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USA Wahlen

Trump - © Foto: APA / AFP/ Saul Loeb (Bildbearbeitung: Rainer Messerklinger)
International

Trump: Verschwörung, anders herum

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Kann Trump sich halten, obwohl er die Wahl verloren hat? Er klagt über eine Verschwörung der Demokraten. Aber was, wenn niemand anderer als er selbst der Wahlverdreher wäre? Ein dystopisches Gedankenspiel.

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Kann Trump sich halten, obwohl er die Wahl verloren hat? Er klagt über eine Verschwörung der Demokraten. Aber was, wenn niemand anderer als er selbst der Wahlverdreher wäre? Ein dystopisches Gedankenspiel.

Unlängst fragte eine Freundin auf Facebook, ob denn jetzt schon Hinz und Kunz sich bemüßigt fühlen dürfen, Donald Trump lächerlich zu machen. Die Reaktionen zeigten ein relativ eindeutiges Bild: Verständislosigkeit. Ja
sicher doch sollte man spotten dürfen, warum denn auch nicht? Benähme sich der Kerl denn nicht seit Jahren wie ein verzogener Fratz? Und wurde er dafür nicht gerade abgewählt?

Trumps Weigerung, das Wahlergebnis anzuerkennen, wurde, wie so vieles in den vergangenen vier Jahren, als „Infantilität“ des Präsidenten wahrgenommen. Aber gar so impulsiv war der Trotz nicht. Immerhin hatte der Präsident mehrfach angekündigt, das Ergebnis dieser Wahl nicht zu akzeptieren, wenn es zu seinen Ungunsten ausfiele. Wenn man nun die Fakten über diese Wahl zum Schlimmst-Vorstellbaren für die Demokratie ordnet (weil die Erfahrung mit Trump das so befiehlt), dann kommt noch Schlimmeres hervor. Man könnte es hier mit einem Mann zu tun haben, der sich lange auf diese Situation vorbereitet und sich eine Taktik zurechtgelegt hat, deren Eckpunkte er schon seit Monaten umsetzt.

Unlängst fragte eine Freundin auf Facebook, ob denn jetzt schon Hinz und Kunz sich bemüßigt fühlen dürfen, Donald Trump lächerlich zu machen. Die Reaktionen zeigten ein relativ eindeutiges Bild: Verständislosigkeit. Ja
sicher doch sollte man spotten dürfen, warum denn auch nicht? Benähme sich der Kerl denn nicht seit Jahren wie ein verzogener Fratz? Und wurde er dafür nicht gerade abgewählt?

Trumps Weigerung, das Wahlergebnis anzuerkennen, wurde, wie so vieles in den vergangenen vier Jahren, als „Infantilität“ des Präsidenten wahrgenommen. Aber gar so impulsiv war der Trotz nicht. Immerhin hatte der Präsident mehrfach angekündigt, das Ergebnis dieser Wahl nicht zu akzeptieren, wenn es zu seinen Ungunsten ausfiele. Wenn man nun die Fakten über diese Wahl zum Schlimmst-Vorstellbaren für die Demokratie ordnet (weil die Erfahrung mit Trump das so befiehlt), dann kommt noch Schlimmeres hervor. Man könnte es hier mit einem Mann zu tun haben, der sich lange auf diese Situation vorbereitet und sich eine Taktik zurechtgelegt hat, deren Eckpunkte er schon seit Monaten umsetzt.

Einer sagte einmal: ‚Ich könnte jemanden erschießen, und sie würden mich trotzdem wählen.‘ Es war Donald Trump. Er ist nicht lächerlich, sondern brandgefährlich.

Was wäre diese Strategie? Schon in der ersten Präsidentschaftsdebatte und in seinen Haus-Medien auch lang davor hat der Präsident Briefwahlstimmen in die Nähe des Betrugs gerückt: „Something really bad is happening.“ Dieses „Schlimme“ für Trump dabei waren aber nicht echte Betrügereien. Das Schlimme war, dass Trump wusste, die Briefwähler würden ihn sein Amt kosten. Denn nicht nur sind sie für gewöhnlich überwiegend Demokraten und Stadtbewohner. In der Pandemie-Lage kamen noch alle Menschen dazu, die Angst vor Covid-Ansteckung hatten. Also alle, die Trumps Covid-Verharmlosungen nicht glaubten.

