomen Gebieten und einer Autonomen Oblast mit jeweils eigenen Verwaltungsstädten. Außerdem gibt es 12 nationale Rajone. 20 weitere besitzen den Status des Nationalrajons zwar nicht, stellen faktisch aber einen Rajon dar.

"Selbstverständlich gibt es dumme Menschen, die glauben, dass Russland den Russen gehört, noch schlimmer - den Hellhäutigen, und das ist lächerlich", meint Ökologe Pawel Kanotejew aus Abakan, "das, was östlich der Wolga kommt, ist ein Kessel der Nationen. Chakassien kennen selbst in Moskau bei Weitem nicht alle."

Für Kanotejew sind alle Bürger der Russischen Föderation Russen. Seine Meinung teilt er mit vielen Indigenen, wobei sie damit nicht das ethnisch Russische meinen, sondern "Russländer" zu sein. Dieser Begriff ist allerdings nur wenig im alltäglichen Sprachgebrauch präsent, was den multinationalen und multikulturellen Charakter des Landes verschleiert. Über 100 Sprachen und Dialekte der 15 Sprachfamilien werden hier gesprochen, hinzu kommen noch unzählige Mundarten. 22 Sprachen gehören zusammen mit Russisch zu den Amtssprachen. Es gibt auch welche, die lokal zu den offiziellen Sprachen zählen.

In ihrer Vielfalt gehören die Russländer unter anderem zu den Slawen, Wainachen, finno-ugrischen, mongolischen, nordkaukasischen, paläosibirischen, samojedischen, tungusischen und Turkvölkern. In dem flächenmäßig größten Staat der Erde, der genügend Platz für alle bieten sollte, werden verschiedene Urschöpfer angebetet, es gibt die Heiligen der russischorthodoxen Kirche und des Islams bis zu den heidnischen Göttern, Schamanismus und Buddhismus.

Moskau den Moskauern

Die Chakassin Ljudmila Kostjakowa (51), Leiterin des Schriftstellerverbandes in Abakan, erzählt: "Für zehn Jahre lebte ich in Moskau. Was mich rettete, ist mein untypisch asiatisches Äußeres. Ebenfalls, dass ich nur in wissenschaftlichen Kreisen, unter gebildeten Menschen, verkehrte."

Moskau, "das Herz unseres Landes", wird immer wieder als ein separates Land betrachtet. Die Parole "Russland den Russen!" wird hier durchaus gerne mit "Moskau den Moskauern!" erweitert. "Hier ist Moskau, wir haben unsere eigenen Gesetze und die Gesetze des restlichen Landes interessieren uns nicht", war einmal die Aussage eines Polizisten mir gegenüber auf dem Roten Platz.

Moskau, die am meisten entwickeltste und reichste Stadt, bietet Chancen und Möglichkeiten, die die Großzahl der restlichen Regionen nicht besitzen. Millionen von Arbeitssuchenden und Studenten aus ganz Russland samt Arbeitsmigranten aus den ehemaligen Sowjetrepubliken kommen nach Moskau, aber auch in die anderen Großstädte. Manche davon sind unwillig, sich den Sitten und Gesetzen anzupassen und tragen so zu Vorurteilen und damit zu einem Generalverdacht bei. Der Grund für die Arbeitslosigkeit wird dabei auch den Gastarbeitern vorgeworfen. Dabei halten viele Moskauer jene Jobs, welche die Arbeitsmigranten verrichten, für unwürdig und zu niedrig bezahlt. Für sie selbst kommen diese Jobs nicht infrage.

Der Georgier Nika Torosaschwili, Anfang 40, zog aus dem georgischen Gori nach Moskau um, nur um eines Tages aufs Schlimmste verprügelt zu werden. Aber er scheint deshalb nicht einmal gekränkt: "Ich habe vollstes Verständnis dafür. Es ist unvorstellbar, wie viele Kaukasier inzwischen hier leben und wie unverschämt sich manche benehmen."

Die Buddhistin Swetlana Badmajewa (25) aus Ulan-Ude, der Hauptstadt der Republik Burjatien, lebte eine Zeit lang in Sankt Petersburg. Die Halb-Burjatin kontaktierte telefonisch mehrere potenzielle Arbeitgeber. "Sobald ich sagte, woher ich stamme, wurde aufgelegt. Ich rief erneut an und betonte, dass ich Bürgerin der Russischen Föderation bin und wieder wurde aufgelegt." Später gehen wir ins Kino. Der Film zeigt eine Burjatin, die in einen Russen verliebt ist. Sie wollen heiraten, prallen aber auf Widerstand beider Eltern. Die Geschichte findet dennoch ein glückliches Ende. Swetlana sagt: "Meine Mutter stellt sich nur einen Burjaten als meinen zukünftigen Ehemann vor, aber das ist Quatsch!"

Der Durchschnitts-Russe ist zumeist nicht in der Lage, einen Tadschiken oder Usbeken von einem Russländer, der zu einem Turkvolk oder einer mongolischen Ethnie gehört, zu unterscheiden. Abgesehen davon, sind die meisten Urvölker Russlands vielen nur vage oder gar nicht bekannt, und dadurch können sie wenig mit den nationalen Föderationssubjekten anfangen. Der Ewene Wassili Andargan (35) (Name geändert) aus Jesso in dem Bystrinskij Rajon auf der Halbinsel Kamtschatka meint: "Moskau gibt mir das Gefühl, ein Ausländer zu sein. Ich werde dort auf Englisch angesprochen." Aggressivität hat er aber noch nie erlebt. Der Tschuktsche Andrej Klimko (60) in Anadyr, im Autonomen Kreis der Tschuktschen, sagt: "Man hält uns für dumm, aber man kennt uns doch gar nicht und so entstehen Vorurteile."

Gegen die sogenannte Invasion aus Zentralasien, den kaukasischen Republiken und den transkaukasischen Staaten veranstalten die Nationalisten in vielen Städten des Landes die "russischen Märsche". Die Teilnehmer rufen Parolen: "Russland den Russen!","Ende der Okkupation -Freiheit für Russen!", "Wir sind die Russen! Gott mit uns!" usw. Aber dabei bleibt es nicht. Es gab mehrere Fälle, bei denen Migranten misshandelt oder gar ermordet wurden. Seit Neuestem gibt es immer wieder Auseinandersetzungen mit Chinesen, die in großer Zahl nach Sibirien und den Fernen Osten übersiedeln. Und auf der anderen Seite gibt es Fälle von Vergewaltigungen und Morden von Migranten gegenüber Russen. Einige Russen erinnern sich auch an die 1990er-Jahre, als sie aus den Nationalregionen geflüchtet sind, weil dort Russen getötet wurden.

Der entzweiende Staat

Die Tschetschenin Chena ist stellvertretende Leiterin eines Krankenhauses im tschetschenischen Grosny im Kaukasus. Die Muslimin erzählt: "Man tötet bei uns keinen Russen! Die ganzen Debatten, wie schlimm es hier sei, kommen von oben. Der Staat entzweit die Menschen. Sehr lange lebte ich in Smolensk im westlichen Russland und besuchte dabei auch andere Städte. Ich habe nie Diskriminierung erlebt. Allerdings wurde ich bei meinen Reisen ständig von der Polizei angehalten und kontrolliert. Weil ein Tschetschene eine russische Frau grob anmacht, heißt es doch nicht, dass alle Tschetschenen so sind!"

Es wird eine Grenze in den Köpfen zwischen dem Kaukasus und dem restlichen Land gezogen. So entstehen bei den Bürgern der Russischen Föderation, die außerhalb des Kaukasus leben, eine Kaukasus-Phobie. Eine tschetschenische Ärztin merkt an, dass "keiner in Russland glauben wird, dass hier normale Menschen leben". Dabei wird diese imaginäre Grenze auch von der anderen Seite verbal verstärkt. Der Darginer Amir Arslanow im dagestanischen Kaspijsk wundert sich: "Einige der hiesigen Einwohner sagen beispielsweise: 'Wissen Sie, wie es in Russland sein kann, wenn ...' Aber das ist falsch! Man muss 'in einer anderen Region' sagen. Wir alle leben in Russland. Die Segregation ist aufgezwungen, auch vom Fernseher. Wenn ein Kaukasier ein Verbrechen begeht, wird stets betont, dass derjenige aus dem Kaukasus stammt. Tatsache ist, dass die Absonderung betrieben wird, aber die Gründe dafür sind nicht nachvollziehbar."

Der Staat bekämpft Nationalismus und sät zugleich großrussischen Chauvinismus. Aber wofür? Diese Frage bleibt offen. So sind Formulierungen wie "Gesicht von nicht-slawischem Aussehen" und "Gesicht kaukasischer Nationalität" im Zusammenhang mit kriminellen Berichten in den Medien und in den Polizeiprotokollen gängig. Dennoch hört man gelegentlich, dass die Polizei bei ethnischen Schlägereien Befehl hat, die Nichtrussen zu schonen.