Alles gegen die Briefwahlstimmen

Der abgewählte Präsident machte das einzig Mögliche, um im Amt zu überleben. Er brandmarkte die Briefwahlstimmen als kriminell, während er seine eigenen Wähler aufrief, ihre Stimmen erst am Wahltag abzugeben. Geholfen haben dabei jene republikanischen Politiker, die in den Swing-States verhinderten, dass Briefwahlstimmen vor oder gleichzeitig mit den Stimmen des Wahlabends ausgezählt wurden.

Aber es geht noch weiter: Im Mai wurde die Leitung der US-Post neu von Trump ­besetzt, mit Louis DeJoy, der das ohnehin krisengeschüttelte Unternehmen noch einmal destabilisierte und die Mitarbeiter der Zustellungsabteilung personell ausdünnte. Trotz einer teilweisen Zurücknahme nach Protesten zeigte sich am Wahlabend das Ergebnis: Erstmals in der Geschichte mussten richterliche Anordnungen sicherstellen, dass die Stimmzettel, die unbearbeitet in Poststellen lagerten, auch zugestellt wurden. Wie viele Stimmen auf diese Weise liegen blieben, muss sich erst noch herausstellen.

Dann musste Trump nur noch auf den Moment warten, in dem die Zählung dieser Stimmen in den meisten Staaten beginnt. Ab da setzte die scheinbar irre Offensive aus dem Weißen Haus ein, in der mit Blockbuchstaben und Ausrufezeichen Skandal, Wahlfälschung und Betrug gerufen wird. Dafür gab es zwar Kopfschütteln in den etablierten Medien, aber die ersten bewaffneten Trump-Anhänger vor den Wahllokalen. Man wagt nicht zu denken, was passiert wäre, wenn es in Mericopa/Arizona nicht Einheiten des Sheriffs vor den Stimmenauszählungslokalen gegeben hätte. Und doch sollte man es wagen. Sicher: Das eine ist, Betrug zu schreien, das andere ist, ihn auch zu beweisen.

Das werden die rechtsgeschulten Kommentatoren der Wahlen nicht müde zu betonen. Aber manchmal nutzt auch allein das Schreien von Lügen und Unwahrheiten, um zu einem bestimmten Ziel zu kommen. Das Ziel wäre also gar nicht eine gerichtliche Entscheidung in der Sache. Deshalb sind die haltlosen Klagen nur Makulatur. Was, wenn das Rufen des Präsidenten über kriminelle Demokraten und Wahldiebstahl nicht den Gerichten, sondern nur den Trump-Anhängern gilt. Dazu passt auch, dass Trump eine neue Staffel von Auftritten vor seinen Anhängern plant. Unter ihnen befinden sich Kreaturen, die sich bewaffnen, bevor sie protestieren gehen, und erst dann Ruhe geben, wenn Trump wieder Präsident ist. Es sind jene, die jedes einzelne Wort dieser scheinbar wirren Tweets auswendig können und die alles bis auf Punkt und Beistrich glauben. Wenn man eins und eins zusammenzählt, weiß man, wie sie reagieren, wenn die Gerichtsurteile zu ihren Ungunsten ausgehen.

Man kann diese Dystopie auch so zusammenfassen: Was, wenn derjenige, der hier am lautesten Betrug schreit, gerade dabei ist, den eklatantesten Wahlbetrug selbst zu begehen, den es gibt: die Verwandlung einer Demokratie in Verwirrung, Chaos und Gewalt? Einer sagte einmal: „Ich könnte jemanden erschießen, und sie würden mich trotzdem wählen.“ Es war Donald Trump. Er ist nicht lächerlich kindisch, sondern gefährlich professionell.