Jewgenija Jendonowa (31), eine buddhistische Burjatin aus Ulan-Ude, berichtet bestürzt über ein Erlebnis an der Universität: "Unsere Englischlehrerin teilte uns Fragebögen aus, in denen es sich darum drehte, wen man für klüger hält, einen Burjaten oder einen Russen. Ich habe keine einzige Frage beantwortet und schrieb nur, dass das Blödsinn ist. Ich kann das nicht nachvollziehen, wie man solche Fragen stellen kann. Und dazu noch an der Uni." Sie berichtet auch, dass sie außerhalb Burjatiens schiefe Blicke erntet. Ferner vermerkt sie: "In den anderen Regionen kommt vor, dass Kaukasier diskriminiert werden. Bei uns aber nicht. Deswegen kommen sie gerne nach Burjatien. Wächst man so wie bei uns in multikultureller Gesellschaft auf, wird man eben toleranter."

Indigene erleben aber auch in ihren Nationalrepubliken Diskriminierung -durch Russen. Die Komi-Syrjanin Walentina Cholopowa (26) aus Syktywkar, der Hauptstadt der Republik Komi, klagt: "Die Russen lachen die Jugendlichen aus, wenn sie auf Komi sprechen. Sie nennen uns Komjaki (das klingt wie Chomjaki -Hamster) statt Komi. Das ist beleidigend. Zweifelsohne erfährt man hier eine Unterdrückung."

Boden für Nationalismus

Die Binnenwanderung bereitet weiteren Boden für Nationalismus. Die Jakuten Tujaara Kornilowa (23) und Jegor Slepcow (22) leben in Jakutsk, der Hauptstadt der Republik Sacha. Da sie nicht auf dem Land zur Welt kamen, sprechen sie nur Russisch. "Es kommt vor, dass die Menschen unzufrieden damit sind, dass ich Jakutisch nicht beherrsche und bezeichnen das als eine Schande", sagt Jegor. "Wir haben uns daran gewöhnt, aber wenn wir einen Mambet sehen, der betrunken ist, fliehen wir gleich", meint Tujaara. Als Mambet werden die ungebildeten Dorfbewohner bezeichnen, die nach Jakutsk umsiedeln und sich ungezogen und aggressiv verhalten. "Wenn so ein Mambet uns auf Jakutisch ansprechen sollte, wird er merken, dass wir nichts verstehen. Dann wird es brenzlig." Tujaara erzählt, dass man auch zu einer Zielscheibe werden kann, wenn man als Jakutin mit einem Russen unterwegs ist. Manche Mambet mögen das nicht. In Jakutien gibt es Siedlungen, so wie Tschuraptscha, da sollten die Russen lieber nicht auftauchen, da es gefährlich werden könnte. Eine ähnliche Situation gibt es auch in den anderen Republiken.

In den Nationalbezirken klagen somit auch die Russen, dass sie benachteiligt werden. Auch in den Städten mit großer Anzahl von Nichtrussen. Beispielweise in Tuapse in der Region Krasnodar: Michail Kalitenko (38) klopfte einmal einem Inguschen auf die Schulter und begrüßte ihn. Dabei verwechselte Michail ihn mit einem Bekannten und entschuldigte sich sofort, als er seinen Fehler bemerkte. Daraufhin bekam er zu hören: "Ein Russe entschuldigt sich bei mir nur auf den Knien." Das endete mit einer Massenschlägerei. Ethnischen Schlägereien sind in Russland inzwischen keine Seltenheit mehr.

Die Strophen eines bekannten sowjetischen Liedes, "als ein einziger Mensch wird das ganze sowjetische Volk ", wurden längst verdrängt. So wie die Aussage des sowjetischen Armeegenerals Wassili Margelow: "Die Hautfarbe und die Augenform spielen keine Rolle, für die Feinde sind wir allesamt Russen." Doch die in der russischen Hymne erwähnten Strophen "der Brudervölker jahrhundertealter Bund" entsprechen nicht ganz der Realität. Um dieses Problem zu vertuschen, berichten Medien über die "Flüchtlinge, die aktuell in Europa einfallen".

Der Autor ist freier Journalist in Russland und den ehemaligen Sowjetrepubliken

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